Letztes Update am So, 09.06.2019 07:28

TT / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


Natur

Tiroler Feuchtgebiete sind bedroht: Moor wird zur Aushubdeponie

Öffentliches Interesse kann den Naturschutz der Tiroler Feuchtgebiete außer Kraft setzen. Ein Teil des Niedermoors in Fließ/Piller wurde ausgebaggert und ist zerstört.

Auch wenn der Eindruck ein anderer ist: Nur Teile des Niedermoors sollen Deponie werden.

© warenskiAuch wenn der Eindruck ein anderer ist: Nur Teile des Niedermoors sollen Deponie werden.



Von Brigitte Warenski

Fließ, Wenns – Moore zählen zu den am meisten bedrohten Naturräumen. 90 Prozent der ursprünglichen Moorfläche Österreichs ist laut WWF bereits verloren, „zwei Drittel der bestehenden Moorgebiete sind gestört“, sagt Vincent Sufiyan, Pressesprecher von WWF Österreich. Nicht nachvollziehen kann daher die heimische Bevölkerung, dass Teile des Moors am Katzenboden in Fließ/Piller unwiederbringlich zerstört wurden.

Tirols Landesjägermeister 
Anton Larcher.
Tirols Landesjägermeister 
Anton Larcher.
- larcher

Das Niedermoor mit drei Torfmoosarten (Moorfläche ist im Grundeigentum der Gemeinde Wenns) ist wie jedes Feuchtgebiet nach § 9 Tiroler Naturschutzgesetz 2005 besonders geschützt. Dass ein derart wichtiges Ökosystem teilweise ausgebaggert und damit zerstört werden kann, ist dennoch möglich. Der Naturschutz greift nämlich nicht, wenn „langfristige öffentliche Interessen die Interessen des Naturschutzes überwiegen“, erklärt Florian Kurzthaler, Pressechef des Landes Tirol. Wenns hat beantragt, hier eine Deponie für 70.000 Kubikmeter Aushub zu errichten, „um das Bauen billiger zu machen. Wir haben 11.000 Quadratmeter Grund für leistbare Bauplätze gekauft und bauen derzeit zwei größere Einheiten für den sozialen Wohnbau, eine dritte folgt im Herbst“, so Bürgermeister Walter Schöpf.

Wegen dieses „öffentlichen Interesses“ wurde die Deponiefläche von der BH Landeck genehmigt. „Im Verfahren wurden alle Fachbereiche mit der Hilfe von sieben Sachverständigen abgeklärt“, so Kurzthaler. Auch wenn derzeit das gesamte Moorgebiet nach Baustelle aussieht, betont Schöpf, „dass man sich penibel an alle Grenzen hält, die uns per Bescheid auferlegt wurden“. Ob der Teil des Moores, der nicht Aushubdeponie wird, intakt bleibt, möchte Schöpf so nicht beantworten. „Ich bin kein Ökologe, da müssen Sie die zuständigen Fachleute fragen.“

Dass man unbedingt Teile des Feuchtgebietes schleifen musste, hänge damit zusammen, „dass wir keine Alternative gefunden haben, obwohl wir sehr viele Standorte geprüft haben“. Sollte es grünes Licht für das ebenfalls geplante Chaletdorf geben, das derzeit naturschutzrechtlich noch beeinsprucht wird, „wird auch dieser Aushub dort eingebracht, weil unsere alte Deponie voll ist“, bestätigt Schöpf. Im Land Tirol weiß man davon nichts. „Ein Zusammenhang zwischen der Deponie und dem Bau eines Chaletdorfes ist uns nicht bekannt“, sagt Kurzthaler.

Franz Essl, Ökologe und Moorexperte an der Universität Wien, kann die Genehmigung nicht nachvollziehen. „Der Schutz der verbliebenen Moore in Österreich muss höchste Priorität haben. Umso unverständlicher ist es, dass das Land Tirol leichtfertig und ohne Notwendigkeit ein intaktes Moor unwiederbringlich zerstört. Damit werden eigene Gesetze, aber auch internationale Klima- und Naturschutzverpflichtungen unterlaufen.“

„Einzigartige Lebensräume in Tirol“

Moore spielen „eine essenzielle Rolle im Wasserhaushalt, als Lebensraum seltener Arten und als Kohlenstoffspeicher“, erklärt Ökologe und Moorexperte Franz Essl von der Universität Wien. Auch Tirols Jäger setzen sich für den Schutz seltener Lebensräume ein. „Moore bieten einzigartige Lebensräume in Tirol, in denen man eine große Biodiversität vorfindet. Aufgrund der offenen, feuchten Landschaft tragen Moore zudem zur Vielfalt des Lebensraumes für Wildtiere bei und es fühlen sich dort seltene Tierarten wie verschiedene Raufußhühner wohl“, so Landesjägermeister Anton Larcher. Allein die Bundesforste betreuen in Tirol knapp 70 Moore mit einer Gesamtfläche von rund 280 Hek­tar, „die heute alle unter Schutz gestellt sind“, sagt Pressesprecherin Pia Buchner. „Um den Kohlenstoffvorrat der Moore Österreichs zu schützen und die Moore Klima-fit zu machen, ist eine Doppelstrategie aus aktivem Erhalt intakter Moore und der Renaturierung gestörter Moorflächen erforderlich“, fordert der WWF, so Pressesprecher Vincent Sufiyan.




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