Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom So, 07.07.2019


Exklusiv

Vor 20 Jahren zerbrach der Eiblschrofen in Schwaz

Am 10. Juli 1999 gab es in Schwaz einen Felssturz, bei dem rund 100.000 Tonnen Gestein talwärts donnerten.

Der Schicksalsberg der Schwazer: der Eiblschrofen.

© BANGDer Schicksalsberg der Schwazer: der Eiblschrofen.




Von Peter Hörhager

Schwaz — 10. Juli 1999: ein Tag wie jeder andere? Mitnichten — um 14.43 Uhr ging vom Eibl­schrofen ein Felssturz nieder, rund 100.000 Tonnen Gestein donnerten talwärts. Da sich die Ausläufer des Felssturzes bis knapp ans Siedlungsgebiet schoben und weitere Abbrüche den Ortsteil Ried bedrohten, wurde dieser noch in der Nacht evakuiert. 286 Schwazer mussten ihr Domizil räumen, das Gebiet wurde weiträumig gesperrt und die dortigen Betriebe wurden mit Arbeitssperren belegt. Die Montanwerke mussten den aktiven Bergbau einstellen und haben seither keine Genehmigung, diesen wieder aufzunehmen — Schwaz ist keine „Knappenstadt" mehr. In Rekordzeit wurden von der Wildbach- und Lawinenverbauung zwei Schutzdämme, 25 bzw. 15 Meter hoch sowie 205 bzw. 120 Meter lang, aufgezogen.

„Ich habe gerade einen Hans-Moser-Film angeschaut, als ich über den Abbruch informiert wurde, erinnert sich BM Hans Lintner, der in den folgenden Wochen seine Fähigkeit als Einsatzleiter unter Beweis stellte. Allein vom 10. bis zum 25. Juli standen 390 Feuerwehrmänner und 128 Bergretter sowie Dutzende Polizisten im Einsatz. Das Bundesheer positionierte 171 Panzerigel, stellte Soldaten ab, ermöglichte unzählige Hubschrauberflüge und öffnete die Frundsbergkaserne für Einsatzteams. Die Sicherheitsvorkehrungen waren enorm, so wurden Vorkehrungen getroffen, dass die Arbeiter bei den Schutzdämmen im Falle weiterer Abbrüche innerhalb von 45 Sekunden evakuiert werden konnten.

Der Vorfall, der glücklicherweise ohne Personenschäden ablief, löste ein enormes Medienecho aus. „Wir haben geglaubt, ganz Schwaz sei verschüttet worden", meinte ein Schwazer, der die Berichterstattung im Ausland mitverfolgte.

„Jeder Felsbrocken, der herunterfällt, ist für uns wie eine Träne, die der kranke, im Inneren geschundene Berg von sich gibt", hielt Rudi Frankowitsch, der Sprecher der evakuierten Bewohner, in einem Interview damals fest.

Erst nach Fertigstellung der beiden Dämme, am 3. November 1999, konnten die letzten der 286 Evakuierten in ihre Wohnungen bzw. Häuser zurückkehren. Als weitere Schutzmaßnahme wurde am Zintberg ein Schutznetz aufgezogen. Der Eiblschrofen wurde in der Folge zum best­überwachten Berg Europas. Peter Gstrein,­ damals Landesgeologe: „Die rasche und starke Schneeschmelze des Frühjahrs 1999 führte zu einer Erhöhung des Bergwasserspiegels. In der Folge hat der Berg an der schwächsten Stelle nachgegeben, sodass es zu einem Zusammenbrechen eines Teiles des Abbaureviers II im Bergwerk gekommen ist." In einem Gutachten, das die Grünen damals erstellen ließen, wurde ebenfalls festgehalten: „Die Abbaukessel für den Dolomit sind zu groß dimensioniert worden, es wurde also zu wenig bergfestes Gestein stehen gelassen."

Am Eiblschrofen gab es schon früher Abbrüche. Ein spektakuläres Ereignis ist am 2. Mai 1993 vermerkt. Damals war auf der Schulter des Eiblschrofens ein zwei Hektar großes Waldstück eingebrochen. Als Folge dieses „Bingenfalles" stürzte ein Teil des darunterliegenden Dolomit-Abbaureviers ein.

Das Schaubergwerk war übrigens von beiden Ereignissen nicht betroffen.

Chronologie der Eiblschrofen-Saga

10. Juli 1999: Um 14.43 Uhr kommt es beim Eiblschrofen zu einem gewaltigen Felssturz, noch am Abend werden 286 Schwazer evakuiert.

