Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Fr, 23.08.2019


Innsbruck

Abgase, Streusalz, Urin: Was Innsbrucks Bäume stresst

Straßenbäume haben ein Drittel der Lebenserwartung von Bäumen im Park. Um die Folgen von Verdichtung und Salz kleinzuhalten, nutzt das Amt für Grünanlagen so manchen Trick.

Der prächtige Baum vor Innsbrucks Haus der Musik ist vom Stress der Stadt in Mitleidenschaft gezogen.

© Foto TT / Linda RieserDer prächtige Baum vor Innsbrucks Haus der Musik ist vom Stress der Stadt in Mitleidenschaft gezogen.



Von Judith Sam

Innsbruck – Das Innsbrucker Haus der Musik hat einen ernstzunehmenden Konkurrenten. Jedenfalls in Bezug auf die andächtigen Blicke der Touristen, die daran vorbeiflanieren. Vereinzelte bleiben stehen, staunen, zücken die Kamera und lichten die Blutbuche ab, die vor dem schwarzen Gebäude wächst.

Zwei Weltkriege hat der Baum, der seit 1983 als Naturdenkmal ausgewiesen ist, überstanden. 300 Jahre alt könnte er werden. „Doch nur in der Theorie. In der Praxis ist dieser älteste Baum Innsbrucks von einer Krankheit befallen, die den Stamm faulen lässt und die Krone mit einem Pilz überzieht“, weiß Thomas Klingler. Der Leiter des Amts für Grünanlagen und seine Kollegen betreuen derzeit mehr als 25.000 Bäume in Innsbruck: „Der Gesundheitszustand ist großteils gut. Doch so mancher Baum leidet unter Stress.“

Der prächtige Baum vor Innsbrucks Haus der Musik ist vom Stress der Stadt in Mitleidenschaft gezogen.
Der prächtige Baum vor Innsbrucks Haus der Musik ist vom Stress der Stadt in Mitleidenschaft gezogen.
- Foto TT/Rudy De Moor

Beton, zunehmende Trockenheit, Streusalz, Hunde-Urin, Baustellen, Abgase, die Verdichtung des Bodens durch ständig vorbeirollende Autos – die Liste der Stressfaktoren ist lang. Kein Wunder, dass Bäume an Straßen nur knapp 75 Jahre alt werden, in Parks hingegen rund 200 Jahre. Mit Pflege und modernen Techniken versuchen Klingler und seine zehn Angestellten, die sich das ganze Jahr über nur um Bäume kümmern, der Tendenz entgegenzuwirken: „Wir wenden oft die Stockholmer Methode an. Dabei wird um den Wurzelballen eine Mischung aus grobem Schotter, Substrat und Humus aufgetragen. So bleibt der Boden luftig und ein wenig gekühlt. Zudem führen Drainagen Oberflächenwasser zu dessen Wurzeln.“

Auf die Stämme vieler bereits bestehender Bäume wurde weiße Farbe als eine Art Sonnencreme aufgetragen: „Die ist besonders im Winter hilfreich, wenn der Baum nachts friert und tagsüber teils hohen Temperaturen ausgesetzt ist. Taut der Stamm, kann die Temperaturdifferenz Zellen darin zerreißen, was mitunter Stammrisse zur Folge hat.“ Die sind – wenn auch über mehrere Jahre gesehen – ein Todesurteil für die Pflanze. Aufmerksamen Passanten dürfte in der Reichenauer Straße die dritte Pflegeinitiative aufgefallen sein. Dort wurden Wassersäcke an den Bäumen angebracht, deren Inhalt über lange Zeit gleichmäßig in die Erde sickert. „Denselben Effekt wollen wir in der Bienerstraße durch so genannte Baumscheiden erzielen. Diese Kunststoffränder verhindern, dass Wasser allzu schnell verdunstet oder versickert“, erklärt Klingler. Ein Stadtbaum benötigt nämlich bis zu 14 Liter Wasser täglich.

Hinzu kommt das Schneiden der Baumkronen. Nicht nur der Optik wegen, sondern auch aus Haftungsgründen werden problematische Äste entfernt: „Sind die Probleme umfassender, etwa nach einem Blitzeinschlag, sichern wir die Krone mit Seilen – jedenfalls bei Bäumen, wo sich der Aufwand rentiert.“

In Bezug auf Schädlinge plagen die Innsbrucker Bäume heuer Miniermotten. Diesem Problem begegnen die Experten der Grünanlagen mit Feromon- und Klebefallen. Nicht ganz so simpel ist der Kampf gegen das Eschentrieb-Sterben: „Zum Glück sind davon vorerst wenige Bäume betroffen. Damit das so bleibt, entfernen wir befallenes Laub von den Grünflächen und bringen es in unsere Kompostierung. Betroffene Bäume werden gefällt, weil Spritzmittel hier nicht allzu effektiv wirken.“ Im Schnitt liegen die Kosten, die durch all diese Maßnahmen entstehen, pro Baum und Jahr bei 50 bis 60 Euro.

Der Aufwand lohnt sich. Verdunstet ein Laubbaum an heißen Tagen doch Dutzende Liter Wasser, was die Umgebung deutlich abkühlt. Vom Schattenspenden ganz abgesehen. Damit nicht genug: Eine hundertjährige Buche wird zum Schadstofffilter, indem sie bis zu einer Tonne Staub pro Jahr an die Blattoberfläche bindet.

Wichtige Effekte in Zeiten des Klimawandels. Der hat nicht zuletzt einen großen Einfluss auf die Wahl der Bäume, die in Innsbruck gepflanzt werden: „Momentan setzen sich die Bestände in erster Linie aus Kastanien, Ahorn und Linden zusammen. Je heißer es wird, desto öfter werden Erlen und Ulmen hinzukommen. Die vertragen die Trockenheit besser als andere.“

Derzeit plant Klingler die Bepflanzung des Spielplatzes in der Egerdachstraße: „Und wie jedes Jahr werden wir im Herbst 200 bis 250 Bäume entlang der neuen Straßen setzen. So bleibt die Innsbrucker Baumbilanz positiv – wenn wir also mehr Pflanzen setzen als fällen.“




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