Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Do, 03.01.2019


Tirol

Tierwohl in Tirol: „Keine heile Heidi-Welt zeigen“

Die Landwirtschaftskammer will im Jahr 2019 das Thema Tierwohl in den Fokus rücken. Denn der Handel würde den Begriff immer mehr für sich vereinnahmen, sagt Präsident Hechenberger.

Bei vielen Bauern ist die zeitweise Anbindung im Stall – besonders im Winter – derzeit noch gang und gäbe. Eine Kontroverse darum gab die Initialzündung für den Jahresschwerpunkt der Landwirtschaftskammer. (Symbolfoto)

© Thomas BöhmBei vielen Bauern ist die zeitweise Anbindung im Stall – besonders im Winter – derzeit noch gang und gäbe. Eine Kontroverse darum gab die Initialzündung für den Jahresschwerpunkt der Landwirtschaftskammer. (Symbolfoto)



Von Benedikt Mair

Innsbruck – Eine groß angelegte Informationsoffensive soll es richten. Und die Bedeutung der Bauern für das Wohl ihrer Tiere wieder mehr in das Bewusstsein der Menschen bringen – so plant es zumindest die Tiroler Landwirtschaftskammer. Die Interessenvertretung setzt im Jahr 2019 einen Schwerpunkt zum Thema Tierwohl. Mit schriftlichen Publika- tionen, Videobeiträgen und Veranstaltungen am Hof soll der Bevölkerung längst verlorenes Wissen wieder vermittelt werden.

Die Initialzündung für die Wahl genau dieses Jahresschwerpunktes gab eine Kontroverse zwischen der Supermarktkette Hofer und mehreren Milchbauern, räumt Josef Hechenberger, Präsident der Tiroler Landwirtschaftskammer (LK), ein. Der Fall habe gezeigt, dass aus Sicht der Bauern einiges ins rechte Licht zu rücken sei, sagt er.

Zur Erinnerung: Die Hofer-Biomarke „Zurück zum Ursprung“ verlangt seit Anfang Juli vergangenen Jahres von ihren rund 1700 Milchbauern, dass die Kühe mindestens zwei Stunden Auslauf im Freien haben. In Osttirol sorgte dies für Aufregung, weil demnach 117 Biobauern ihre Milch nicht mehr an die Supermarktkette liefern konnten. Inzwischen wurde ein Kompromiss gefunden. Die Molkerei in Osttirol wird den Bio-Milchbauern bis 2020 die garantierten Projektzuschläge zahlen. Wer dann seinen Betrieb aber nicht umrüstet, um den täglichen Auslauf der Kühe zu garantieren, wird die Milch an andere Anbieter – eventuell zu günstigeren Konditionen – verkaufen müssen.

Was LK-Präsident Hechenberger an der ganzen Debatte besonders störte, ist die Tatsache, dass sich ein Lebensmittelkonzern dazu auserkoren hat zu entscheiden, wann und warum es einem Tier gut geht. „Und ich will mir weder vom Handel noch von irgendeiner NGO vorschreiben lassen, was gut ist“, verleiht er seinem Ärger Nachdruck, denn „die Bauern und Bäuerinnen, jene Menschen, die tagtäglich mit den Tieren zu tun haben, wissen selber am besten, welche Faktoren das Wohl der Tiere beeinflussen“. Im bereits erwähnten Fall aus Osttirol heiße das für ihn, dass „Tierwohl mehr als nur die Form der Haltung im Stall bedeutet“. So gehörten etwa die Gesundheit der Tiere und die Pflege rund um die Uhr mit dazu.

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Unternehmen und Konzerne würden mit dem Modewort „Tierhaltung“ Werbung betreiben, dabei aber nicht die Realität abbilden, glaubt der Kammerpräsident. „Bei unserer Informationskampagne wollen wir kein heiles Heidi-Land zeigen, sondern den Alltag vieler Tiroler Landwirte und ihrer Tiere.“ Die zeitweise Anbindung im Stall im Winter sei für viele Bauern die einzige wirtschaftlich rentable bzw. aus Platzgründen machbare Variante. „Dafür sind viele Tiere im Sommer die ganze Zeit auf der Weide oder auf einer Alm.“

Die oft angebrachte Kritik, dass es viele Bauern mit der artgerechten Haltung nicht allzu ernst nehmen würden und daher jede zusätzliche Form der Kontrolle wünschenswert sei, lässt Hechenberger nicht gelten: „Natürlich gibt es auch bei den Bauern schwarze Schafe – so wie in jeder anderen Berufsgruppe auch. Aber für diese gibt es strenge Tierschutzgesetze. Und wer sich nicht daran hält, gehört streng bestraft.“

Es solle nicht vergessen werden, dass die Tiere für die Bauern auch ein wirtschaftlicher Faktor sind, mahnt er. „Wenn es meinen Kühen, Schafen, Ziegen gut geht, dann produzieren sie auch effektiver. Alleine deshalb hat jeder Bauer ein Interesse daran, dass sich die Tiere wohl fühlen.“

Konkrete Programmpunkte für die Informationskampagne sind noch keine fest- gelegt. Sie werden im Laufe der kommenden Wochen bekannt gegeben.