Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Fr, 26.10.2018


Natur

Auch mit kleinen Fußabdrücken geht es weit hinauf

Am Berg macht sich der Klimawandel schon bemerkbar. Wintersportler sind ein Teil des Problems, sie können aber auch bei der Lösung helfen – die Organisation „Protect our Winters“ zeigt, wie.

Weltcup-Siegerin Eva-Maria Brem tritt für die Werte der Klimaschutzorganisation „Protect our Winters“ ein.

© bremWeltcup-Siegerin Eva-Maria Brem tritt für die Werte der Klimaschutzorganisation „Protect our Winters“ ein.



Von Matthias Christler

Innsbruck — Man spürt, der Winter steht vor der Tür. Viele Wintersportler können den Schnee schon riechen. Heuer noch — und in einem Jahr, in zehn Jahren? Die Frage mag übertrieben klingen, doch auf der ISSW Anfang Oktober in Innsbruck, der weltgrößten Schnee-Fachkonferenz, gab es Experten, die für die Alpen düstere Szenarien prognostizierten. Weiße Schneebänder wie bei den Kitzbüheler Bergbahnen werden demnach in Zukunft nicht nur im Herbst für Diskussionen sorgen, sie könnten in Tirol die Regel werden. Dass man in Gletscherskigebieten mit Kunstschnee nachhelfen muss, hat vor 20 Jahren auch niemand für möglich gehalten. Für die einen sind Kunstschnee und Skihallen die Rettung, andere — dazu gehört Amelie Stiefvatter — suchen die Lösung bei sich selbst. Die 28-jährige Sport-Journalistin aus Salzburg leitet seit diesem Jahr den Österreich-Ableger der Organisation „Protect our Winters", kurz POW.

In der Wintersportszene ist die Sehnsucht groß nach „Pow", kurz für „Powder", also Pulverschnee. Man braucht „Power", Kraft, damit man in Zukunft noch seine Schwünge in frisch verschneite Hänge ziehen kann. „Wir in der Outdoorsportbranche sind alle Teil des Problems, wir fliegen oft weg, wir fahren mit dem Auto zu Skigebieten, aber lass uns Teil der Lösung sein", wirbt Stiefvatter, deren Mutter aus Landeck stammt, bei Wintersportlern dafür, mit gutem Beispiel voranzugehen.

Man kann nämlich ohne großen CO2-Fußabdruck schöne Skitage erleben. POW gibt sieben Tipps: Reise verantwortungsvoll. Ernähre dich bewusst. Gib dein Geld bewusst aus. Lebe einfacher. Mach dich schlau. Nutze deine Stimme. Und engagiere dich.

Für Stiefvatter sieht ein perfekter Skitag so aus: „Man trifft sich gemeinsam mit Freunden, steigt in den Zug, fährt also mit öffentlichen Verkehrsmitteln zum Skigebiet oder noch besser zum Start einer Skitour. Die Verpflegung, die man mithat, stammt von regionalen Produzenten. Auf Wegwerf-Plastikflaschen wird verzichtet. Und dann kann man die Natur wirklich genießen."

"In Schulen merken wir, wie gut das Thema ankommt. Da sind richtige kleine Ökos dabei", so Amelie Stiefvatter (Präsidentin POW Austria).
"In Schulen merken wir, wie gut das Thema ankommt. Da sind richtige kleine Ökos dabei", so Amelie Stiefvatter (Präsidentin POW Austria).
- pow

Über mehrere Schienen versucht die 28-Jährige, diese Denkweise unter die Leute zu bringen. Eine Möglichkeit ist, mit bekannten Gesichtern an die Öffentlichkeit zu gehen. Kürzlich hat sich die Tiroler Skifahrerin Eva-Maria Brem der Bewegung angeschlossen. „Teil von ?Protect our Winters' zu sein, ist für mich eine Herzensangelegenheit." Der Einsatz für den Klimaschatz beginne schon damit, dass man den Müll vom Berg mit herunternimmt und nicht liegen lässt — so will Brem den POW-Slogan „Schütze, was du liebst" vorleben.

Mit der Bildungsinitiative „Hot Planet, Cool Athletes" geht die Organisation an Schulen, heuer war man u. a. in der NMS Alpbach. „Das Thema wird von der Industrie aufgenommen, es gibt Klamotten aus recyceltem Material, man kann Jacken zurückschicken und reparieren lassen, da springen viele gerade auf den Klimaschutz auf. Und vor allem bei den Jungen merke ich, wie sehr sie das Thema fesselt. Die informieren sich von sich aus", sagt Stiefvatter und fügt hinzu, natürlich lobend: „Da sind richtige kleine Ökos dabei."

Von jemand anderem kann man das nicht behaupten: Donald Trump. Und trotzdem hat „Protect our Winters", 2007 vom US-Snowboarder Jeremy Jones gegründet, mittlerweile so ein Standing, dass Vertreter der Organisation zweimal pro Jahr eine Audienz im Weißen Haus bekommen. 130.000 Unterstützer gibt es weltweit, in Österreich zählt man 600. Ab einem Jahresbeitrag von 30 Euro kann man aktives Mitglied werden.

Derzeit wird versucht, die Zusammenarbeit mit den ÖBB auszubauen. Stiefvatter hofft auf mehr: dass mehr Skigebiete aufspringen und sich eben jeder Einzelne überlegt, ob es ein Heli-Skiurlaub in Kanada sein muss oder nicht tolle Skitouren vor der Haustür eine schönere, vor allem CO2-freundlichere Alternative sind.

Beim Klimaschutz ist es wie beim Wandern auf einen Berg oder beim Tourengehen: Jeder Schritt zählt — und ganz besonders der erste.