Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Mi, 07.08.2019


Bezirk Reutte

Seltene Sichtung: Bartgeierhorst im Lechtal entdeckt

Ein Oberländer hat es sich seit 20 Jahren zur Lebensaufgabe gemacht, nach Adlern und deren Horsten in Tirol zu suchen. Dafür opfert Wolfgang Fritz seine gesamte Freizeit. Vor Kurzem gab es eine besondere Belohnung.

Der Bartgeier war lange Zeit als gefährlicher Beutegreifer verrufen. Nach der „Rehabilitierung“ wird die Wiederansiedelung betrieben.

© Florian EggerDer Bartgeier war lange Zeit als gefährlicher Beutegreifer verrufen. Nach der „Rehabilitierung“ wird die Wiederansiedelung betrieben.



Von Helmut Mittermayr

Reutte, Rietz – Vielleicht ist die Bewunderung für Vögel, die für ihn die absolute Freiheit verkörpern, deshalb so groß, weil er selbst beruflich eingesperrt ist, ja seine Zeit hinter Gittern verbringt. Wolfgang Fritz ist Justizwachebeamter und der Mann in Tirol, der mit Sicherheit die meisten Adlerhorste kennt. 250 an der Zahl. Zudem hat er in den vergangenen 20 Jahren 70 Adlerpärchen persönlich entdeckt. Kein Wunder, sucht er doch intensiv nach ihnen. Opfert praktisch seine gesamte Freizeit für die Touren – vor allem durch die Seitentäler des Wipptales, Oberlandes und Außerferns.

Am 16. Juli hat er im Lechtal nun eine Entdeckung gemacht, die er als sensationell einstuft. Fritz war wieder einmal in einer Ecke (der Ort wird aus Tierschutzgründen nicht bekannt gegeben, der „Fund“ ist durch Fotos belegt) unterwegs und untersuchte eine Felswand, als er einen alten, mit Kot „verschmelzten“ Adlerhorst entdeckte. Nichts Ungewöhnliches, dafür hat er längst ein Auge entwickelt. Er hatte sich schon fast abgedreht, noch ein letzter Blick. Eine Bewegung. Und da war er. Kein Adler, sondern – Fritz konnte es kaum fassen – ein junger Bartgeier. Er putzte sich gerade die Brustfedern. Eine Entdeckung, wie sie in Nordtirol nur wenige – seit den Wiederansiedelungsversuchen im Nationalpark Hohe Tauern vielleicht gar noch niemand – gemacht haben: eine Wildbrut samt jungem Bartgeier live zu sehen. Denn eine Brut in freier Natur ist Fritz in Nordtirol nicht bekannt. Einzelsichtungen habe es sehr wohl gegeben, aber einen nachgewiesenen Horst mit Bartgeiern und Nachwuchs drin nicht. Mit dem Handy fotografierte der Rietzer das Bild im Okular des Fernglases ab. Eine unglaubliche, auch jetzt noch unbeschreibliche Emotion übermannte ihn – was für ein Glück, dass ihm dieser Moment nach all den Jahren geschenkt wurde. „Mich überkam ein Gefühl, als ob ich gerade die Tour de France gewonnen hätte.“

Am nächsten Tag kehrte er mit einem befreundeten, in Salzburg lebenden Biologen zurück. Der junge Bartgeier war vom Horst bereits ausgeflogen und dürfte sich in der hohen Felswand versteckt gehalten haben. Beide Altvögel umkreisten hingegen gut sichtbar ihr „Zuhause“.

Wolfgang Fritz bei seiner liebsten Tätigkeit, dem Suchen nach Adlerhorsten in Tirol – im Bild im Tannheimer Tal.
Wolfgang Fritz bei seiner liebsten Tätigkeit, dem Suchen nach Adlerhorsten in Tirol – im Bild im Tannheimer Tal.
- Fritz

„Nie mehr werde ich über Hobbys von Menschen ein Wort verlieren, seien sie auch noch so ungewöhnlich“, hat der 43-Jährige durchaus Realitätssinn für sein exotisches Treiben bewahrt. „Man muss schon einen kleinen Vogel haben“, wortwitzelt er. „Das ist wie eine wirkliche Sucht. Ich habe meine Suche Jahr für Jahr ausgedehnt. Allein heuer habe ich 35 neue Adlerhorste gefunden, sehr viele waren besetzt.“ Es sei faszinierend, wie die Vögel versuchen würden, den Standort zu verschleiern, wenn er auftauche. Als ob sie ihn im Tal sehen und Extrawege in Kauf nehmen würden, um Horst und Brut zu schützen. Ein TT-Artikel mit dem Titel „Schwarzer Markt für Adler“ im Mai 1999 zog ihn in das Thema hinein und ließ ihn nicht mehr los: „Für mich sind das unheimlich imposante Geschöpfe. Unser Wappentier ist elegant, verkörpert absolute Freiheit, die Perspektive von oben.“

Wolfgang Fritz ist trotzdem kein Einzelgänger. Seine Lebensgefährtin begleitet ihn oft – noch lieber, seit sie auf E-Bikes umgestiegen sind und der mühsame Aufstieg über steile Forstwege in die Seitentäler leichter vonstattengeht. Auch zwei Kollegen sind gern mit dabei. Ab Februar folgt er den großen Greifvögeln, beobachtet etwa, wie die Adler mehrere Horste anfliegen, bis sich das Weibchen dann für „den“ einen entscheidet. Die Tiere würden, abgesehen von Unfällen oder menschlichem Zutun, in Lebenspartnerschaften verbleiben. Nach Brutzeit, Schlüpfen und dem Verlassen des „Nests“ durch die Jungvögel endet für Fritz Anfang August sein Hobby – für wenige Monate. Ein Buch über die Adler in Tirol, das im Eigenverlag in der Gefängnisbuchbinderei entstehen wird, erscheint in Kürze.