Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Do, 11.04.2019


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Rund 25 Tiere in Österreich: Vom Geheule um den Wolf

Die Rückkehr des Wolfes ist eine Tatsache, mit der sich die Politik auseinandersetzen muss. Zu diesem Schluss kommen die Wolfsexperten Klaus Hackländer und Georg Rauer.

Der Wolf erobert sich auch in Österreich seine Reviere von einst zurück.

© Getty Images/iStockphotoDer Wolf erobert sich auch in Österreich seine Reviere von einst zurück.



Von Nikolaus Paumgartten

St. Pölten – Dem Wolf auf der Spur waren Dienstagabend der Wolfsbeauftragte Georg Rauer und Klaus Hackländer, Professor am Institut für Wildbiologie und Jagdwirtschaft an der Universität für Bodenkultur in Wien: Im Haus für Natur des Museums Niederösterreich in St. Pölten sprachen sie im Rahmen einer Podiumsdiskussion über die Zukunft des Wolfs in Österreich – und diese hat laut den beiden Experten längst begonnen.

In den vergangenen 20 Jahren haben sich die Sichtungen von Wölfen in Österreich kontinuierlich gehäuft, bis 2015 waren fünf Individuen bekannt, die sich hierzulande angesiedelt haben, erklärt Georg Rauer. 2016 bildete sich in Allensteig im Bezirk Zwettl in Niederösterreich ein Rudel, im vergangenen Jahr kam ein Rudel in Karlstift (Bez. Gmünd, NÖ) sowie eines an der Grenze zu Tschechien bei Litschau dazu. Derzeit gibt es in Österreich zwischen 20 und 25 Wölfe. „Und es wird in der Zukunft weitere Rudel geben“, macht Rauer klar.

Wolfsexperte Klaus Hackländer.
Wolfsexperte Klaus Hackländer.
- Paumgartten

Klaus Hackländer schätzt, dass die Zahl der Wölfe in den kommenden 15 Jahren je nach Entwicklung der Bedingungen bis zu 500 Tiere erreichen könnte. Tirol werde allerdings auch in Zukunft wohl nur Durchzugsgebiet für den Wolf bleiben, eine Rudelbildung hält der Experte hier aufgrund der landschaftlichen Gegebenheiten für unwahrscheinlich. „Der Wolf in Österreich ist aber Realität. Einen wolfsfreien Alpenraum wird es nicht geben“, warnt Hackländer vor der Illusion, den Wolf wieder loswerden zu können. „Der Wolf wurde seinerzeit nicht durch den jagdlichen Abschuss ausgerottet, sondern durch andere Grausamkeiten“, erklärt er. Methoden, die aus heutiger tierschutzrechtlicher Sicht nicht mehr vorstellbar seien – etwa durch Gift oder mithilfe von Wolfsgruben. Die Strategie müsse daher in einem ersten Schritt auf den Schutz der Nutztierherden abzielen und nicht auf den Abschuss. Hackländer sieht die Politik gefordert, über ein Förderungssystem den Bauern beim Herdenschutz unter die Arme zu greifen. Weil aber ein flächendeckender Herdenschutz auf den Almen kaum möglich sein wird, werde sich die Almwirtschaft auf einen Systemwechsel einstellen müssen. „Die Kosten für Herdenschutzmaßnahmen betragen bis zu 500 Euro pro Großvieheinheit, die Arbeitskraft nicht mitgerechnet“, gibt er zu bedenken.

Georg Rauer.
Georg Rauer.
- Paumgartten

In Österreich wurden vergangenes Jahr 130 Nutztierrisse von Wölfen registriert, im Jahr zuvor lediglich 20. 2015 waren es dagegen wieder 160. „Das hängt immer von Umständen und den Individuen ab, die in Österreich aktiv sind“, erklärt Georg Rauer. Grundsätzlich sei es aber in Österreich so, dass der Wolf seinen Nahrungsbedarf durch Wildtiere deckt. Und diese gibt es hierzulande mit Reh, Rotwild, Wildschwein und Gams im Überfluss. „Der Wolf rottet seine Beutetiere nicht aus“, sagt Rauer.

Dass der Wolf eines Tages zur Kontrolle des Bestandes wie andere Wildtiere auch bejagt wird, hält sein Kollege Hackländer nicht nur für möglich, sondern für sehr wahrscheinlich. Zunächst gelte es aber, den Wolf als Rückkehrer zu akzeptieren und mit den entsprechenden Maßnahmen zu reagieren. Vor allem aber müsse man die Emotionen aus der Diskussion um den Wolf nehmen und das Thema unaufgeregt angehen, raten die beiden Fachleute.