Letztes Update am Fr, 16.08.2019 09:12

TT / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


Russland

Leichte Entspannung in Sibirien: Regen lässt Brände langsam abflauen

Endlich gibt es in den Waldbrandgebieten Sibiriens leichtes Aufatmen. Regen lässt die Brände langsam zurückgehen. Es brennen aber immernoch 5,4 Millionen Hektar Wald.

Seit Tagen kämpfen Einsatzkräfte und Freiwillige gegen die Flammen.

© APA/AFPSeit Tagen kämpfen Einsatzkräfte und Freiwillige gegen die Flammen.



Moskau — Regen hat in den Waldbrandgebieten Sibiriens nach Einschätzung von Umweltschützern nur für leichte Entspannung gesorgt. „Momentan gehen die Brände wegen der Wetterbedingungen langsam zurück", sagte der russische Brandexperte Anton Beneslawski von der Organisation Greenpeace der Deutschen Presse-Agentur (dpa). Es lasse sich aber nur schwer vorhersagen, wann sie komplett gelöscht sein werden.

Nur ergiebige Regenfälle könnten das Feuer wirksam bekämpfen. „Angesichts dieser Größenordnung ist das Wetter der einzige Faktor", sagte Beneslawski.

Seit Wochen kämpfen Tausende Einsatzkräfte gegen die Flammen in der Taiga, dem für das Weltklima wichtigen Waldgürtel in Sibirien. Besonders betroffen sind aktuell nach Angaben der Behörden die Regionen Irkutsk und Krasnojarsk sowie die Teilrepublik Jakutien. Vor allem in schwer zugänglichen Gebieten seien die Löscharbeiten schwierig. Die Feuerwehr wird auch vom Militär unterstützt.

Nach Angaben von Greenpeace wüten derzeit Flammen auf einer Fläche von 5,4 Millionen Hektar. Die Umweltschützer werteten dafür eigenen Angaben zufolge Satellitendaten der Forstbehörden aus. Seit Jahresbeginn sind demnach 14,9 Millionen Hektar Wald abgebrannt. Im Rekordjahr 2012 waren es laut Greenpeace 18,1 Millionen gewesen.

Viele Menschen in den betroffenen Regionen leiden seit längerem unter dem Smog. „Dichter Rauch, der bei den Bränden entsteht, ruft Krankheiten hervor", sagte Beneslawski. Zudem sei der Rauch schädlich fürs Klima, weil Kohlendioxid freigesetzt werde. Greenpeace errechnete, dass bei den Bränden mehr als 225 Millionen Tonnen CO2 pro Monat ausgestoßen worden seien — so viel, wie 49 Millionen Autos pro Jahr emittieren. (APA/dpa)

Satellitenbilder der NASA, Brandherde sind rot markiert:

Flächenbrände schädigen Klima weniger als angenommen

Die Klimabilanz von Flächenbränden wie in Sibirien ist offenbar nicht so verheerend wie angenommen. Mehr als zehn Prozent des bei solchen Feuern freigesetzten Kohlenstoffs entweicht einer Studie zufolge nicht als CO2 in die Atmosphäre, sondern wird langfristig als Holzkohle im Boden gebunden. Auf lange Sicht könne dieser Effekt der Atmosphäre mitunter sogar Kohlendioxid entziehen.

Denn im Lauf der Zeit nehme die nachwachsende Vegetation durch Photosynthese wieder so viel Kohlenstoff aus der Atmosphäre auf, wie vorher in Form von Pflanzenmasse gebunden war. Dies sei aber erst dann der Fall, wenn die gesamte Vegetation nachgewachsen sei, betonen die Forscher im Fachmagazin "Nature Geoscience". In Extremfällen könne das Jahrhunderte dauern.

In letzter Zeit hatten große Waldbrände etwa in Sibirien und Alaska Aufsehen erregt - auch wegen des dabei entstandenen Kohlendioxids (CO2), das den Klimawandel fördert. Die Forscher um Matthew Jones von der Swansea University in Wales berechneten nun, wie viel sogenannter pyrogener Kohlenstoff nach solchen Bränden am Boden verbleibt. Im Zeitraum von 1997 bis 2016 blieben demnach zwölf Prozent des durch die weltweiten Brände freigesetzten Kohlenstoffs etwa in Holzkohle gebunden. Dieser Kohlenstoff bleibe für Hunderte bis Tausende Jahre in Böden oder Gewässersedimenten gespeichert.

Beim Nachwachsen entzieht die Vegetation der Atmosphäre wieder Kohlenstoff. Allerdings dauere das Nachwachsen je nach Landschaft unterschiedlich lang, schreiben die Forscher: Graslandschaften etwa benötigten weniger als ein Jahr, manche Wälder dagegen Jahrzehnte. In extremen Fällen, etwa in tropischen Moorlandschaften oder in der Arktis, sei eine vollständige Erholung mitunter erst nach Jahrhunderten zu erwarten. "Die Wiederherstellung der Pflanzenwelt ist wichtig, weil Kohlenstoff, der nicht wieder eingefangen wird, in der Atmosphäre bleibt und so zum Klimawandel beiträgt", betonen die Autoren.

Dennoch wäre der pyrogene Kohlenstoff demnach langfristig eine bedeutende, bisher übersehene CO2-Senke. Die Wissenschafter fordern, dies in Berechnungsmodelle für Feuer-Emissionen einzubeziehen. Erstautor Jones spricht von "guten Nachrichten", "obwohl steigende CO2-Emissionen durch menschliche Aktivitäten wie Abholzung und das Niederbrennen einiger Moorlandschaften das Weltklima weiterhin ernsthaft bedrohen".

Generell sind die CO2-Emissionen durch Flächenbrände enorm: Pro Jahr brenne auf der Welt eine Fläche von der Größe Indiens, schreiben die Forscher. Diese Feuer stoßen demnach mehr CO2 aus als Auto-, Bahn-, Flug- und Schiffsverkehr zusammen.

Johann Georg Goldammer, Feuerökologe und Direktor des von den Vereinten Nationen koordinierten Global Fire Monitoring Center in Freiburg, hält die Berechnungen der Forscher für plausibel. Der große Unterschied zur Verfeuerung fossiler Energieträger durch den Menschen liege darin, dass die Natur der Atmosphäre das CO2 später wieder entziehe.

In der Arktis und in Sibirien hatten zuletzt großflächige Feuer gewütet. Auch wenn Feuer im hohen Norden im Sommer immer wieder vorkämen, sei die Zahl um ein Vielfaches höher als in den Vorjahren, teilte der von der EU finanzierte "Copernicus Atmosphere Monitoring Service" mit. Die Experten machen dafür unter anderem den Klimawandel verantwortlich.