Letztes Update am Sa, 08.06.2019 11:02

TT / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


Tirol

Schneemassen in Tirols Bergen verzögern den Saisonbeginn

In den Bergen liegt noch viel Schnee. Das sorgt dafür, dass Hütten in höheren Lagen noch nicht aufsperren konnten und mit Stornos kämpfen. Dafür sind pünktlich zum Pfingstwochenende viele Passstraßen startklar.

Der Saisonstart für die Timmelsjochhochalpenstraße hat sich verzögert. Teils sind die Schneewände zehn Meter hoch.

© Pranger, PertlDer Saisonstart für die Timmelsjochhochalpenstraße hat sich verzögert. Teils sind die Schneewände zehn Meter hoch.



Von Irene Rapp und A. Heubacher

Innsbruck – Heute öffnet die Timmelsjoch Hochalpenstraße. Mit etwas Verspätung, aber gerade noch rechtzeitig zum Pfingstwochenende. An einem verlängerten Wochenende rauschen bis zu 10.000 Pkw und Motorräder die Timmelsjoch Hochalpenstraße hinauf und hinunter. Bis gestern sah es etwas anders aus.

Bis das Padasterjochhaus schneefrei ist, wird es noch dauern. So sah es vor zwei Wochen aus.
Bis das Padasterjochhaus schneefrei ist, wird es noch dauern. So sah es vor zwei Wochen aus.
- Pranger, Pertl

Räumfahrzeuge säumten den Weg. An manchen Stellen türmen sich noch immer bis zu zehn Meter hohe Schneewände. „Der Mai war so kalt und deshalb ist der Schnee nicht geschmolzen, und sobald es warm wird, gehen die Lawinen ab“, erzählt der Geschäftsführer der Timmelsjoch Hochalpenstraße AG, Manfred Tschopfer. „Das ist extrem gefährlich.“ Alle vier bis fünf Jahre dauert es bis weit in den Juni hinein, bis die Hochalpenstraße im hintersten Ötztal freigelegt ist. Ob sich der späte Saisonstart wieder aufholen lässt, hänge ganz vom Wetter ab. „Ein schöner Herbst kann vieles wieder wettmachen.“ Auf 2500 Metern Seehöhe sei man eben extrem vom Wetter abhängig, sagt Tschopfer.

Beim Ötztal Tourismus bereitet der noch immer reich vorhandene Schnee in den Bergen keine Sorgen. „Stornos gibt es keine“, sagt Nicole Gstrein. „Die Leute gehen bei uns sogar noch Skitouren. Die Wanderer weichen auf niedrigere Regionen aus.“ Die hochalpinen Hütten würden allerdings heuer zwei bis vier Wochen später aufmachen. „Es dauert, bis die Wege gerichtet sind. Unsere Bauhofmitarbeiter konnten aufgrund des Schnees noch nicht viel machen“, berichtet Gstrein.

Hütten, zu denen breite Fahrwege hinführen, müssten Verzögerungen von ein bis zwei Wochen in Kauf nehmen. Auch die Bergbahnen, wie z. B. jene in Hochoetz, seien etwas verspätet in die Sommersaison gestartet.

Schauplatzwechsel vom Ötz- ins Zillertal. Auch dort ist die Situation ähnlich. Die Zillertaler Höhenstraße war bis Freitag noch nicht befahrbar und ist jetzt offen. „Wir erwarten eine große Anreisewelle“, erklärt Marie-Sophie Münch, Pressesprecherin von Mayrhofen Tourismus. Weder Wanderer noch Mountainbiker würden sich von dem vielen Schnee in den Bergen abschrecken lassen.

„Der Berliner Höhenweg ist etwas schwierig zu begehen, weil noch viele Schneefelder vorhanden sind.“ Der Weitwanderweg im Zillertal lockt viele Wanderer an. Die höchste Stelle des Berliner Höhenweges liegt allerdings auf 3106 Metern und ist noch tief verschneit. Manche Hütten, so wie die Olpererhütte, würden eine Woche später in die Saison starten, höher gelegene mitunter mit zwei, drei Wochen Verzögerung, sagt Münch. „Es werden alle Hebel in Bewegung gesetzt, um die Tore öffnen zu können. Aber es gibt eben noch Wege, da steht man knietief im Schnee.“

In Osttirol hat der kalte Mai dafür gesorgt, dass die Sillianer Hütte auf 2447 Metern lange Zeit nicht erreichbar war. „Wir sind mit unseren Umbauarbeiten noch nicht fertig“, erzählt Hüttenwirtin Viktoria Maurer. Weder die Arbeiter noch die Bagger konnten zur Hütte vorrücken.

