Letztes Update am Mo, 19.08.2019 08:25

DPA / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


Artenschutzkonferenz

Kriechtiere und Kommerz: Besserer Schutz für Reptilien gefordert

Bei der Artenschutzkonferenz geht es auch um seltene Reptilien. Der Handel damit bedroht viele Bestände. Artenschützer wollen deshalb vieles einschränken, was noch legal ist. Das stößt auf Widerstand.

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© Andreas Rottensteiner / TT(Symbolfoto)



Von Florentine Dame, dpa

Hamm, Genf – Sein Körper ist keine drei Zentimeter lang, er hat orange leuchtende Augen und eine unverwechselbare Zeichnung des Schuppenkleides. Die einzige Population von Gonatodes daudini lebt auf einer Karibikinsel – noch. Artenschützer fürchten, der Union-Island-Zwerggecko könne aussterben, dezimiert auch durch die Leidenschaft für exotische Haustiere. Bis zu 700 Euro lassen sich mit einem Gecko erzielen. Der Inselstaat St. Vincent und die Grenadinen ziehen nun die Notbremse und wollen den Gecko durch das Washingtoner Artenschutzabkommen vor kommerzieller Ausbeutung schützen. Ein wichtiger Schritt – der aus Sicht der Artenschützer aber nur an der Oberfläche des Problems kratzt. Denn Hunderte seltene und bedrohte Arten werden gehandelt, legal wie illegal.

Alle zwei bis drei Jahre treffen sich die mehr als 180 Unterzeichnerstaaten des 1973 in Washington begründeten Handelsabkommens CITES (Convention on International Trade in Endangered Species of Wild Fauna and Flora). Seit Samstag und bis zum 28. August berät die Welt-Artenschutzkonferenz in Genf, welche Tiere und Pflanzen vom Handel ausgeschlossen oder nur begrenzt gehandelt werden sollen.

Wie bei der Vorgänger-Konferenz 2016 in Johannesburg gibt es Anträge zu Reptilien und Amphibien, die gefangen werden, um sie als exotische Heimtiere zu handeln: Neben dem Zwerggecko sollen Agamen-Arten aus Sri Lanka besser geschützt werden, Glasfrösche aus Lateinamerika, Spaltenschildkröten aus Ostafrika und Molche aus Südostasien.

Was fern klingt, betrifft heimische Terrarien: Deutschland ist das mit Abstand größte Importland für Reptilien. Deutlich mehr als 4 Millionen lebende Reptilien wurden laut Eurostat im vergangenen Jahrzehnt eingeführt – Tendenz rückläufig.

Der legale und illegale Handel mit Wildfängen boomt

Dennoch geben Artenschützer keine Entwarnung: „Der legale und illegale Handel mit Wildfängen boomt seit Jahren. Was uns vor allem Sorge bereitet, ist das breite Spektrum bedrohter Arten, das auf den Fachbörsen und im Internet feilgeboten wird“, sagt Sandra Altherr von der Organisation Pro Wildlife. Solange Arten weder dem Cites-Abkommen unterlägen, noch durch zusätzliche EU-Bestimmungen geschützt seien, sei die Plünderung der Wildbestände legal, klagen Tierschützer.

Wichtige Drehscheibe für den EU-Handel ist die vierteljährlich in Hamm stattfindende Reptilienbörse Terraristika – nach Angaben der Veranstalter die weltweit größte ihrer Art. Seit Jahren kritisieren Artenschützer, die Börse befeuere das Geschäft mit bedrohten Arten. Die Veranstalter bestreiten das. Die Einhaltung artenschutzrechlicher Bestimmungen sei eine Selbstverständlichkeit, illegale Aktivitäten dulde man nicht.

Das sieht auch der größte Verband der Reptilienhalter so: Man stelle sich als Fachverband klar gegen illegalen Artenhandel, sagt Markus Monzel, Präsident der Deutschen Gesellschaft für Herpetologie und Terrarienkunde (DGHT). „Aber das ist nicht die terraristische Realität. Sachkundige Privathalter sind nicht die Gegner, sondern vielmehr Partner des Artenschutzes, vielfach eingebunden in wichtige wissenschaftliche Zuchtprogramme. Rigorose Handelsverbote für seltene Arten alleine helfen aus Sicht der DGHT meist nicht, sondern hemmen den Artenschutz. Auch wenn der größte Teil der gehaltenen Tiere aus Nachzuchten stamme, brauche es bisweilen Wildfänge, um per Nachzucht den Erhalt einer Art zu sichern, sagt Monzel.

Gewinninteressen lassen Händler wegschauen oder mitmischen

Ökonomie schlägt Ökologie, halten Kritiker des Heimtierhandels dagegen. Es gebe viele Möglichkeiten, den Artenschutz zu unterlaufen, sagt Mark Auliya vom Leipziger Helmholtz-Zetrum für Umweltforschung. Wo schon kleine Gewinnbeteiligungen das Überleben der Fänger sicherten und Zöllner und Behörden besonders anfällig für Korruption seien, hätten Reptilienschmuggler leichtes Spiel, erklärt er. „Der internationale Handel ist für viele Länder Süd- und Mittelamerikas, Südostasiens und Afrikas eine wichtige ökonomische Grundlage.“ Auch hierzulande seien es Gewinninteressen, die Händler dazu neigen ließen, wegzusehen oder mitzumischen im Geschäft mit bedrohten Arten.

Wo Exportländer bemüht sind, seltene Arten zu schützen, fehlt es oft an Unterstützung der Empfängerländer, wie das Beispiel Sri Lanka zeigt. Das Land verbietet mit nationalen Gesetzen die Ausfuhr geschützter Reptilien. Dennoch beschreibt eine kürzlich im Magazin „Traffic Bulletin“ erschienene Bestandsaufnahme einen Anstieg der im Internet für den deutschen und europäischen Markt inserierten Agamen-Arten. „Sind die Tiere einmal außer Landes, können sie bei uns völlig legal gehandelt werden. Das ist lebende Hehlerware“, kritisiert Wildlife-Biologin Altherr.

Ein weiteres Problem sehen Artenschützer im „Weißwaschen“ von Wildfängen: Fänger sammelten gezielt Jungtiere ab, die als Nachzucht umdeklariert und in den europäischen Markt geschleust würden, erläutert Auliya. Solchen Machenschaften eine Bühne zu bieten, weisen die Terraristika-Verantwortlichen von sich. Der Handel mit Wildfängen sei keineswegs grundsätzlich verboten, spiele aber auf Börsen eine „stark untergeordnete Rolle“. Der Vorwurf von Umdeklarationen sei Spekulation.

Sollten nun weitere Arten unter das Washingtoner Artenschutzabkommen fallen, sei das zwar positiv, doch längst keine Trendwende, fürchtet Auliya. Weiterhin sei nur ein Bruchteil der bedrohten Arten von CITES geschützt. Und solange in Export- und Importländern der Kontrolldruck nicht steige, seien illegale Geschäfte weiter attraktiv. Ein weiteres Paradox wird bleiben: „Sobald eine Art in der Diskussion für strengeren Schutz ist, ziehen die Fänger erst Recht los“, sagt der Experte. Die Nachfrage und damit der Gewinn werden steigen, wenn das Verbot in Sicht, aber noch nicht in Kraft ist. (dpa)