Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Mi, 12.06.2019


Tirol

Landwirtschaftskammer: „Tierwohl ist unser oberstes Interesse“

Die Landwirtschaftskammer Tirol will stärker vermitteln, wie Landwirtschaft wirklich funktioniert – abseits von Werbeklischees und „Marketing-Gags“.

Das Thema Tierwohl beschäftigt sie tagtäglich: Gregor Haslwanter, Julia, Ingrid und Franz Mayr (v. l.) vor dem Ziegenstall im „Stecherhof“.

© DomanigDas Thema Tierwohl beschäftigt sie tagtäglich: Gregor Haslwanter, Julia, Ingrid und Franz Mayr (v. l.) vor dem Ziegenstall im „Stecherhof“.



Innsbruck – „Tierwohl – wir schauen drauf!“ lautet das Jahresmotto der Landwirtschaftskammer (LK) Tirol. Auch auf ihrer laufenden Bezirkstour suchen die Spitzenfunktionäre der LK-Betriebe auf, die sich intensiv mit diesem komplexen Thema befassen.

Auslöser der aktuellen Debatte war die Entwicklung immer neuer „Tierwohl-Standards“ durch die großen Lebenmittel-Handelsketten, meint LK-Präsident Josef Hechenberger. Diese würden vielfach nur dem „Marketing“ und der Abgrenzung von der Konkurrenz dienen, aber oft zulasten der Bauern gehen.

So sei zuletzt nicht nur täglicher Auslauf für Kühe gefordert worden, sondern auch die weitestgehende Umstellung auf Laufställe. Realität sei aber, dass 83 Prozent der Tiroler Betriebe nach wie vor „Kombinationshaltung“, also einen Mix aus zeitweiligem Anbinden der Kühe im Stall und saisonaler Weide- und Almhaltung, betreiben. „Die Entscheidung über Lauf- oder Anbindestall soll die Bauernfamilie selbst treffen, nicht ein Marketingmensch im Lebensmittelhandel.“

„Während in Deutschland Anbindehaltung in der Regel wirklich bedeutet, dass Kühe ihr ganzes Leben an der Kette verbringen, genießen sie bei uns im Sommer einen mehrmonatigen Aufenthalt auf der Alm“, meint der LK-Präsident. Diese und andere Unterschiede zwischen alpiner und industrialisierter Landwirtschaft gelte es aufzuzeigen.

„Wir wollen der Bevölkerung erklären, wie Landwirtschaft abseits der Werbeklischees wirklich funktioniert“, betont LK-Vizepräsidentin Helga Brunschmid. Dass man einen bäuerlichen Betrieb nicht von heute auf morgen umstellen kann, sondern Investitionen dort auf Generationen gedacht sind, habe man dem Handel inzwischen klarmachen können. Ziel sei eine „gemeinsame Weiterentwicklung der Kombinationshaltung“. Die Kammer lässt das Thema „Tierwohl“ zudem im Rahmen einer Diplomarbeit wissenschaftlich aufarbeiten, aufbauend auf einer Umfrage unter den Landwirten.

Franz Mayr, der in Amras mit Gattin Ingrid und Tochter Julia den „Stecherhof“ betreibt, weist auf die knappen Flächen rund um den Hof hin, mit denen man auskommen müsse. „Wenn NGOs und Handelsketten ständig neue, mit teuren Umbauten verbundene Auflagen einfordern, wird das ein Problem.“ 45 Milchkühe samt Nachzucht und 200 Legehennen gibt es derzeit am Stecherhof, Julias Freund Gregor Haslwanter hat zudem kürzlich 23 Milchziegen und 17 Kitze eingebracht. „Dass sich die Tiere wohlfühlen, ist oberstes Interesse jedes Landwirts“, meint Mayr. Dafür tue man sehr viel – von gekühlten Ställen im Sommer über die richtige Fütterung bis hin zu ausreichend Einstreu. (md)