Letztes Update am Mi, 27.11.2019 14:17

APA / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


Verheerendes Erdbeben

46 Überlebende aus Trümmern in Albanien geborgen, Ausnahmezustand ausgerufen

Schreckensszenen in der Nacht auf Dienstag: Heftige Erdstöße ließen Gebäude einstürzen, trieben verängstigte Menschen auf die Straße. Mittlerweile geht man von mindestens 29 Toten und 650 Verletzten aus. Die albanische Regierung rief den Ausnahmezustand aus.

Die fieberhafte Suche nach Überlebenden in den Trümmern läuft auch einen Tag nach dem Beben.

© AFPDie fieberhafte Suche nach Überlebenden in den Trümmern läuft auch einen Tag nach dem Beben.



Tirana — Rettungskräfte haben aus den Trümmern des schwersten Erdbebens seit Jahrzehnten in Albanien inzwischen 46 Überlebende geborgen. Das teilte das Verteidigungsministerium am Mittwoch mit. Die Zahl der Todesopfer sei unterdessen auf 29 gestiegen. Die Zahl der Verletzten bezifferte das Ministerium auf 650. Die albanische Regierung verkündete am Mittwoch den Ausnahmezustand für die Regionen von Durres und Tirana. Diese Entscheidung sei auf Basis der Verfassung und einschlägiger Gesetze gefasst worden, erläuterte Ministerpräsident Edia Rama laut regionalen Medienberichten. Außerdem erklärte er den heutigen Tag zum nationalen Trauertag. Staatliche Institutionen senkten die albanische Flagge auf halbmast.

Das Erdbeben hatte am frühen Dienstagmorgen den Westen des kleinen Balkanstaats erschüttert. In Tirana, der Hafenstadt Durres und einigen Landgemeinden stürzten Häuser ein, Menschen liefen zu nachtschlafender Zeit in Panik auf die Straße. Auch am Mittwoch wurden noch Opfer unter den Trümmern vermutet. Das Wackeln der Erde war über die Landesgrenzen hinaus zu spüren, so etwa in Nordwestgriechenland, Südserbien und in Teilen Süditaliens.

Das Institut für Geowissenschaften in Tirana und das Deutsche Geoforschungszentrum in Potsdam gaben die Stärke des Bebens mit 6,3 an, die US-Erdbebenwarte (USGS) mit 6,4. Das Epizentrum lag nach albanischen Angaben zehn Kilometer nördlich von Durres und 30 Kilometer westlich von Tirana. Das Zentrum wurde in zehn Kilometer Tiefe im Adriatischen Meer lokalisiert.

Unzählige Menschen noch unter Trümmern vermutet

Zahllose Menschen werden nach wie vor unter den Trümmern vermutet. Die Polizei stellte 1900 Personen ab, um die Suche nach Verschütteten voranzutreiben. Die Europäische Union (EU) aktivierte ihren Katastrophenschutzmechanismus. Such- und Rettungsmannschaften aus Italien, Griechenland und Ungarn wurden geschickt, teilte die EU-Kommission in Brüssel mit.

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Die Katastrophe ereignete sich gegen 4 Uhr früh. „Mich riss es aus dem Schlaf, ich wusste nicht, wie mir war, ich spürte, dass sich mein Bett bewegte", schilderte ein Bewohner der Hauptstadt Tirana sein Erlebnis. „Dann bemerkte ich, dass alles wackelte, dass die Wände knarrten", sagte der Mann am Dienstagvormittag der Deutschen Presse-Agentur am Telefon. Mehrere Nachbeben folgten, darunter ein heftigeres um 7 Uhr früh mit der Stärke 5,5.

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Der albanische Ministerpräsident Edi Rama reiste in die am schwersten betroffene Küstenstadt Durres, um sich ein Bild von der Lage zu machen. „Alle Staatsorgane wurden vom ersten Augenblick an mobilisiert, um jedes Menschenleben zu retten", erklärte er. Für Mittwoch sagte Rama einen Besuch in Berlin bei Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier ab.

