Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Do, 18.07.2019


Bezirk Schwaz

Vom Zoo in die Freiheit gesprungen: Steinböcke im Zillertal ausgewildert

Fünf junge Steinböcke wurden bei der Greizer Hütte im Zillertal ausgewildert. Ein Großprojekt, das ans Herz geht.

Der kleine Steinbock Moritz trägt einen Sender, der Aufschluss über seine Wanderschaft im Floitental gibt.

© Eva-Maria FankhauserDer kleine Steinbock Moritz trägt einen Sender, der Aufschluss über seine Wanderschaft im Floitental gibt.



Von Eva-Maria Fankhauser

Ginzling – Ein kurzer Moment der Stille. Niemand rührt sich. Alle halten den Atem an. Doch nichts passiert. Bis Alpenzoo-Direktor André Stadler beherzt in eine der fünf Boxen greift, die kleinen Hörner packt und Romeo ein Stück herauszieht. Dann stürmt der junge Steinbock los und die anderen vier folgen ihm: ab in die Freiheit.

Moritz, Karl, Romeo, Tuxi und Luise heißen die drei Böcke und zwei Geißen, die vom Innsbrucker Alpenzoo und vom Tiergarten Nürnberg in die Freiheit entlassen wurden. Sie sind Teil eines Großprojektes, wodurch Steinwild wieder vermehrt im Alpenraum angesiedelt wird. Die Population im Zillertal galt als unterdurchschnittlich, daher hat der Naturpark Hinteres Zillertal mit dem Innsbrucker Alpenzoo und den Österreichischen Bundesforsten (ÖBF) vier Auswilderungen in den letzten Jahren organisiert. Am Dienstag stand die letzte an.

Der Weg bis zum idealen Platz für die Auswilderung oberhalb der Greizer Hütte war kein leichter für die Helfer.
Der Weg bis zum idealen Platz für die Auswilderung oberhalb der Greizer Hütte war kein leichter für die Helfer.
- Eva-Maria Fankhauser

Es ist noch kalt am Morgen, als es um sechs Uhr in Ginzling losgeht. Doch wenig später kommen die Helfer – vom Naturpark, Alpenverein, Bundesforste, Jägerschaft oder Hüttenwirt Herbert Schneeberger – ordentlich ins Schwitzen. Denn die zwischen 20 und 30 Kilo schweren einjährigen Steinböcke werden zwar mit der Materialseilbahn vom Floitental zur Greizer Hütte gebracht. Aber danach ist Muskelkraft gefragt. Die Boxen, in denen die Tiere langsam unruhig hin und her rutschten, verdoppeln die Last. Es geht steil bergauf oberhalb der Greizer Hütte auf rund 2300 Meter. „Die Lage ist ideal“, sagt Willi Seifert vom Naturpark Hinteres Zillertal.

Bereits vor zwei Jahren wurden hier Steinböcke ausgewildert. „Sie hielten sich oft am Kamm zwischen Gigerlitz und Löffler auf“, sagt Seifert. Einer sei nach Südtirol verschwunden. Dort ist das Signal nach wenigen Wochen abgebrochen. Auch ein Todesfall war dabei. Das gehöre in der Natur eben dazu. Die Chancen für die fünf Steinböcke aus den Zoos seien aber gut. „Die Ost-West-Ausrichtung des Tales ist ideal. Dazu noch die steilen Hänge, das mögen sie besonders gern. Auch die Höhenlage ist gut. Die Sender der vorigen Steinböcke haben gezeigt, dass sie sich selten unter 2500 Metern aufgehalten haben“, verrät Seifert.

Zwei Böcke tragen wieder Sender. Sie liefern täglich Infos, wo sich die Tiere aufhalten. Bis zu drei Jahre bleibt das Gerät am Hals des Steinbockes, danach fällt es ab. „Dann suchen wir den Sender. Denn wir erhalten zwar so auch schon spannendes Material, wann sich das Tier wo aufhält, aber aus dem Sender können wir das Zeit-Raum-Verhalten genau herauslesen“, erklärt Christoph Egger (ÖBF).

Als sich die Boxen öffnen und der erste Bock endlich in die Freiheit springt, folgen ihm die anderen sofort. Zwei liefern sich ein kurzes Kämpfchen und stoßen mit den Hörnern zusammen. Doch dann geht es für alle steil bergauf. Und das in einem Mordstempo. Schnell verlieren die Tierpfleger die Steinböcke aus den Augen. Aber das macht nichts. Sie sind nun dort, wo sie hingehören. „Das ist aktiver Tierschutz. Für mich ist so etwas besonders toll“, sagt Stadler. Eine Freude, die er mit all den anderen Helfern teilt.