Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Fr, 02.08.2019


Natur

Galtürer ist Tirols erster Enzianbauer

Der Enzianschnaps aus Galtür ist berühmt – er gilt als Rarität. Nun wurde in der Paznauner Gemeinde Tirols erster Versuch gestartet, den Gelben Enzian am Acker anzubauen. Mit Erfolg.

Markus und Hermann Lorenz begutachten mit Wendelin Juen (v. l.) von der Landwirtschaftskammer die Pflanzen. Sie gedeihen in Galtür ideal.

© ReichleMarkus und Hermann Lorenz begutachten mit Wendelin Juen (v. l.) von der Landwirtschaftskammer die Pflanzen. Sie gedeihen in Galtür ideal.



Von Matthias Reichle

Galtür – Es ist ein Meer aus gelben Pflanzen. 18.000 Enzianpflanzen tauchen ein Feld hinter Galtür derzeit in eine leuchtende Farbe – immer wieder bleiben Radfahrer und Spaziergänger stehen, um die Pracht zu bewundern. Es sind so viele geworden, die Fragen stellen, dass Hermann Lorenz inzwischen ein Informationsschild aufgestellt hat.

Vor zwei Jahren hat der Galtürer Brenner gemeinsam mit der Landwirtschaftskammer den ersten Anbauversuch Tirols für den Gelben Enzian gestartet. Es ist die größte Kultur im alpinen Raum.

2017 seien die ersten 12.000 Jungpflanzen gesetzt worden. Heuer kamen 6000 dazu, berichtet Lorenz, der damit absolutes Neuland betrat: „Wir haben null Ackerbau in Galtür“, erklärt er. Nicht einmal Erdäpfel werden in der Gemeinde auf 1600 Metern im größeren Stil kultiviert. Es fehlte damit sowohl an den Maschinen als auch am Know-how.

„ Beim klassischen Enzner braucht man 100 Kilo für einen Liter Schnaps.“
Wendelin Juen 
(Landwirtschaftskammer Tirol)
„ Beim klassischen Enzner braucht man 100 Kilo für einen Liter Schnaps.“ Wendelin Juen 
(Landwirtschaftskammer Tirol)
- Reichle

Dabei ist Galtür eng mit dem gelb-punktierten Enzian verbunden – der wächst hier allerdings wild. Das Graben und Verarbeiten der Pflanzen zum Schnaps – dem Enzner – hat Geschichte und wurde 2013 in die Liste des immateriellen Kulturerbes Österreichs aufgenommen.

Seit dem frühen 18. Jahrhundert gibt es Belege dafür, weiß der Initiator des Projekts, Wendelin Juen. „Früher stand das Enziangraben in Galtür an der Tagesordnung. Ein guter Gräber hat 1000 Kilo geerntet“, erzählt der LK-Fachbereichsleiter für Spezialkulturen. Heute stehen die Pflanzen allerdings unter Naturschutz – in den 90er-Jahren drohte gar ein generelles Verbot, sie zu sammeln. Heute werden in Galtür jährlich am Kirchtag 13 Grabungsrechte zu je 100 Kilo verlost.

18.000 Enzian-Pflanzen gedeihen derzeit auf einem Feld hinter Galtür. Es ist der erste Versuchsanbau Tirols.
18.000 Enzian-Pflanzen gedeihen derzeit auf einem Feld hinter Galtür. Es ist der erste Versuchsanbau Tirols.
- Reichle

Die Idee zum Projekt hatte Juen, als ein Pharmakonzern Interesse an Tiroler Heilkräutern bekundet hatte – die Kooperation hat sich zerschlagen, bevor sie ernst wurde, das Projekt, den Enzian in Tirol zu kultivieren, bleibt.

Seine Einsatzmöglichkeiten sind vielfältig. Er ist bei Schnapsliebhabern gefragt – die Flaschen kosten wegen der Seltenheit ab 250 Euro –, aber auch in der Medizin. Dort lindert er Verdauungsbeschwerden und Husten.

Das Wertvolle sind nicht die wunderschönen Pflanzen, sondern die unscheinbaren Wurzeln, die weiterverarbeitet werden. Aus 100 Kilo werden sieben bis acht Liter Schnaps. Derzeit gibt es den Galtürer Enzner kaum zu kaufen – so wenig gibt es davon. Die meisten behalten sich die Rarität privat.

Charakteristisch ist der bittere Geschmack. „Es gibt keinen bittereren Stoff auf der Welt als den Enzian“, weiß Elisa Gius, die als Referentin für Kräuterkulturen das Projekt begleitet und auch die Bodenuntersuchungen durchführte. Die Erde stellte sich als ideal heraus. „In anderen Gebieten gibt es eine Ausfallquote von zehn Prozent, bei uns waren es einzelne Pflanzen“, freut sich Lorenz. „Wir haben gleich gesehen, dass sie sich bei uns wohl fühlen.“

Den Enzian aus Samen selbst zu ziehen, ist zu kompliziert, weshalb die Jungpflanzen von einer Spezialfirma aus Bayern kommen. Im Feld stecke aber eine Menge Arbeit – unzählige Stunden Jäten. Im ersten trockenen Monat musste man fast täglich bewässern, wofür der Tankwagen der Feuerwehr zum Einsatz kam. „Dadurch ist es ein Gemeinschaftsprojekt von der Familie und den besten Kollegen geworden“, so Lorenz.

Frühestens geerntet werden kann nach fünf bis sechs Jahren. Pro 1000 m2 rechnet man mit drei bis vier Tonnen Wurzeln und einer Wertschöpfung von 60.000 bis 80.000 Euro – wenn man die Pflanze selbst Schnaps veredelt, so Juen. Ziel ist, tirolweit Bauern für den Anbau zu interessieren – das sei selbst auf Almflächen möglich. Der Enziananbau ist „ideal für die kleinbäuerlichen Strukturen in Tirol“, erklärt der Landwirtschaftsexperte.

In Galtür beträgt die Anbaufläche derzeit rund 2000 Quadratmeter – doch jährlich sollen rund 1000 m2 dazukommen, um später eine jährliche Ernte zu garantieren, erklärt Lorenz. Über 40.000 Enzianpflanzen sollen einmal in Galtür wachsen. Und man will Versuche starten, auch den gelb-punktierten Enzian anzubauen.