Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Fr, 14.06.2019


Tirol

Hochwasser in Tirol: Mit dem Pegel sank auch die Anspannung

Keller und Tiefgaragen wurden überflutet, Felder überschwemmt. Die ganz große Katastrophe blieb aber aus. Am Tag nach dem Höhepunkt des Inn-Hochwassers waren in Tirol Aufräumen und Aufatmen angesagt.

Über die Ufer trat der Inn besonders im Unterland, wie hier bei Münster.

© zeitungsfoto.atÜber die Ufer trat der Inn besonders im Unterland, wie hier bei Münster.



Von Benedikt Mair

Innsbruck – Es hätte um vieles schlimmer kommen können, darüber waren sich an Tag eins nach dem gewaltigen Inn-Hochwasser alle einig. Zwar wurden einige Keller überschwemmt und Felder überflutet, was für die betroffenen Bauern einen hohen wirtschaftlichen Schaden bedeuten dürfte – die große, von manchen befürchtete Katastrophe blieb aber aus.

Als die Pegelstände gestern Früh langsam und im Laufe des Tages immer rascher zurückgingen, atmete Tirol auf. Am frühen Abend führte der Inn in Innsbruck nur noch knapp über 5,5 Meter Wasser mit sich. Zum Vergleich: Gegen 1 Uhr nachts waren es noch über 6,3 Meter. Für heute ist eine weitere Entspannung der Lage vorhergesagt.

Trotzdem: Die Wassermassen haben dem Land, der Bevölkerung, den Rettungskräften einiges abverlangt. Allein am Mittwoch rückten die Feuerwehren über 100-mal zu Hochwasser-Einsätzen aus, mehrere Dutzend folgten gestern, bei denen dann vorrangig Schäden beseitigt wurden. „Besonders in der Inntalfurche war das Thema“, schildert Tirols Landesfeuerwehrkommandant Peter Hölzl. Auch am „Spitzentag Mittwoch“ sei alles stets unter Kontrolle gewesen, sagt er, da sich die Einsatzkräfte „schon präventiv auf die Ereignisse eingestellt haben“. Sandsäcke sind befüllt, Hochwassersperren aufgebaut, Pumpen an neu­ralgische Punkte transportiert worden. Hölzl: „Aus der Hochwasser-Katastrophe im Jahr 2005 haben wir gelernt und sind besser vorbereitet.“

Die Wiesen in Zirl lockten gestern schon wieder Spaziergänger samt Hund an.
Die Wiesen in Zirl lockten gestern schon wieder Spaziergänger samt Hund an.
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Dass seitdem nichts passiert sei, beklagen unterdessen einige Bürger aus Wörgl, an deren Besitz vor 14 Jahren enormer Sachschaden entstand – mehr zu ihren Forderungen im Lokalteil.

Dankbar über die Leistung der Hunderten Feuerwehrleute und Rettungskräfte zeigte sich ein Großteil der Menschen im Land – aber nicht alle, wie eine Episode aus Sankt Gertraudi, einem Ortsteil von Reith im Alpbachtal, beweist. „Wir waren alle ganz perplex“, erzählt Martin Reiter von der örtlichen Feuerwehr. „Wegen des Hochwassers haben wir den Innweg abgesperrt, provisorisch, mit rot-weiß-roten Bändern.“ Als ein deutsches Radfahrer-Paar die Sperre ignorieren wollte, seien sie von Reiter und seinen Kollegen darauf hingewiesen und gebeten worden, die Bundesstraße zu benützen. „Sie haben dann abermals versucht, auf den gesperrten Weg zu gelangen.“ Nach einer erneuten Ermahnung habe die Frau dann begonnen, die Feuerwehrleute zu beschimpfen und über die „schlechte Beschilderung“ zu jammern. „Grundsätzlich ist in Krisensituationen der Zusammenhalt ja immer groß. Die Gewissen, die so etwas tun, wird es leider auch in Zukunft geben“, meint er.

Normalisiert hat sich gestern nicht nur der Wasserstand, sondern auch die Verkehrssituation. Zahlreiche Brücken und Wege, die wegen des Hochwassers gesperrt waren, wurden wieder freigegeben – etwa die Steinbrücke in Schwaz oder die Karwendelbrücke in Innsbruck, über die ab dem Nachmittag wieder Züge fahren konnten. Die Landeshauptstadt hält einen Teil ihres Krisenmanagements aber noch aufrecht, informierte gestern Elmar Rizzoli, Leiter der Mobilen Überwachungsgruppe (MÜG). „Zur Sicherheit bleibt der Hochwasserschutz in der Altstadt jedoch noch bis mindestens Ende der Woche stehen, denn sicher ist sicher. Es bleibt nun abzuwarten, wie viel Regen am Wochenende noch auf uns zukommen wird.“

In Rattenberg lockte das Hochwasser zahlreiche Schaulustige an.
In Rattenberg lockte das Hochwasser zahlreiche Schaulustige an.
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Tatsächlich gebe es noch einige Unbekannte, weshalb es schwierig sei, jetzt schon die weitere Entwicklung der Pegelstände vorauszusagen, sagt Klaus Niedertscheider, Leiter des Hydrographischen Dienstes des Landes Tirol. In jedem Fall bleibe die Wasserführung der Bäche und Flüsse auf einem „insgesamt sehr hohen Niveau. Auch aufgrund der weiter anhaltenden Schmelze. Die Sonneneinstrahlung ist enorm hoch, auf den Bergen liegt noch sehr viel Schnee.“ Überhaupt sei das aktuelle Inn-Hochwasser ein Phänomen, das „in der 100 Jahre langen hydrographischen Aufzeichnung“ noch nie registriert wurde, sagt Nieder­tscheider. „Dass der Inn wegen des Schmelzwassers so sehr anschwoll, haben wir in der Form noch nie beobachtet.“ Die Gewitter, auch im Schweizer Inn-Abschnitt, hätten dann ihr Übriges getan – werden aber in den kommenden Tagen nicht mehr so intensiv ausfallen. Die Pegel dürften sich weiter entspannen.

Die Feuerwehren pumpten gestern Tausende Liter Wasser aus Kellern und Feldern.
Die Feuerwehren pumpten gestern Tausende Liter Wasser aus Kellern und Feldern.
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