Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Sa, 27.07.2019


Tirol

Auf leisen Pfoten und Tatzen: Wolf und Bär kehren zurück

Ein Wolf- und Bär-freies Europa wird es nicht mehr geben. Im Umgang mit den großen Beutegreifern haben viele Länder und Regionen aber noch Nachholbedarf. Experten fordern einen grenzübergreifenden Management-Plan.

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© TT/BöhmSymbolfoto.



Von Benedikt Mair

Innsbruck – Es ist nichts mehr, wie es einmal war. Oder wird gerade wieder so, wie bereits gewesen. Und jetzt soll es auch dabei bleiben. Über viele Jahrzehnte waren sie von der Bildfläche verschwunden, ausgestorben, vom Menschen ausgerottet. Mitteleuropa war Wolf- und Bär-frei. Doch die großen Beutegreifer erobern diesen Lebensraum wieder zurück. Was den Naturschützer freut, bringt den Bauern auf die Barrikaden. Das zeigt auch die Debatte der vergangenen Tage nach mehreren Schafrissen in Tirol. Die Bewohner des Alpenraums, sagen Experten, werden sich mit der Anwesenheit dieser Tiere abfinden, den richtigen Umgang mit ihnen aber noch lernen müssen.

„Es müsste gleich groß gedacht werden“, sagt Klaus Hackländer, Professor am Institut für Wildbiologie und Jagdwirtschaft an der Universität für Bodenkultur (BOKU) in Wien. Zwar gebe es in vielen Ländern und Regionen entsprechende Pläne, die das Vorgehen und Zusammenleben mit ihnen regeln. Diese würden aber nicht über Grenzen hinausgehen, bemängelt Hackländer. „Bei diesem Thema ist es falsch, in Nationalstaaten zu denken.“

Klaus Hackländer: Professor an der BOKU in Wien.
Klaus Hackländer: Professor an der BOKU in Wien.
- Hackländer

Und doch wird es bisher fast ausschließlich so gehandhabt. Beispielsweise gibt es in Österreich seit dem Jahr 2005 einen Bären- und seit 2012 einen Wolfsmanagementplan. Dieses Papier dient jedoch nur als Orientierung für die Bundesländer, in deren Jagdgesetzen der Umgang mit den großen Beutegreifern jeweils individuell geregelt ist – auch die Bedingungen, die erfüllt werden müssen, um ein Tier, das Probleme macht, zu entnehmen. Hackländer nennt es eine „große Herausforderung“, dass das Beutegreifer-Management in Österreich reine Ländersache ist. „Leider gibt es auch keine starke Koordination zwischen den einzelnen Akteuren.“

Heißt, frei übersetzt: In jedem Bundesland gibt es eine ähnliche Situation und vergleichbare Probleme, die Süppchen werden aber in St. Pölten, Salzburg oder Innsbruck gekocht. Der BOKU-Professor, der in zahlreichen Expertengremien zu dem Thema sitzt, glaubt, dass es „Österreich guttun würde, wenn es so wie in der Schweiz oder Deutschland Bundesrahmengesetze geben würde“.

Auch die Bayern müssen sich an den in Berlin festgelegten Rahmen halten. Die Pressestelle des Bayerischen Landesamts für Umwelt, das für die Belange um große Beutegreifer zuständig ist, verweist auf „die Webseite der Behörde. Dort sind die Managementpläne einzusehen.“ Bei den nördlichen Nachbarn ist der Umgang mit Wolf und Bär in verschiedenen Stufen geregelt.

Für die Bären gilt seit April 2007 ein Plan der Stufe 1: Im Freistaat gibt es also nur Tiere, die das Gebiet durchstreifen, nicht aber sesshaft sind. Darin heißt es: „Die Sicherheit des Menschen hat Priorität vor dem Schutz der Bären. (...) Das Entfernen von Bären aus der freien Wildbahn ist ultima rati­o.“ Für Wölfe gibt es seit März dieses Jahres einen Plan der dritten Stufe, da sich Rudel in Bayern bereits fest angesiedelt und auch fortgepflanzt haben. Es ist eine verstärkte Überwachung und Steuerung der Population vorgesehen. Eine Entnahme, also das Töten eines Tieres, ist aber auch hier als „ultima ratio“ angegeben.

