Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Do, 07.03.2019


Natur

Kampf um die letzten Standorte

Die Fließer Sonnenhänge sind ein Lebensraum für seltene Schmetterlinge. Doch die wertvollen Wiesen drohen langsam zu verbuschen. Ein Frühjahrsputz soll die Trockenrasen retten.

Der Apollofalter ist stark bedroht – in Fließ ist er noch zu finden. Aber sein Lebensraum schwindet.

© HuemerDer Apollofalter ist stark bedroht – in Fließ ist er noch zu finden. Aber sein Lebensraum schwindet.



Von Matthias Reichle

Fließ – Schon von Weitem hören Spaziergänger das Knattern von Motorsägen – ein leichter Benzingeruch hängt in der Luft. Am Wegrand liegen Asthaufen und warten auf den Abtransport. Zwischen Felsen, in einer Wiese, die so steil ist, dass man sie nur auf allen vieren erklimmen kann, steht Karel Cerny und bedient eine Motorsense. Der Ökologe und sein Team führen hier einen Frühjahrsputz der besonderen Art durch – sie entrümpeln die Fließer Sonnenhänge.

Es ist ein letztes Refugium seltener Schmetterlingsarten – viele kommen nur noch in Fließ vor, so Cerny. Seit den 70ern wurden 1100 Arten dokumentiert, wie zum Beispiel der Apollofalter. Doch ihr Lebensraum ist stark gefährdet, Büsche und Stauden drohen die einst artenreichen Trockenrasen in der Gemeinde zu überwuchern. Mit ihren mageren, steinigen Böden sind sie ein idealer Lebensraum für Insekten. Die traditionelle Beweidung mit Schafen und Ziegen ist allerdings zurückgegangen – im Auftrag des Naturparks Kaunergrat und der Arge Jaro Tirol übernehmen heuer Freiwillige, viele davon Biologen, diese Aufgabe.

Seit 2001 sind großen Teile der Fließer Sonnenhänge ein Naturschutzgebiet – aber auch dort ist es ein ständiger Kampf gegen die Verbuschung, wie sich zum Beispiel auch am Vögelebichl zeigt. Oberhalb des schmalen Pfades, den Cerny abgeht, wurde bereits ausgeholzt, darunter wachsen noch allerlei Stauden. „Dadurch verschwinden kleine Pflanzen, die eine Futterquelle für die Raupen sind und Nektar für die Falter bieten.“ Gewächse wie die Fetthenne, der Mauerpfeffer und der Hauswurz werden zurückgedrängt.

Laut Cerny ist tirolweit nur noch ein Bruchteil der alten Trockenrasen übrig. „In den letzten 30 Jahren hat sich die Situation verschlechtert, und schon damals haben sich die Leute beschwert, dass es früher mehr war“, sagt er. Seit den 50er-Jahren seien 90 Prozent der Flächen zerstört worden. „Fast alles wurde verbaut. Solche Trockenrasen gab es von Landeck bis zum Fernpass.“ Viele Arten haben heute statt 100 Standorten nur noch einen oder zwei. „Meine Dissertation könnte ich nicht mehr schreiben, weil viele der Schmetterlinge, die ich behandelt habe, hier ausgestorben sind.“

Umso kleiner die Flächen, umso besser müsse man sie pflegen, betont Naturparkgeschäftsführer Ernst Partl. Der Zustand des Schutzgebiets in Fließ sei gut, die Betreuung mache sich bezahlt. „Aber außerhalb ist in den letzten 30 bis 40 Jahren immer mehr Lebensraum verloren gegangen.“ Seit den 70er-Jahren sind 50 Prozent der alten Flächen verschwunden, das zeigen alte Luftbilder. Vor allem dort, wo der Druck durch die Beweidung zu gering ist. Derzeit gibt es in der Gemeinde noch rund 160 Hektar Trockenrasen.

Fließ wird vom Naturpark Kaunergrat derzeit als Schmetterlingsdorf aufgebaut – unter anderem ist ein Schmetterlings-Rundwanderweg in Ausarbeitung. Partl wünscht sich einen alljährlichen Frühjahrsputz – dafür sucht man Menschen, die sich dafür einsetzen, dass diese Kulturlandschaft erhalten bleibt. Bei der aktuellen Aktion werden noch Helfer benötigt. Freiwillige können am Samstag um 8.30 Uhr zum Parkplatz bei der Barbarakirche kommen und Werkzeuge wie Rechen, Gabeln und Arbeitshandschuhe mitbringen, so Partl. Anmeldung beim Naturpark Kaunergrat (Tel. 05449/6304). Am Freitag findet ab 20 Uhr ein Vortragsabend im Naturparkhaus Kaunergrat statt, bei dem es auch um die Schmetterlingsvielfalt geht.

Derzeit roden Freiwillige in Fließ Sonnenhänge. Ökologe Karel Cerny betreut den Frühjahrsputz im Schutzgebiet.
Derzeit roden Freiwillige in Fließ Sonnenhänge. Ökologe Karel Cerny betreut den Frühjahrsputz im Schutzgebiet.
- Reichle