Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Di, 27.11.2018


Exklusiv

„Artensterben in Tirol kann aufgehalten werden“

In Tirol sterben, wie im restlichen Österreich, seit Jahren dramatisch viele Wirbeltierarten aus. Besonders Klimawandel, Landwirtschaft und Siedlungsbau setzen ihnen zu.

Während Vögel, Fische und Amphibien besonders vom Artenschwund betroffen sind, ist der Bestand der großen und kleinen Säugetiere in Tirol gesichert. Es gibt gar Rückkehrer. (Symbolfotos: Böhm (2)/TT, Murauer/Alpenzoo Innsbruck)

© Während Vögel, Fische und Amphibien besonders vom Artenschwund betroffen sind, ist der Bestand der großen und kleinen Säugetiere in Tirol gesichert. Es gibt gar Rückkehrer. (Symbolfotos: Böhm (2)/TT, Murauer/Alpenzoo Innsbruck)



Von Benedikt Mair

Innsbruck, Wien – Mehr als zwei Drittel, etwa 70 Prozent aller Fische, Vögel, Amphibien und Säugetiere, sind in den vergangenen 30 Jahren aus Österreich verschwunden. Eine kürzlich veröffentlichte Zahl, die sich laut Experten in etwa eins zu eins auf Tirol herunterbrechen lässt. Eine alarmierende Erkenntnis. Artenbestand und -vielfalt sind aber nicht unwiederbringlich verloren. Mit den richtigen Maßnahmen lässt sich dem Prozess entgegenwirken.

Die noch nicht veröffentlichte Studie, aus der die besorgniserregenden Zahlen stammen, wurde bereits vergangene Woche von Nikolaus Szucsich, Biologe am Naturhistorischen Museum in Wien, auszugsweise vorgestellt. Wenn der Mensch seinen Einfluss auf die Biosphäre, also den gesamten von Lebewesen bewohnten Raum, nicht reduziere, müsse er mit einem katastrophalen Zusammenbruch rechnen, sagte der Wissenschafter. Langfristig könne solch ein unausgewogenes System mit derartigen Verlusten nicht existieren. Sprich: Ganze Ökosysteme könnten zusammenbrechen.

Besonders fragile und von sehr spezialisierten Tieren und Pflanzen bewohnte Lebensräume sind bedroht – wie eben jener der Alpen. „Die Arten, die dort leben, werden wegen des massiven Klimawandels in den nächsten Jahren ziemlich ins Schwitzen geraten. In tiefere Lagen können sie nicht vordringen und nach oben hin ist irgendwann auch fertig“, sagt Anton Vorauer, in der Abteilung Umweltschutz des Landes speziell für den Fledermausschutz zuständig.

In einem Menschenleben könne man derzeit das Artensterben beobachten: „Ich bin jetzt 50 Jahre alt und kann selbst sehen, wie immer mehr Tiere verschwinden. Gewissen Wirbeltiergruppen geht es zusehends schlechter“, schildert Vorauer. Bei den Fischen etwa seien in Tirol in den vergangenen Jahren etwa 90 Prozent der Arten ausgestorben, auch bei den Amphibien und Vögeln sehe es schlecht aus. „Lediglich bei den Säugetieren gibt es – noch – keinen großen Schwund zu verzeichnen. Dort gibt es gar einige Rückkehrer, wie etwa den Biber.“

Von „drastischen Artenrückgängen“ weiß auch Landesumweltanwalt Johannes Kostenzer zu berichten. „Auch wenn es für Tirol keine spezifischen, empirischen Zahlen dazu gibt“, sei das Aussterben der Wirbeltiere eine Tatsache, die nicht von der Hand zu weisen sei. Der Grund dafür? „Es sind mehrere“, sagt Kostenzer. „Zu einem guten Teil liegt es an unserer Landwirtschaft, die sich immer weiter ausbreitet und damit viele Flächen, die von Tieren genutzt werden, verbraucht. Auch werden zunehmend giftige Pestizide verwendet.“ Doch auch der Siedlungs- und Straßenbau mache den Arten zu schaffen, der Klimawandel setze all dem laut Umweltanwalt die Krone auf.

Zu einem gewissen Grad sei auch das in der Bevölkerung fehlende Verständnis für die Entwicklungen mit schuld. Kostenzer: „Solange es auf den Wiesen und in den Wäldern grün ist, wird der Artenschwund von vielen Menschen nicht als sonderlich dramatisch angesehen.“ Der schleichend ablaufende Vorgang des Aussterbens könne nicht von heute auf morgen umgekehrt werden, glaubt er. „Aber es kann aufgehalten werden. Zum Beispiel durch die schrittweise Verringerung des hohen Flächendrucks. Das Land ist hier gefordert, es muss endlich einen strategischeren Zugang zu diesem Thema finden.“

Weniger optimistisch ist Anton Vorauer, wenn es um die Frage geht, ob ein Umkehren noch möglich ist: „Das geht zack bumm!, und der nächste Lebensraum verschwindet.“ Für ihn steht fest, dass besonders der „ungebremste Flächenverbrauch“ gestoppt werden muss.