Letztes Update am Mo, 06.05.2019 19:53

APA / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


Massives Artensterben

Die Menschheit tilgt die Natur von der Erde: Weltbericht rüttelt auf

Der Weltrat für Biodiversität (IPBES) schlägt Alarm: Ohne tiefgreifende Veränderungen im Naturschutz könnten viele Arten bald der Vergangenheit angehören.

Den in Ecuador beheimateten Kolibri "Oreotrochilus cyanolaemus" könnte es schon bald nicht mehr geben.

© Francisco SornozaDen in Ecuador beheimateten Kolibri "Oreotrochilus cyanolaemus" könnte es schon bald nicht mehr geben.



Klima-Aktivisten machten schon im April in London auf die Lage aufmerksam.
Klima-Aktivisten machten schon im April in London auf die Lage aufmerksam.
- AFP

Paris – Die Menschheit lässt einem umfassenden Weltbericht zufolge in rasendem Tempo die Natur von der Erde verschwinden. Dafür gebe es inzwischen überwältigende Beweise, die ein unheilvolles Bild zeichneten, warnte der Vorsitzende des Weltbiodiversitätsrates (IPBES), Robert Watson, am Montag. „Wir erodieren global die eigentliche Basis unserer Volkswirtschaften, Lebensgrundlagen, Nahrungsmittelsicherheit und Lebensqualität.“ Die Weltgemeinschaft müsse sich dringend abwenden von wirtschaftlichem Wachstum als zentralem Ziel, hin zu nachhaltigeren Systemen, hieß es.

Der "Tasmanische Teufel" zählt zu den bedrohten Arten.
Der "Tasmanische Teufel" zählt zu den bedrohten Arten.
- AFP

In ihrem ersten globalen Bericht zum Zustand der Artenvielfalt reiht die Organisation der Vereinten Nationen beängstigende Fakten aneinander: Von den geschätzt acht Millionen Tier- und Pflanzenarten weltweit sei rund eine Million vom Aussterben bedroht. Das Ausmaß des Artensterbens war in der Geschichte der Menschheit noch nie so groß wie heute – und die Aussterberate nimmt weiter zu. Drei Viertel der Naturräume an Land wurden vom Menschen bereits erheblich verändert, in den Meeren zwei Drittel.

Biodiversität kein reines Umweltthema

Immer wieder verdeutlichen die Autoren, dass der Verlust an Biodiversität kein reines Umweltthema ist, sondern auch Entwicklung, Wirtschaft, politische Stabilität und soziale Aspekte wie Flüchtlingsströme beeinflusst. Gravierende Folgen für Menschen weltweit seien inzwischen wahrscheinlich, warnen sie. Noch sei es aber nicht zu spät für Gegenmaßnahmen, erklärte Watson, „aber nur, wenn wir sofort auf allen lokalen bis globalen Ebenen damit beginnen“.

Der Totoaba-Macdonaldi-Fisch, der überwiegend in Mittelamerika vorkommt, zählt zu den bedrohten Arten.
Der Totoaba-Macdonaldi-Fisch, der überwiegend in Mittelamerika vorkommt, zählt zu den bedrohten Arten.
- AFP

Ein ähnlicher globaler Check war zuletzt vor 14 Jahren präsentiert worden. Für die Neuauflage trugen 145 Autoren aus 50 Ländern drei Jahre lang Wissen aus Tausenden Studien und Dokumenten zusammen. „Dass keine gesicherten Erkenntnisse über den globalen Zustand der biologischen Vielfalt, die direkten und indirekten Ursachen für das derzeitige Massenartensterben und über Alternativen bestünden, kann fortan niemand mehr behaupten“, sagte Mitautor Jens Jetzkowitz von der Helmut-Schmidt-Universität Hamburg.

Österreichs NGOs sind alarmiert

In Österreich reagierten vor allem die NGOs: „Dieser Bericht ist alarmierend für die Tier- und Pflanzenwelt. Die Ergebnisse müssen Regierungen weltweit endlich die Augen öffnen. Sie müssen Ziele und Umsetzungspläne beschließen, mit denen wir dieses drohende Massensterben der Artenvielfalt verhindern können“, sagte Greenpeace-Sprecher Lukas Meus. „Der IPBES-Report zeigt, dass wir einem ökologischen Kollaps entgegen gehen, es braucht tiefgreifende Veränderungen. In Österreich betrifft dies vor allem die intensive Landwirtschaft, aber auch Verbauung und Versiegelung für Siedlungsraum, Industrie und Verkehr. Außerdem gibt es auch hierzulande kaum mehr natürliche Wälder, und für die Artenvielfalt wichtige Lebensräume wie Feuchtgebiete werden immer seltener“, meinte auch Dominik Linhard, Biologe bei Global 2000.

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Der WWF Österreich unterstützte die umfassenden Forderungen des UN-Berichts ebenfalls. Hanna Simons, Leiterin Natur- und Umweltschutz beim WWF Österreich, bewertete den IPBES-Bericht als „alarmierenden Weckruf an Politik und Wirtschaft“: „Wir müssen schleunigst beginnen, den Umweltschutz zu verbessern und in den natürlichen Grenzen der Erde zu wirtschaften. Auch in Österreich schreitet der Raubbau an der Natur voran. (APA/AFP)

Wenn wir so weitermachen, wie bisher, löschen wir die Natur nach und nach aus, warnen Experten.
Wenn wir so weitermachen, wie bisher, löschen wir die Natur nach und nach aus, warnen Experten.
- AFP