Letztes Update am Sa, 13.10.2012 20:47

TT / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


Natur

M 13 wird zum Problembären

Das Schulhaus im schweizerischen Poschiavo erhielt nächtlichen Besuch von Braunbär M 13. Die Eidgenossen verlieren langsam die Geduld mit dem Tier. Ein Abschuss droht.



Von Marco Witting

Innsbruck, Zernez – Aus den Fehlern der Vergangenheit hat er nichts gelernt. Und ging am Mittwochmorgen einfach in die Schule. Dort ließ Bär Sam, alias M 13, dann auch gleich Unterrichtsmaterialien mitgehen: ein paar Bienenstöcke, die die Kinder im Biologieunterricht verwendeten.

Jetzt ist natürlich der Bär los. Denn den tierischen Schulanfänger findet in der Schweiz mittlerweile niemand mehr lustig. Auch wenn Sam bereits um halb sechs Uhr Früh über den Schulhof in Poschiavo im Bündner Südtal Puschlav trottete. Wie die Basler Zeitung­ berichtete, wurde noch am Nachmittag ein elektrischer Zaun um die Schule aufgestellt, ähnlich jenen, die sonst um Bienen­stöcke platziert­ werden.

Eine Untersuchung des Vorfalls wurde angekündigt. Und die Menschen der Region sind spätestens jetzt in heller Aufregung. Beim zuständigen Amt in Chur heißt es auf Anfrage der TT: M 13 sei ein „auffälliger Bär an der Grenze­ zum Problembären“. Ganz offen wird in der Schweiz teilweise der Abschuss des Tieres gefordert.

Seit einigen Wochen treibt M 13 hier schon sein Unwesen. „Nach der Kollision mit dem Zug dachten wir, er würde die Siedlungen künftig meiden, doch das war für M 13 wohl nicht nachhaltig genug“, analysiert Martin Janov­sky, Bärenbeauftragter des Landes Tirol, die Situation. Seit dem Frühjahr habe der Bär Nordtirol gemieden. Dies lasse sich klar aus den Daten des Senders, den er um den Hals trägt, erkennen.

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Dennoch ist eine Rückkehr jederzeit möglich. Dass der Bär über einen Schulhof laufe, ist für Janovsky ein schlechtes Zeichen. Wenngleich der Bären­beauftragte einschränkt: „Es hat keine Gefährdung gegeben und der Bär war nachts unterwegs. In der Gesamt­beurteilung der Situation ist der Vorfall aber natürlich nicht erfreulich.“

Die Akzeptanz in der Bevölkerung würde dadurch spürbar sinken. Dazu tragen auch Meldungen bei, wonach Sam zuletzt mehrfach Schafe und auch eine trächtige Eselin gerissen hat – die TT berichtete.

Damit wurde das mittlerweile fast dreijährige Bärenmännchen auch schlagartig zum Thema auf der gestern und heute stattfindenden Tagung über Großraubtiere der Arge Alp in Zernez/Schweiz. Seit 2008 gibt es dazu ein Projekt der Arge-Regionen. Nachdem im Vorjahr die Tagung in Innsbruck stattfand, geht die Reihe heuer in Zernez­ zu Ende­.

Und so stiehlt der Bär dem Luchs, der eigentlich Hauptthema auf der Konferenz sein sollte, die Show. Wieder einmal. Ob es in Tirol Luchse in freier Natur gibt? Das ist für Janovsky eine „sehr gute­“ Frage. „Ich bekomme immer wieder Meldungen. Eine Sichtung, einen konkreten Nachweis hat es in den vergangenen Jahren allerdings nie gegeben.“

Bei den Nachbarn in Vorarlberg und Bayern­ gibt es derartige Nachweise. „Gesellschaftlich gesehen gibt es mit Luchsen natürlich weniger Gefahren und Risiken als bei Wolf oder Bär.“ Aber auch hier seien Schäden bei den Nutztieren möglich. Aller­dings, so der Experte, zwei Klassen unter dem Wolf. „Der Luchs ist ein sehr effizienter Fleischfresser.“

Die Bilanz zum vierjährigen Arge-Alp-Projekt falle positiv aus: Einerseits konnte viel aktuelles Wissen zu Großraubtieren über die Landesgrenzen hinweg auf Expertenebene vermittelt werden. Andererseits hat der Erfahrungsaustausch zu einem einheitlicheren Großraubtier-Management im Alpenraum beigetragen. Der verbesserte Kontakt unter den Fachleuten wird auch über die Projektphase hinaus dafür sorgen. „Die Zusammenarbeit mit den Kollegen hat sich wirklich sehr bewährt“, lobt Janovsky. Spätestens mit Bär Bruno habe­ man gesehen, wie wichtig die Kooperation mit den anderen Ländern sei.




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