Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom So, 12.05.2019


Biodiversität

Artensterben: „Der Ernst der Lage ist zu wenig bewusst“

Ob Huchen oder Große Hufeisennase: Auch in Tirol sind zahlreiche Arten bedroht. Es werde zu wenig getan, sagt der WWF. Der Landesumweltanwalt ruft zum Handeln auf.

Egal, ob Große Hufeisennase, Bileks Azurjungfer, Huchen, deutsche Tamariske, Mähnen-Pippau oder Laubfrosch, ihre Tage sind gezählt.

© thomas boehmEgal, ob Große Hufeisennase, Bileks Azurjungfer, Huchen, deutsche Tamariske, Mähnen-Pippau oder Laubfrosch, ihre Tage sind gezählt.



Von Silvana Resch und Irene Rapp

Große Hufeisennase
Große Hufeisennase
- APA, WWF Lehmann

Innsbruck — Voller Dramatik steckt der Weltbericht des Weltbiodiversitätsrates IPBES, der diese Woche präsentiert wurde: Demnach ist eine Million von weltweit acht Millionen Tier- und Pflanzenarten vom Aussterben bedroht. Auch vor unserer Haustür: Schlecht bestellt ist es etwa um Äschen und Huchen in den heimischen Gewässern. Aber auch Bileks Azurjungfer — eine blaue Libelle — und die Große Hufeisennase — eine Fledermaus — könnte es nicht mehr lange in Tirol geben.

„Gezählt könnten auch die Tage von Laubfrosch, Kreuzkröte oder dem Ameisenbläuling — einem zartblauen Schmetterling — sein", so Landesumweltanwalt Johannes Kostenzer. Die Gründe für den Artenrückgang sind sattsam bekannt: „Lebensraumzerstörung und -zerschneidung", bringt es Arno Aschauer vom WWF auf den Punkt. Wo Flüsse begradigt würden, wo immer mehr verbaut werde und zu viel Dünger zum Einsatz komme, würde alles Leben über kurz oder lang zerstört.

Deutsche Tamariske
Deutsche Tamariske
- WWF_Anton Vorauer

Oder um ein konkretes Beispiel zu nennen: „In Österreich werden täglich 13 Hektar Land verbaut. Das entspricht einer Fläche von 20 Fußballfeldern", so Aschauer. Damit liege man europaweit auf dem unrühmlichen ersten Platz. Fakten, die zwar vielen Österreichern bekannt seien. „Der Ernst der Lage ist allerdings zu wenig bewusst", sagt der WWF-Experte. Auch Kostenzer findet klare Worte: „Die Entwicklungen machen nicht nur nachdenklich, sie sind ein Alarmsignal!"

Viele Arten in Tirol gebe es nämlich bereits nicht mehr: Verschwunden sei etwa der Wachtelkönig, ein Vogel, der „vor 20 Jahren noch in den Seitentälern des Wipptales bis nach Innsbruck anzutreffen war", so Kostenzer. Durch die „Intensivierung der Landwirtschaft" sei die Situation für bodenbrütende Vögel jedoch schwieriger geworden.

 Mähnen-Pippau
Mähnen-Pippau
- Landesumweltanwaltschaft

Mit einigen Projekten versucht die Landesumweltanwaltschaft, dem Artenrückgang entgegenzusteuern: Mit dem Projekt „Alte Tiroler Getreidesorten" werden z. B. Anbaumethoden und Sorten forciert, die Raum für Mensch und Tier lassen.

Zufrieden ist Kostenzer auch mit den „tollen Ergebnissen" des Projektes „Blütenreich", bei dem u. a. auch Verkehrsinseln mit heimischen Wiesenblumen bepflanzt werden. „Wir konnten wieder Insektenarten beobachten, die lange nicht mehr zu sehen waren." Es gebe also Hoffnung: „Wenn wir jetzt handeln, können wir dem Artensterben noch etwas entgegensetzen."

Bei der Abteilung Umweltschutz des Landes Tirol wiederum verweist man darauf, dass „Artenschutz vor allem unionsrechtlich geregelt ist" — d. h. die EU schreibt etwa die Ausweisung von Natura-2000-Gebieten vor. Letztere würden rund 15 Prozent der Landesfläche ausmachen. Das Land „initiiere und/oder finanziere" zudem Artenschutzprojekte:

Bileks Azurjungfer
Bileks Azurjungfer
- APA, WWF Lehmann

Für den Biber gibt es etwa eigene Biberbeauftragte, für Fledermäuse wurde eine Koordinationsstelle eingerichtet. Und für die Kreuzkröte, die seltenste österreichische Amphibienart, gebe es ein „Monitoring und Maßnahmen". Ein Schwerpunkt liege zudem auf weltweit einzige Vorkommen, etwa der Bayerischen Kurzrohrmaus oder der Innsbrucker Küchenschelle.

Für Aschauer zwar gute Maßnahmen, allerdings reichen diese nicht aus. „Naturschutz ist in Österreich Ländersache. Von den einzelnen Bundesländern wird einiges gemacht, einiges ist aber auch hinausgeschmissenes Geld." Auch von Seiten des Bundes sieht er zu wenig Problembewusstsein: „Das Interesse an längerfristigen notwendigen Maßnahmen ist nicht vorhanden. Es überwiegen immer noch kurzfristige Interessen." Das Artensterben aufzuhalten, sei allerdings eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe. Und jeder Einzelne könne etwas tun: „Lebensmittel regional und saisonal kaufen und wann immer es geht, auf das Auto verzichten", nennt er einige von vielen Möglichkeiten.

Huchen
Huchen
- iStockphoto