Caritas startete Nothilfe

Die Caritas startete nun mit der Nothilfe und ersucht um Geldspenden, wie die Hilfsorganisation am Mittwoch mitteilte. Albanien ist eines der ärmsten Länder Europas und immer wieder von Erdbeben betroffen.
In Durres und Thumane gebe es derzeit drei Camps und jeweils ein offenes Zeltlager für insgesamt 2500 Menschen, die dort mit Wasser und Essen versorgt werden. "Die Menschen trauen sich aus Angst vor weiteren Nachbeben und wegen der Einsturzgefahr nicht in ihre Häuser zurück", berichtete Caritas-Nothilfekoordinator Tobias Nölke aus Thumane. Es gebe außerdem keinen Strom, was die Versorgung mit Mahlzeiten erschwere.
Die Infrastruktur und die Bauweise in dieser Region können einem derartig schweren Beben nicht standhalten, so Andreas Knapp, der Generalsekretär Internationale Programme Caritas Österreich. Da im Erdbebengebiet aus logistischen Gründen nichts gelagert werden kann, bittet die Caritas um Geldspenden. Damit könne alles Notwendige an Ort und Stelle gekauft werden. Um 50 Euro könne beispielsweise ein Lebensmittelpaket für eine Familie für eine Woche finanziert, mit zehn Euro kann eine warme Decke oder ein Hygienepaket gespendet werden.

Caritas Spendenkonto: BAWAG PSK IBAN: AT92 6000 0000 0770 0004; BIC: OPSKATWW; Kennwort: Erdbeben Albanien - www.caritas.at

Hilfsorganisationen rufen zu Spenden auf

Das österreichische Außenministerium warnte vor möglichen Nachbeben. Österreichern in Albanien wird empfohlen, entsprechende Vorsicht an den Tag zu legen, den Behördenanweisungen zu folgen und sich via Medien informiert zu halten. Mitarbeiter von Rotes Kreuz, Caritas und Samariterbund sind in Albanien im Hilfseinsatz, beide Organisationen riefen via Aussendung am Dienstag zu Spenden auf. „Wir sind über unser internationales Netzwerk mit den Kollegen in Albanien in Kontakt und haben bereits unsere Hilfe angeboten", sagte Michael Opriesnig, Generalsekretär des Österreichischen Roten Kreuzes. „Wir können Hilfsgüter liefern und — wenn notwendig — sauberes Trinkwasser produzieren und die Hilfe des albanischen Roten Kreuzes finanziell unterstützen."

Von Anwohnern gepostete Videos im Internet zeigten eingestürzte Gebäude in Durres. Auf anderen Bildern waren zu Boden gefallene Trümmer und Risse und Löcher in Hauswänden zu sehen. Menschen seien schreiend auf die Straßen gelaufen, hieß es. Ein Mann sei aus Panik vom Balkon seines Hauses gesprungen und dabei ums Leben gekommen.

Am frühen Morgen bebte in Albanien die Erde. Tausende Menschen brachten sich im Freien in Sicherheit.
Am frühen Morgen bebte in Albanien die Erde. Tausende Menschen brachten sich im Freien in Sicherheit.
- AFP

Ein Katastrophenschutzteam der EU soll den albanischen Behörden bei der Koordinierung der Hilfen zur Seite stehen. Zur Beurteilung der Schäden können die Einsatzkräfte zudem Satellitenbilder des europäischen Copernicus-Dienstes nutzen.

Zweites Beben in Bosnien

Ein weiteres Erdbeben der Stärke 5,4 erschütterte schließlich am Dienstag um 10.20 Uhr das etwas weiter entfernt gelegene Balkanland Bosnien-Herzegowina. Sein Epizentrum befand sich 80 Kilometer südlich von Sarajevo, teilte die US-Erdbebenwarte mit. Damit lag es etwa 250 Kilometer entfernt vom Epizentrum des albanischen Bebens. Über Schäden wurde nichts bekannt.

In Thumane, 34 Kilometer nordwestlich von Tirana, kämpfen sich Helfer durch die Trümmer.
In Thumane, 34 Kilometer nordwestlich von Tirana, kämpfen sich Helfer durch die Trümmer.
- AFP

In Albanien hatte zuletzt im September die Erde gebebt. Bei der Serie schwächerer Erdstöße waren damals mehr als 100 Menschen verletzt und Hunderte Gebäude beschädigt worden. Die Angaben zur Stärke dieser Beben lagen zwischen 4,4 und 5,8. Das Verteidigungsministerium sprach daraufhin vom schwersten Erdbeben in Albanien seit Jahrzehnten.

Der Mittelmeerraum gehört zu den aktivsten Erdbebenregionen Europas. Albanien ist dort eines von vielen Küstenländern und hat knapp drei Millionen Einwohner. (APA, dpa)