Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Sa, 27.07.2019


Blick von Außen

Artenvielfalt: “Nur die Neugier hilft“

Von Artenvielfalt kann keine Rede mehr sein: Wenn uns die Ökologie etwas lehrt, dann das Wissen um die Verletzlichkeit komplexer Gefüge. Damit müsste man sich beschäftigen.

Die Margeriten so nah, der Krieg noch fern. Junge Erwachsene beim Blumenpflücken.

© Fotosammlung Luis Zech/NüzidersDie Margeriten so nah, der Krieg noch fern. Junge Erwachsene beim Blumenpflücken.



Von Bernhard Kathan

Bernhard Kathan
Bernhard Kathan
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Vor mir auf dem Tisch liegt eine Aufnahme. Es ist eine Gruppe junger Erwachsener beim Blumenpflücken zu sehen, eine von Margeriten und anderen Blumen übersäte Wiese. Die Aufnahme entstand im Frühsommer 1942. Ich kenne das Grundstück, das auf dem Foto zu sehen ist, gut. Heute blühen dort keine Margeriten mehr, auch kein Wiesen-Bärenklau, kein Wiesenkerbel, keine wilde Möhre. Ökologisch betrachtet haben wir es mit einer Wüste zu tun. Auffallenderweise wird das nicht wahrgenommen. Man sähe es nur, wenn alles verdorrt wäre, sich Sandberge auftürmen würden. Im Augenblick ist das noch nicht zu befürchten.

Es wächst immer noch Gras, um genauer zu sein: neben Gräsern auch Ampfer, Wiesenstorchenschnabel, Löwenzahn, Spitzwegerich, Hahnenfuß, einige eingesäte Kleearten. Von Artenvielfalt kann keine Rede sein. Dafür wären viele Gründe zu nennen, angefangen beim frühen Schnitt, der ein Ausreifen vieler Pflanzen unmöglich macht, bis hin zur Überdüngung, wofür der massenhaft auftretende Ampfer ein guter Indikator ist. Bergbauern, es handelt sich um ein bergbäuerlich bewirtschaftetes Grundstück, bringen Jauche zumeist nur noch dort aus, wo für schwere Güllefässer befahrbare Wege vorhanden sind. So kann auf einem Grundstück ein Vielfaches dessen als Dünger eingebracht werden, was ihm als Futter entnommen wurde. Das ist hier der Fall.

Glattrasiertes Grundstück

Ich habe mir, da mir das Mähen mit der Sense inzwischen zu anstrengend ist, eine Motorsense gekauft. Das ganze Grundstück ist nun glattrasiert. Freilich hinterlässt das bei mir ein unbehagliches Gefühl, weniger wegen des von mir verursachten Lärms, vielmehr deshalb, weil das Gerät sich bei genauerer Betrachtung als Allesmuser erweist: „Eine Benzin-Motorsense ist bestens geeignet, wenn Sie Ihren Garten in Form bringen möchten. Vor allem an Mauern, Zäunen, abfallenden Flächen, Bäumen und weiteren Hindernissen ist sie die ideale Alternative zum Rasenmäher, um hochgewachsenes Gras und Gestrüpp auf die richtige Länge zu kürzen. Motorsensen arbeiten mit einer Fadenspule für leichtere Mäharbeiten. Darüber hinaus können Sie mit einem extrastarken Messerblatt auch holzige Pflanzenteile und Gestrüpp mühelos schneiden." 1400 Umdrehungen pro Minute bei Höchstleistung, genau genommen 2800 Drehschnitte. Kleinlebewesen, die sich nicht verkriechen oder wegfliegen können, werden buchstäblich zu Brei zermalmt. Mäht man mit einer Sense in einen der vielen Ameisenhaufen, dann liegen die Eier im Gras verstreut. Schon nach kürzester Zeit sind die Ameisen damit beschäftigt, die Eier wieder einzusammeln. Mäht man dagegen mit einer Motorsense, dann finden sich nicht mehr viele Eier. Das trägt, denkt man daran, wie häufig Motorsensen eingesetzt werden, nicht unwesentlich zum Artensterben bei. Der Hersteller hat, wie ich der Bedienungsanleitung entnehmen konnte, auch in Ländern wie dem Kosovo oder Bosnien seine Vertretungen.

Der tägliche Bodenverbrauch in Österreich wird oft mit Fußballfeldern hochgerechnet. Täglich werden angeblich 12,9 Hektar Boden versiegelt, was etwa 20 Fußballfeldern entspricht, pro Jahr also etwa 7300 Fußballfeldern. Es ließen sich auch jene Flächen verrechnen, die rund um Häuser mit Hilfe von Motorsensen, Rasenmähern oder Rasenrobotern verwüstet werden. In der Landwirtschaft kommen Motorsensen vor allem an Böschungen und Feldrändern zum Einsatz, also genau in jenen Bereichen, die noch immer eine gewisse Artenvielfalt aufweisen. Nicht zu vergessen seien alle jene Bereiche, die im Auftrag von Straßenerhaltern abrasiert werden. Was Fußballfelder betrifft, so wäre noch hinzuzufügen, dass es sich bei solchen durchwegs um ökologische Wüsten handelt. Man könnte sie gleich mit einem Kunststoffrasen versehen. Immerhin können sie noch Wasser aufnehmen.

