Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Mi, 06.11.2019


Natur

Mensch verursacht Katzenjammer

Die Katzenzimmer in den Tiroler Tierheimen sind voll. Viele Samtpfoten sind krank, warten lange auf ein Zuhause. Leiden, die der Mensch verhindern könnte. Ein Besuch im Wörgler Tierheim verrät, wie.

Tierpflegerin Sarah Schauer hofft, dass sich die Besitzer der in Breitenbach aufgegriffenen "Melody" melden.

© HrdinaTierpflegerin Sarah Schauer hofft, dass sich die Besitzer der in Breitenbach aufgegriffenen "Melody" melden.



Wörgl – Es mauzt aus jeder Ecke. In einem kleinen Zimmer recken drei schwarz-weiße Fellknäuel ihre Hälse, beobachten jede Bewegung, die sich vor der Tür abspielt. „Vorsicht, wenn du hineingehst, die Kleinen sind extrem scheu“, warnt Sarah Schauer. Die Kundlerin ist eine der vier Mitarbeiterinnen des Wörgler Tierheims, die sich allein heuer schon um fast 300 Katzen kümmern mussten. Etwa die Hälfte davon waren Neugeborene – die es eigentlich gar nicht geben dürfte. In Österreich herrscht Kastrationspflicht – seit 1. April 2016 gilt diese auch für Bauernhöfe. Doch allzu ernst scheinen dies viele Halter nicht zu nehmen. Dabei sollte jeder Tierliebhaber doch wissen, welche Probleme die unkontrollierte Vermehrung mit sich bringt, meint die 24-Jährige.

Zum einen sei es schwer, für so viele Kätzchen ein Zuhause zu finden. Außerdem verbreiten sich bei den wild lebenden Samtpfoten Krankheiten wie Katzenschnupfen und Pilzinfektionen rasant. „Die Mutterkatzen sind oft unterernährt und können keine Milch für die Kitten produzieren.“ Damit ist ihr Schicksal besiegelt. Nur mit viel Mühe und 24-Stunden-Pflege konnten die drei Geschwister aus dem Quarantäneraum über die Runden gebracht werden.

An die 150 Babykatzen – manchmal samt Mutter – wurden heuer schon im Wörgler Tierheim aufgepäppelt und vermittelt.
An die 150 Babykatzen – manchmal samt Mutter – wurden heuer schon im Wörgler Tierheim aufgepäppelt und vermittelt.
- Hrdina

Wild lebende Tiere einzufangen, sei ein aufwändiger Akt. Die Zahlen sprechen für sich, das Bewusstsein für die Problematik sei allerdings vor allem in der Landwirtschaft gewachsen, sagt Schauer. „Immer mehr Bauern kommen auf uns zu und bitten uns um Unterstützung. Wir helfen ihnen dabei, die Katzen einzufangen, damit sie kastriert werden können.“

Nicht nur der Babyboom bereitet den Pflegern der drei Heime des Tierschutzvereins für Tirol 1881 Sorgen. Immer wieder landen wenige Monate alte Katzen in den Einrichtungen in Wörgl, Schwaz und Innsbruck, weil sie in Siedlungen herumirren und offenbar nicht mehr nach Hause finden. „Bitte nicht vor dem Kastrieren ins Freie lassen“, appelliert Schauer an die Halter. Für gewöhnlich kommen die Tiere dafür mit etwa sechs Monaten unters Messer. „Bei Katzenbabys ist der Orientierungssinn noch nicht so ausgeprägt. Außerdem verringert sich nach der Kastration der Revier-Radius. Somit sinkt auch das Risiko, dass die Katzen viele Straßen überqueren.“ Die ersten Ausflüge sollten Mensch und Tier gemeinsam machen, ein Brustgeschirr mit Leine könne dabei helfen.

Auch sie suchen ein neues Zuhause
Auch sie suchen ein neues Zuhause
- Hrdina

Sehnsucht nach ihrem Halter dürfte die dreifärbige „Melody“ haben (den Namen bekam sie vorübergehend von den Pflegern im Heim). Schnurrend schmiegt sie sich an Pflegerin Schauer. Vor wenigen Tagen wurde die einjährige Streunerin in Breitenbach aufgelesen und ins Tierheim Wörgl gebracht. Vier Wochen lang haben ihre Besitzer nun Zeit, auf Aushänge und Inserate auf Website und Social Media zu reagieren, bevor Melody zur Vermittlung freigegeben wird.

Woher weiß man, wann ein mauzender Freigänger Hilfe braucht? Schauer empfiehlt, in der Nachbarschaft nachzufragen, Zettel zu verteilen. „Ist die Katze in einem guten Allgemeinzustand, hat sie vermutlich auch ein Zuhause.“ Im Zweifelsfall könne man sich aber jederzeit telefonisch ans Tierheim wenden. Viel von Menschen verursachter Katzenjammer – und dann gibt es da noch die Spezialfälle. Die sechs Monate alte, nicht sterilisierte „Mina“ war als blinder Passagier in einem Auto unterwegs. „Sie dürfte aus Söll sein, bisher hat auf Aushänge niemand reagiert“, wundert sich Schauer. Das verschmuste Langhaar-Mädel wurde vor zwei Wochen ins Wörgler Tierheim gebracht. Die Uhr tickt. In zwei Wochen wird sie zur Adoption freigegeben – sie wird damit die Statistik der Tierheime weiter in die Höhe treiben. (jazz)

Wer vermisst "Mina"? Die sechs Monate alte Kätzin fuhr vermutlich als blinder Passagier von Söll in einem Auto mit.
Wer vermisst "Mina"? Die sechs Monate alte Kätzin fuhr vermutlich als blinder Passagier von Söll in einem Auto mit.
- Hrdina