Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Do, 18.07.2019


Bezirk Reutte

Weißenbacher geben Kampf um Baggersee noch längst nicht auf

Für Univ.-Doz. Armin Landmann ist Regenerierung „nicht so einfach wie in bunten Life-Projekt-Broschüren“. Am 25. Juli findet in Weißenbach ein Infoabend statt.

Badende sind im Baggersee nur selten auszumachen. Das Wasser misst dieser Tage gerade einmal acht Grad. An die 30 geschützte Tierarten leben dort. Viele sollen in Bezug zum Seestandort nicht erfasst sein.

© salvemini.atBadende sind im Baggersee nur selten auszumachen. Das Wasser misst dieser Tage gerade einmal acht Grad. An die 30 geschützte Tierarten leben dort. Viele sollen in Bezug zum Seestandort nicht erfasst sein.



Von Helmut Mittermayr

Weißenbach, Forchach – In Weißenbach hat sich eine Gruppe gebildet, die, wie berichtet, alles unternehmen will, um einen großen Baggersee auf östlicher Seite des Lechs vor dem Untergang zu retten. Untergehen soll das Kleinod wortwörtlich – im Lech. Im Zuge des EU-Life-Renaturierungsprojekts „Tiroler Lech II“ werden die den See schützenden Buhnen herausgenommen. Der Lech kann dann sein Schotterbett ausbreiten, der See würde im Lauf der Zeit verschwinden. Im August ist Baubeginn, das Wasserbauamt startbereit.

Die Weißenbacher Kämpfer für den Erhalt des Baggersees, der auf Forchacher Gemeindegebiet liegt, stellen nach genauem Aktenstudium nun die Gutachten in Frage, die zur Genehmigung des Projektes geführt haben, und fordern zumindest einen vorläufigen Baustopp samt eingehender Untersuchung von Fauna und Flora des Sees, um eine erneute Güterabwägung herbeizuführen. Denn alle Beurteilungen seien aus der Lech-„Sicht“ getroffen worden, der Verlust der Biodiversität am See habe hingegen kaum eine Rolle gespielt. Dabei handle es sich hier ebenso um ein Naturschutzgebiet, führt Wolfgang Schweißgut aus. Bei nur kürzester Nachschau in dem Areal seien höchstgefährdete und -geschützte Tierarten wie die „Gebänderte Prachtlibelle“ bis hin zu einer Zwergrohrkolbenkolonie gefunden worden.

Argumentative Hilfe bekommen die inzwischen 13 streitbaren Weißenbacher, zu denen auch Walter Leitgeb gehört, von prominenter Seite. Der bekannte Biologe und Ökologe Univ.-Doz. Armin Landmann, selbst involvierter Fachmann beim ersten Life-Projekt am Lech, relativiert in einem Schreiben an Wolfgang Schweißgut die Wirkung von solchen Renaturierungsmaßnahmen. „Die Erfahrungen aus dem ersten Life-Projekt indizieren, dass sich an den neu entwickelten, überwiegend kahlen Schotterfluren, z. B. unterhalb der Johannesbrücke, kein sonderlicher Zuwachs an flussuferspezifischen Biodiversitätselementen ergibt“, sagt der Ökologe. Und weiter: „So einfach, wie sich das in bunten Life-Projekt-Broschüren liest, ist es also nicht, durch einige flussbauliche Maßnahmen wildflussspezifische Lebensgemeinschaften zu regenerieren.“ Der Verlust spezifischer Tier- und Pflanzengesellschaften in der ufernahen, zum Teil fossilen Aue durch Regenerationsmaßnahmen sei daher sorgfältig gegenüber dem allfälligen Gewinn abzuwägen.

Wolfgang Schweißgut an der hohen Uferböschung des Lechs. Ihm ist beim Sammeln von Informationen kein Weg zu weit – oder zu nass.
Wolfgang Schweißgut an der hohen Uferböschung des Lechs. Ihm ist beim Sammeln von Informationen kein Weg zu weit – oder zu nass.
- salvemini.at

Landmann ortet „im Life-Projekt und Einreichoperat Defizite und Ungereimtheiten im Teil, der die Fauna betrifft, und nicht nachvollziehbare Einschätzungen des lokalen Status von Tieren im Untersuchungsgebiet“. Dies beruhe auf mangelnder Kenntnis der Situation im Lechtal sowie oberflächlicher Literatur- und Quellenberücksichtigung. Es reiche eben nicht, sich auf die Ergebnisse einer kurzen Lehrexkursion und Datenerfassung durch unerfahrene Studenten zu beschränken. Landmann führt eine ganze Palette von Tieren an, die im betroffenen Gebiet „nachgewiesen und möglich“ seien, in der Expertise aber als „ausgeschlossen oder unwahrscheinlich“ dargestellt würden. Den Erholungswert des abgelegenen Baggersees schätzt der Biologe hingegen nicht als besonders hoch ein.

Zu Wort meldet sich auch Skisprunglegende Toni Innauer in seiner Funktion als WWF-Flussbotschafter: „Der Verlust spezifischer Flora und Fauna rund um den See wurde in der Entscheidung scheinbar nicht adäquat berücksichtigt und gegen den Nutzen der zusätzlichen Flusslandschaft abgewogen. Es wäre sinnvoll, das nachzuholen, bevor die Bagger rollen.“

Am Donnerstag, den 25. Juli, um 19.30 Uhr findet im Mehrzweckhaus in Weißenbach eine Informationsveranstaltung mit Wolfgang Schweißgut und Walter Leitgeb statt, bei der weitere Hintergründe beleuchtet werden sollen und auf breite Unterstützung der Bevölkerung gehofft wird.