Keine Trollblumen mehr

In meiner Kindheit war während der Sommermonate ständig das Lachen von Grünspechten zu hören. Sie sind selten geworden. Es mangelt eben am Nahrungsangebot. Grünspechte ernähren sich hauptsächlich von bodennahen Insekten, vor allem Ameisen. Während einer ganzen Woche Heuarbeit habe ich nicht eine einzige Heuschrecke gesehen. In meiner Kindheit konnten wir uns beim Heuen die Zeit damit vertreiben, Heupferdchen zu fangen, ihnen einen Grashalm in den Hinterleib zu bohren, sie auf die Spitze des Gabelstiels zu setzen, Daumen und Zeigefinger, mit denen wir sie festhielten, zu öffnen, um ihren seltsamen Flug (in den Tod) zu beobachten. Heute würde ein solches Tun als Rohheit betrachtet. Um vieles verheerender erscheinen mir allerdings Motorsensen und verwandte Geräte. Aber das nimmt kaum jemand wahr. Feldgrillen sind übrigens kaum bedroht, sofern die Flächen nicht mit schweren Maschinen bewirtschaftet werden. Bei Lärm und Erschütterungen ziehen sie sich in ihre Röhren zurück.

In meiner Kindheit wurden zu Fronleichnam noch auf dem ganzen Weg durch das Dorf, den die Prozession nehmen sollte, Blumen gestreut. Das wurde mit richtigem Eifer betrieben. Manche hatten eigens zu diesem Zweck Pfingstrosen im Garten. Zumeist wurden aber Blüten von Trollbumen gestreut. Tags zuvor schickte man die Kinder, dafür bekamen sie schulfrei, mit Kopfkissenbezügen auf eine der unteren Almen, um „Goldknöpfe" zu sammeln. Natürlich wurden nur die Blüten abgezupft. Um 1960 wurde die Blütenstreuerei untersagt. Man konnte doch nicht Tafeln mit Pflanzen, die unter Naturschutz stehen, darunter auch die Trollblume, in Klassenzimmer hängen und dann den größeren Schülern freigeben, um Kopfkissenbezüge mit Goldknöpfen zu füllen. Mochte diese Maßnahme noch so gut gemeint sein, so war sie doch reichlich dumm. Das Verschwinden der Trollblume verdankt sich keinesfalls der Blütenstreuerei zu Fronleichnam. Die Almweiden wurden aufgegeben, Wald kam auf. Auch wurde vergessen, dass die Bauern keine große Freude mit dem massenhaften Auftreten von Trollblumen hatten. Da Rinder Hahnenfußgewächse meiden, wollten sie Bauern eingedämmt wissen. Da es sich um eine ausdauernde Pflanze handelt, verschwand sie durch das Abzupfen der Blüten nicht. Ich erwähne das Beispiel, da es deutlich macht, dass es beim Naturschutz oder dem Bemühen um Artenvielfalt vieles mitzudenken gilt. Auf der oben erwähnten Aufnahme sind keine Trollblumen zu sehen, obwohl anzunehmen ist, dass sie auch hier früher einmal zum Landschaftsbild zählten. Sie verschwanden bereits früher mit der Entwässerung der ehemaligen Feuchtwiesen.

Verschwinden der Nattern

Was Ameisenhaufen betrifft, hält sich meine Freude in Grenzen, zumal sie im Garten auftauchen, ganz zu schweigen von Waldameisen, die sich in den Zwischenwänden des Gebäudes, im Dämmmaterial zwischen der Holzverkleidung und in Rigipsplatten einnisten und sich schließlich über die Essvorräte hermachen. Dennoch sollen auch sie ihren Platz haben. Ameisen zählen zum Nahrungsangebot von Eidechsen und Blindschleichen. Diese wiederum werden von Schlingnattern gefressen. Nehmen Insekten ab, dann gibt es weniger Eidechsen und Blindschleichen. Schlingnattern verschwinden. Es ist freilich viel komplizierter, als ich es hier schreibe. Man braucht nur etwas aufmerksam zu sein, um die eine oder andere Wechselwirkung zu erkennen. Aber ist es nicht so: Jeder geht seinen Tätigkeiten nach, ohne lange darüber nachzudenken. Die Motorsense ist ein gutes Beispiel.

Ach, das Artensterben! Ein Verbot von Plastiksackerln. Das ist eine dankbare Lösung. Die beachtlichen Einträge von Plastikpartikeln in die Böden durch die Landwirtschaft werden dadurch nicht tangiert. Auch Motorsensen haben solche Einträge zur Folge. In wenigen Tagen ist eine Fadenspule verbraucht. Das sind immerhin fünfzehn Meter Plastik. Ich werde weiterhin mit der Motorsense arbeiten, wenngleich ich die eine oder andere Fläche mit einer herkömmlichen Sense mähen werde. Entscheidend ist etwas anderes: Wir brauchen wirkliche Neugier, was den Boden mit all den Pflanzen und Kleinlebewesen betrifft.

Es gilt nicht, den Margeriten, dem Wiesenkerbel, dem Wiesenknopf, dem Klappertopf oder der Trollblume nachzutrauern! Wenn uns die Ökologie etwas lehrt, dann das Wissen um die Verletzlichkeit komplexer Gefüge. Damit müsste man sich beschäftigen. Und machte man es wirklich, dann stellten sich ganz andere Fragen. Es ließe sich etwa sehen, dass wir es bei der Klage um den Verlust der Artenvielfalt nur mit der Kehrseite einer Ökonomie zu tun haben, die uns im Augenblick noch ganz gut leben lässt. Man sollte sich manchmal niederknien und einen kleinen Kosmos betrachten, der sich auf einigen Quadratmetern auf der Erde ausbreitet, Demut üben, überhaupt das Einzige, was sich lohnt.

Zur Person

Bernhard Kathan, Schriftsteller, Künstler und Kulturhistoriker. Er beschäftigt sich immer wieder publizistisch und künstlerisch mit der Landwirtschaft. info@hiddenmuseum.net