11. Juli 1999: Die Wildbach- und Lawinenverbauung nimmt gemeinsam mit der Landesgeologie eine erste Beurteilung des Abbruchgebietes vor.

26. Juli 1999: In einem Schreiben an BM Hans Lintner teilt Wirtschaftsminister Hannes Farnleitner mit, dass er sich beim Finanzminister für die Ausschüttung von Mitteln aus dem Katastrophenfonds starkmacht.

28. Juli 1999: Als Voraussetzung für den Bau von Schutzdämmen beginnen die Bundesforste mit Rodungsarbeiten.

3. August 1999: Präsentation eines Konzepts für Schutzbauten und umfassendes Monitoring

5. August 1999: Beginn der Bauarbeiten für den ersten Schutzdamm

6. Oktober 1999: Fertigstellung des „Ottiliendammes"

20. Oktober 1999: Fertigstellung des „Johannistal-Dammes"

3. November 1999: Fertigstellung des Steinschlag- Auffangnetzes; die letzten Evakuierten dürfen in ihre Wohnungen bzw. Häuser zurückkehren.

19. November 1999: Abschluss der Rekultivierungsarbeiten im Gefährdungsbereich

20. November 1999: Die Fertigstellung der Schutzdämme wird mit einem Festakt gefeiert, auch LH Weingartner nimmt daran teil.

14. Juni 2000: Im neu geschaffenen Erholungsgebiet („Silberwald") unterhalb des Eiblschrofens werden von 180 Schülern 2200 heimische Sträucher und Bäume gepflanzt. (hö)

„Wir fühlen uns wieder sicher"

Es war ein Moment, den Rudi Frankowitsch sein Leben lang nicht vergessen wird. „Raus, raus, sofort raus", riefen ihm vor 20 Jahren Feuerwehrmänner zu. Ohne irgendetwas mitnehmen zu können, musste er sein Haus verlassen. Es war der Tag, an dem der Felssturz am Eiblschrofen passierte.

Heute sitzt Frankowitsch mit einem Lächeln beim Frühstücken vorm Haus. Der Blick wandert hinauf zum Eiblsch­rofen. Angst hat er keine mehr. Dass noch mal etwas herunterkommen könnte, sei nicht auszuschließen, aber „der Damm wird es schon heben". Frankowitsch war damals der Sprecher der betroffenen Bewohner, die alle ihre Häuser und Wohnungen für drei Monate räumen mussten. Die größte Sorge war damals der große Wertverlust. „Ich baue ja nicht fünf Jahre lang schweißtreibend mein Haus, um es dann zu verscherbeln. Da alles durch den Felssturz in die rote Zone rutschte, war es wie bei einer Aktie, die von 100 auf null fiel", erklärt Frankowitsch. Mittlerweile sind die Grundstücke wieder in der grünen Zone. „Es wurden in den letzten Jahren fünf neue Häuser in der Umgebung gebaut. Wegziehen kam für keinen Einzigen von uns in Frage", sagt der Schwazer. Sie fühlen sich wieder sicher und zuhause.

Das liegt wohl auch am GPS-Monitoring, das nach dem Felssturz installiert wurde. 14 Jahre lang wurde jede Bewegung am großen Areal von der Firma Trigonos festgehalten. „Das ist die längste zusammenhängende Überwachung im Alpenraum", erklärt GF Christoph Kandler. Vor zwei Jahren wurde das Monitoring eingestellt. Denn die Messungen zeigten, dass eine weitere dauerhafte Beobachtung im Gelände nicht nötig sei. Es gebe zwar Bewegungen, aber keine Beschleunigung. Und somit keine Gefahr. Untertage werde von der ZAMG aber weiterhin gemessen. (emf)

Die rote Linie markiert das Gebiet, aus dem damals sämtliche Bewohner evakuiert wurden.
Die rote Linie markiert das Gebiet, aus dem damals sämtliche Bewohner evakuiert wurden.
- BANG
Nach dem 10. Juli tagte fast täglich ein Krisenstab mit den zuständigen Experten.
Nach dem 10. Juli tagte fast täglich ein Krisenstab mit den zuständigen Experten.
- BANG
Rudi Frankowitsch wohnt direkt unterhalb des Eiblschrofens.Wegziehen kam für ihn aber nie in Frage.
Rudi Frankowitsch wohnt direkt unterhalb des Eiblschrofens.Wegziehen kam für ihn aber nie in Frage.
- Fankhauser

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