Die Wirtin startet daher ein, zwei Wochen später, voraussichtlich am 26. Juni, in die Saison. „Aufzuholen ist der Geschäftsentgang nicht mehr, wenn der Juni ausfällt. Wir sind extrem wetterabhängig“, sagt Maurer. Die Hütte wurde auf 68 Schlafplätze vergrößert. „Mehr Geschäft machen wir mit Tagesgästen, die auch mit der Bahn rauffahren.“ Bis zu 200 Gäste pro Tag gilt es auf der Hütte zu verköstigen. Sie liegt am Karnischen Höhenweg, der ebenso noch nicht begehbar ist. „Der Weg liegt viel im Schatten und es hat so spät noch viel Schnee gegeben. Das ist nicht gut.“

In den Stubaier Alpen, vom Gschnitztal aus erreichbar, liegt auf 2232 Metern das Padasterjochhaus. „Keine Chance, die Hütte aufzusperren“, sagt Hüttenwirt Paul Pranger. Er rechnet damit, dass es frühestens am 25., 26. Juni so weit sein wird. „Die Straße zur Hütte war lange nicht befahrbar und Materialseilbahn haben wir keine.“ Normalerweise nützt Pranger den Juni, um in der Hütte noch einiges herzurichten. „Wir werden im Juni nie überrannt, da geht das Reparieren nebenbei gut.“ Das Hauptgeschäft macht der Wirt im Juli und August. „Da hoffen wir dann auf Wetterglück.“

Ähnliches kann Michael Kirchmayer, im achten Jahr Wirt der Pfeishütte im Karwendel, berichten. In den vergangenen Jahren startete der Gastbetrieb meist Anfang Juni, der bislang späteste Termin für Kirchmayer war der 20. Juni 2013. Und heuer? „Wir peilen den 19. Juni an. Allerdings steht auch dieser Termin noch in den Sternen.“

Rund um die Hütte auf 1922 Metern Höhe lägen nämlich noch 2,5 bis 3 Meter Schnee. Noch dazu sei der einzige Zufahrtsweg zur Hütte von Scharnitz aus von einer Lawine verschüttet, die noch nicht beseitigt worden ist. Für den Hüttenpächter besonders schmerzvoll: Allein für den Juni gab es rund 700 Nächtigungs-Reservierungen – „dem Großteil der Gäste mussten wir stornieren“. Nicht zu vergessen das Personal. Neben seiner Ehefrau gebe es noch sieben weitere Mitarbeiter. „Die wollen schon arbeiten und Geld verdienen. Bislang mussten wir sie mit dem Start in die Saison aber immer wieder aufs Neue vertrösten.“

Schlimmstes Szenario: Dass auch der Termin 19. Juni nicht hält und die Mitarbeiter sich danach einen anderen Job suchen würden.

Liegestütz-Position kann Leben retten

Fast jedes Jahr kommt es in den Bergen zu tödlichen Zwischenfällen, wenn Wanderer Schneefelder queren, ausrutschen und abstürzen. Erst zu Wochenbeginn waren im Kleinwalsertal in Vorarlberg zwei Deutsche auf einem Schneefeld durch ein Loch gestürzt und in dem darunter liegenden Gebirgsbach ertrunken.

Die Gefahr werde jedoch oft unterschätzt. Und was viele ebenfalls nicht wissen: „Auf hartgefrorenem Schnee kann man Geschwindigkeiten wie im freien Fall erreichen“, sagt Thomas Wanner vom Österreichischen Alpenverein. Die richtige Tourenplanung sei eine Möglichkeit, das Gefahrenpotenzial zu verringern: „Nordseitige Aufstiege sollten z. B. in der Früh vermieden werden, weil aufgrund der fehlenden Sonne Altschneereste sehr hart sind.“

Im Kühtai zeigte Wanner, der ausgebildeter Bergführer ist, dann Möglichkeiten, wie man ein Schneefeld sicher queren kann. Gutes Schuhwerk mit steifer Sohle, lautet ein Tipp. „Mit diesem sichelförmige Tritte in den Schnee schlagen.“

Tipp 2: Im Handel erhältlich ist eine Art Schneekette für Bergschuhe (u. a. werden diese „snowline Spikes“ von der Firma Koch in Mils vertrieben). „Dadurch hat man einen besseren Halt im Schnee“, erklärt Wanner.

Tipp 3: Rutscht man auf dem Schneefeld aus, sollte man so schnell wie möglich die Füße talwärts richten, dann versuchen, in die Bauchstellung zu kommen, um dann in die Liegestützposition zu gelangen. „Am besten übt man diese Bewegung einmal, aber im Liegestütz kann man sich abbremsen“, sagt Wanner.

„Nicht wie eine Schildkröte am Rücken liegen bleiben“, mahnt auch Michael Larcher, ebenfalls vom Alpenverein. Er rechnet damit, dass nach diesem schneereichen Winter bis weit in den Juli hinein mit Schnee im Gebirge zu rechnen ist. „Das hat es in dieser Dimension schon seit Jahren nicht gegeben“, so Larcher.

Im Kühtai zeigt Thomas Wanner, was bei Schneefeldern wichtig ist: Entweder man schlägt mit den Schuhen Tritte (oben links) oder zieht sich eine Art Schneekette über den Schuh (oben rechts). Stürzt man, ist es wichtig, in die Liegestützposition zu kommen.
Im Kühtai zeigt Thomas Wanner, was bei Schneefeldern wichtig ist: Entweder man schlägt mit den Schuhen Tritte (oben links) oder zieht sich eine Art Schneekette über den Schuh (oben rechts). Stürzt man, ist es wichtig, in die Liegestützposition zu kommen.
- Rapp