Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom So, 09.06.2019


Exklusiv

Zu wenig Kühe auf Tiroler Almen, Klimawandel bringt Bauern in Zugzwang

Verspäteter Start: Der Klimawandel bringt für Almen sonst längere Wuchsphasen, Trinkwasser für Kühe wird im Kalkgebiet oft knapp.

Eine Kuh grast pro Tag 80 m² ab, bewegt sich aber auf der Alm auf einer größeren Fläche, sie sucht die besten Pflanzen.

© TT/Thomas BöhmEine Kuh grast pro Tag 80 m² ab, bewegt sich aber auf der Alm auf einer größeren Fläche, sie sucht die besten Pflanzen.



Innsbruck – Bis Anfang Juli werden alle Almen in Tirol bestoßen sein, sagt Josef Lanzinger, Obmann des Almwirtschaftsvereins. Der Almauftrieb erfolgt heuer ungewöhnlich spät, aufgrund des Klimawandels hat sich die Periode, in der die Kühe auf Sommerfrische gehen, gegenüber den 80er-Jahren grundsätzlich um zwei Wochen verschoben.

„Mitte Mai galt in den vergangenen Jahren als üblich“, erklärt Lanzinger. Generell habe man aber in Tirol damit zu kämpfen, dass zu wenig Weidetiere, insbesondere Milchkühe, auf der Alm sind. „Viele Bauern haben keine Jungtiere mehr, die fehlen auch. Immer mehr Kuhbauern satteln um oder hören auf, vor allem im Oberland.“

Werden Almen nicht bestoßen, wächst Buschwerk. Zwar gäbe es hier tolle Projekte in Kooperation mit dem Österreichischen Alpenverein, aber flächenmäßig falle das kaum ins Gewicht. „Die engagierten Helfer können einen halben Hektar staudenfrei machen. Dann bleiben immer noch 130.000 Hektar Weidefläche. Kühe hingegen grasen pro Tag 80 Quadratmeter ab“, sagt der Experte. Sieben Schafe weiden übrigens so viel Fläche ab wie eine Kuh.

Der Klimawandel bringe eine Entwicklung mit sich, die die Bauern in Zugzwang bringe: Forscher hätten herausgefunden, dass sich die Wachstums- phasen auf den Almen ausdehnen und das Gras um 20 Prozent schneller wächst. „Wir bräuchten eigentlich um 20 Prozent mehr Tiere auf den Almen, tatsächlich reduziert sich die Anzahl. Andererseits führen trockene Sommer dazu, dass das Trinkwasser für die Tiere im Kalkgebiet auf den Almen knapp wird“, erklärt Lanzinger. Heuer sei der Mai im Vergleich zum Vorjahr jedoch sehr niederschlagsreich gewesen, die Landwirte seien optimistisch, dass es zu keiner Wasserknappheit komme.

Der vergangene Sommer habe viele Bauern, die ihre Tiere auftreiben, aufgerüttelt. Vielfach sei in zusätzliche Wasserversorgung investiert worden. Auch die Kooperation zwischen Bauern und Bergbahnen funktioniere in einigen Gebieten sehr gut. Teilweise werde Wasser von Stauseen zum Waschen zur Verfügung gestellt, dadurch könne Trinkwasser für die Kühe gespart werden: „Solche Kooperationen zwischen Almbauern und Seilbahnern kann ich nur empfehlen“, so Lanzinger.

Seine Vorschläge dazu, wie die Bestoßung der Almen ausgebaut werden könnte, sind recht lang. „Es braucht einen guten Preis für die ausgezeichneten Produkte“, hält Lanzinger zu allererst fest. „Zudem müssten die Förderungen gewährleistet sein und die Bauern bräuchten Bedingungen, die ihnen das Wirtschaften auch möglich machen.“ (pla)