Der Wunsch, das Weidevieh, die Alm- und Bergwirtschaft zu schützen, war es auch, der die Landespolitik Südtirols vor rund einem Jahr dazu gebracht hat, ein eigenes Wolf- und Bär-Gesetz zu erlassen. „Seit 2003 diskutiert Italien den so genannten Wolfsplan“, sagt Arnold Schuler, Landwirtschaftslandesrat in Südtirol und einer der Verfasser des neuen Gesetzestextes. Eine zu lange Zeit, weshalb sich die Autonome Provinz entschlossen habe, selbst tätig zu werden. „Bisher haben sich alle Umweltminister geweigert, in äußersten Fällen ein Tier zum Abschuss freizugeben“, erklärt Schuler. Mit dem neuen Gesetz, das der italienische Verfassungsgerichtshof erst kürzlich für rechtens erklärt hat, seien Entnahmen nun möglich. „Derzeit sind wir dabei, einen Kriterienkatalog für Abschüsse zu erarbeiten.“ Schuler glaubt aber, dass „das Landesgesetz nur ein Zwischenschritt gewesen sein kann. Südtirol ist keine Insel, Wolf- und Bär-frei wird es nie mehr geben.“ Deshalb seien grenzüberschreitende Regelungen in Zukunft unumgänglich.

Diese Forderungen kommen für den Experten Klaus Hackländer zu spät. „Bei diesem Thema hat die Politik einfach geschlafen. Wolf und Bär werden nie mehr ganz verschwinden, wir müssen umdenken“, sagt er und fordert ein europaweites Management-Konzept. Der in der Flora-Fauna-Habitatrichtlinie der EU festgeschriebene Schutzstatus des Wolfes sei zu überdenken. „Die Beutegreifer auf Distanz zum Menschen zu halten, ist der Schlüssel zur Koexistenz.“ Würden einige der von Natur aus eigentlich scheuen Tiere diese Distanz nicht wahren, „darf auch das Töten kein Tabuthema mehr sein“.

Drei Fragen an Klaus Hackländer

„Wolf hat immer schon Nähe zu Mensch gesucht"

Beides, Wolf und Bär, sind mitunter gefährliche Raubtiere. Und doch scheinen sich Menschen vor einem mehr als vor dem anderen zu fürchten. Warum das so ist, erklärt Klaus Hackländer, Professor am Institut für Wildbiologie und Jagdwirtschaft an der BOKU in Wien.

1. Hier der böse Wolf, dort der Kuschelbär: Wie entstehen solche Bilder?

Der Bär ist ein Allesfresser, kommt bei der Nahrungssuche dem Menschen selten in die Quere. Wölfe hingegen jagen große Säugetiere, die von den Menschen gehalten bzw. selbst bejagt werden.

2. Ist das Konfliktpotenzial zwischen Wolf und Mensch größer?

Ja. Außerdem ist der Wolf ein neugieriges Tier, hat schon immer die Nähe zum Menschen gesucht. Nur deshalb konnte er auch domestiziert werden.

3. Sind Wölfe also gefährlicher als Bären?

Nein. Verliert ein Bär die Scheu vor dem Menschen, ist eine Begegnung mit ihm um vieles gefährlicher als mit einem Wolf.

Buchtipp: Der Wolf im Spannungsfeld von Land- & Forstwirtschaft, Jagd, Tourismus und Artenschutz wird von Klaus Hackländer in seinem neuen Buch beleuchtet. (Leopold Stocker Verlag 2019, 216 Seiten, 19,90 Euro)