Letztes Update am Sa, 13.04.2019 07:53

TT / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


Gletscherbericht 2017/18

Gletscherschwund weiter massiv: „Dem Berg ist das alles völlig wurst“

Der Gletscherbericht des Alpenvereins zeigt: Die Schmelze schreitet ungebremst voran. Mit im Schnitt 17,2 Metern wurde der sechstgrößte je gemessene Rückgang verzeichnet. Eine Trendwende ist nicht in Sicht.

Gepatschferner mit Weißkugel (Bildmitte) und Weißseespitze (ganz rechts), Ötztaler Alpen, Tirol; in der Ferne die Ortlergruppe.

© J. BodenbenderGepatschferner mit Weißkugel (Bildmitte) und Weißseespitze (ganz rechts), Ötztaler Alpen, Tirol; in der Ferne die Ortlergruppe.



Von Benedikt Mair

Innsbruck — Überraschend ist es nicht, was der Österreichische Alpenverein (ÖAV) gestern in Innsbruck präsentiert hat, erschreckend aber allemal. 89 von 93 vermessenen Gletschern zogen sich zurück, wie aus dem Gletscherbericht für die Saison 2017

18 hervorgeht. Es ist der durchschnittlich sechstgrößte Rückgang seit Beginn der Aufzeichnungen. Eine Trendwende ist nicht in Sicht.

„Es bräuchte über zwei oder drei Jahrzehnte lang kontinuierlich solche Sommer, in denen wir nicht baden gehen können, um die Entwicklung zu stoppen", sagte Gerhard Karl Lieb, Professor am Institut für Geographie an der Uni Graz und als Messleiter für den ÖAV-Gletscherbericht verantwortlich. „Ich werde im nächsten Jahr an selber Stelle etwas Ähnliches präsentieren."

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93 Gletscher in zwölf Gebirgsgruppen wurden von den 24 verantwortlichen Gletschermessern und ihren rund 60 Helfern zwischen August und Oktober 2018 beobachtet. Weil einige Eiszungen sehr unzugänglich sind, wurden nur 76 Gletscher direkt vor Ort genau vermessen. Daraus geht hervor, dass sich die Gletscher in der Saison 2017

18 im Mittel um 17,2 Meter zurückgezogen haben. Im Jahr 2016/17 waren es 25,2 Meter, 14,2 Meter wurden für 2015/16 festgehalten. „Grund für den Rückgang der Gletscher sind ganz klar die deutlich steigenden Temperaturen", erklärte Lieb. „Im Sommer 2018 war es im Durchschnitt um rund 1,8 Grad Celsius zu warm."

Vergleich: Schweikertferner 2011-2018.
Vergleich: Schweikertferner 2011-2018.
- M. Strudl

Der österreichweit größte Längenverlust wurde an der Zunge des Viltragenkees in der Venedigergruppe in Osttirol mit 128 Metern gemessen, gefolgt vom Alpeinferner in den Stubaier Alpen (86 Meter). Den unrühmlichen dritten Platz belegt der in der Venedigergruppe gelegene Schlatenkees mit einem Rückzug von 67 Metern.

Mit mahnenden Worten reagierte ÖAV-Vizepräsidentin Ingrid Hayek auf den aktuellen Bericht: „Dem Gletscher ist es völlig wurst, wenn er schmilzt. Dem Berg ist das auch alles völlig wurst. Wir Menschen sind es, die unter dem Klimawandel leiden. Wir sind nicht unmoralisch, sondern dumm, wenn wir uns selber schaden. Der Planet Erde wird sich von den Schäden, die ihm angetan wurden, irgendwann wieder erholen. Das Blöde ist nur, dass der Mensch dann nicht mehr hier sein wird." Hayek forderte den Verzicht auf umweltschädliche Verhaltensweisen, um die Natur zu schützen. „So muss etwa der Verkehr gebremst werden. Jeder Bürger sollte sein Mobilitätsverhalten überdenken, die Politik Akzente in die umweltfreundliche Richtung setzen."

Ein „Rettungspaket" für die heimischen Gletscher forderte angesichts des alarmierenden Rückgangs der WWF. Es brauche „alpine Ruhegebiete gegen die grenzenlose Verbauung unserer Berge", schreibt die Umweltorganisation in einer Aussendung, „um zu retten, was noch zu retten ist".

Zahlen, Daten und Fakten

17,2 Meter beträgt der durchschnittliche Rückgang der österreichischen Gletscher im vergangenen Jahr — der sechstgrößte je verzeichnete Wert. In der Saison 2016/17 war der Wert mit 25,2 Metern aber um einiges höher.

Mit 128 Metern Längenverlust ist der Viltragenkees in der Osttiroler Venedigergruppe jener Gletscher, bei dem der stärkste Rückgang gemessen wurde. Gefolgt vom Alpeinferner (86 Meter, Stubaier Alpen) und dem Schlatenkees (67 Meter, Venedigergruppe).

Über 150 Bergseen werden, laut Experte Gerhard Karl Lieb, aufgrund der Gletscherschmelze in Österreich in den kommenden Jahren neu entstehen.

In Tirol liegen sieben der zehn Gletscher, die am meisten Länge verloren haben. Die Top drei sind alle in Tirol zu finden.

Vier Gletscher (Simonykees, Sonnblickkees, Roter-Knopf-Gletscher und Eiskar) blieben stationär. D.h., dass bei ihnen in der aktuellen Messperiode kein signifikanter Rückzug verzeichnet wurde.