Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Do, 24.01.2019


Bezirk Schwaz

Hochwasserschutz rückt näher: Bevölkerung in Strass verunsichert

In Strass sind 520 von 840 Einwohnern betroffen, wenn ein 100-jährliches Hochwasser eintritt. Schutzmaßnahmen sollen das verhindern. Experten versuchen, Strassern die Angst davor zu nehmen.

Ohne Hochwasserschutz stehen 60 Prozent des Siedlungsgebiets von Strass bei einem 100-jährlichen Hochwasser bis zu drei Meter unter Wasser.

© Land TirolOhne Hochwasserschutz stehen 60 Prozent des Siedlungsgebiets von Strass bei einem 100-jährlichen Hochwasser bis zu drei Meter unter Wasser.



Von Eva-Maria Fankhauser

Strass i. Z. – Der Mehrzwecksaal in Strass war fast voll. Die Stimmung war ruhig. Aber in manchen Gesichtern zeichnete sich Unsicherheit, teils sogar Angst ab. Für die Strasser geht es um viel. Es geht um den Schutz vor dem nächsten Hochwasser. Ein Hochwasser, das so sicher kommt wie der nächste Regen – das stellte Bezirkshauptmann Michael Brandl an diesem Abend öfters klar.

Für die Experten des Landes von der Wasserabteilung sowie Hydrologie, Fachmann Reinhard Carli und BH Brandl war es teils keine einfache Diskussion. Immer wieder wurden ihre Berechnungen oder Erklärungen in Frage gestellt. Teils auch schlichtweg abgestritten. Doch sie hielten an ihren Studien und auch Erfahrungswerten fest. Mit viel Geduld beantworteten sie auch dieselben Fragen wieder und wieder.

Ein Thema hielt sich den Abend hindurch hartnäckig: Was ist mit der alpinen Retention? Das Land hat eine Potenzialstudie dazu in Auftrag gegeben. Kurz gesagt: „Jedes Hochwasser sieht anders aus. Man hat erkannt, dass nur ein Teil der möglichen 130 Becken wirksam ist. Das variiert bei jedem Hochwasserszenario. Die Becken haben zudem nur eine lokale Wirkung“, sagt Markus Federspiel (Abt. Wasserwirtschaft). In Gerlos etwa profitiere die Gemeinde unmittelbar vom Retentionsbecken. Doch die Wirkung auf den Inn sei nur minimal. „Das ist nicht glaubwürdig. Das muss ja etwas bringen“, sagte ein Strasser. Federspiel erklärte aufs Neue die Auswirkung von alpiner Retention und dass man diese auch in Tirol anwenden werde. „Aber für den Inn sind die Becken zu weit weg.“

Einige Zuhörer nannten als Rückstaumöglichkeit auch die Speicherseen im Zillertal oder den Sylvensteinspeicher. Peter Schuler (Schutzwasserwirtschaft) erklärte, wie diese Systeme auf ihre Umgebung wirken, und zeigte, dass im Zillertal und Bayern „völlig andere Verhältnisse“ vorherrschen. Auch andere Alternativen wurden geprüft. BM Karl Eberharter schüttelte den Kopf: „Wo sollten wir im Inntal denn einen Speicher wie den Sylvenstein bauen? Man darf da den Experten schon vertrauen.“

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„Und wer garantiert uns, dass der geplante Hochwasserschutz in Strass auch dicht ist und hält?“, fragte ein Anwohner. Carli gab zu, dass kein­e totale Abdichtung möglich sei. „Aber sonst würde man ja auch das Grundwasser absperren, was nicht gut wär­e“, sagte der Fachmann. Die Dammbauten seien erprobt und würden auch andernorts funktionieren. In Strass sind ein optimierter Rückhalteraum und eine natürliche Ausuferungsfläche geplant. Letztere besteht im Osten von Strass bis nach Schlitters. Für die optimierte Fläche wird ein Uferdamm errichtet, wo das Wasser ab einer bestimmten Höhe von selbst übertritt und in die Felder fließt. Weiter flussabwärts gibt es eine Stelle, wo das Wasser wieder in den Inn abrinnen kann. Siedlungs- und Gewerbe­gebiete werden mit Dämmen geschützt. Wie hoch oder lang diese ausfallen, dazu sind die Planungen noch zu wenig weit fortgeschritten. Auch in Rotholz soll auf Landesgrund ein optimierter Rückhalteraum entstehen.

Für Alfred Enthofer (Obmann des Vereins „Hochwasserschutz Tirol“) ist der derzeitige Hochwasserschutzplan ein Unding. Er pocht trotz Erklärungen und Studien der Experten auf alpine Retention. Weiters bemängelt er die bisher formulierten Statuten für den Wasserverband. „Die sind so, dass Strass kein Mitspracherecht hat. Außerdem müssen die Besitzer geschützter Objekte Geld in den Wasserverband zahlen“, sagte er.

Das dementierte BH Brandl: „Kein Häuslbesitzer muss in den Topf einzahlen. Das ist ein Missverständnis.“ Auch das Mitspracherecht sei gegeben. Brandl erklärte zudem mehrfach, dass der Hochwasserschutz Sache der Gemeinde ist. „Das ist aus rechtlicher Sicht so festgelegt.“

Enthofer betonte, dass er und sein Verein weiter gegen den „geplanten Wahnsinn“ an Schutzmaßnahmen ankämpfen werden. Er sei aber nicht gegen einen Hochwasserschutz. „Sicher bist du das. Du lässt uns alle absaufen“, ärgerte sich ein Strasser. Ein anderer Bewohner meinte, man könne ja abwarten und dann wie bisher den Schaden bezahlen. „Wir haben eh alle wasserdichte Keller.“ Brandl entgegnete: „85 % der Kosten trägt der Bund. Das Land lässt euch auch nicht im Regen stehen. Und von den Tragödien hinter einem Hochwasser reden wir erst gar nicht.“

Ein Strasser dankte den Hydrologen für ihre Arbeit und sagte: „Ich denke, keiner von uns will ein zerstörtes Haus oder Todesfälle.“