Letztes Update am Mo, 05.08.2013 22:31

TT / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


Prostitution in Tirol

Die Würde der Frauen vom Strich: Kritik an Verstößen

Sperrbezirk, Freier in der Pflicht? Am Straßenstrich soll sich einiges ändern. Endlich auch zum Schutz der Frauen, so die Forderung.



Von Michaela Spirk-Paulmichl

Innsbruck – „Was, Sie schenken mir etwas?“ Wenn Christine Nagl in Innsbruck oder Salzburg Kontakt zu Prostituierten vom Straßenstrich aufnimmt, dann kommt sie nicht mit leeren Händen: Sie teilt Informationsbroschüren über Beratungsmöglichkeiten aus, Kondome, aber auch Süßigkeiten oder von Firmen gespendete Parfümproben. Hübsch verpackt. „Die Packln mache ich selbst, etwa hundert Stück die Woche. Das ist eine Form der Wertschätzung für die Frauen, die nur sehr wenig von der Gesellschaft bekommen“, sagt sie. Die Beschenkten sind dementsprechend überrascht und dankbar.

In Salzburg betreut Nagl die Anlaufstelle PiA für Betroffene, in Innsbruck unterstützt sie den Arbeitskreis Emanzipation und Partnerschaft AEP aktuell bei der Einrichtung von iBUS (Innsbrucker Beratung und Unterstützung von Sexarbeiterinnen). Derzeit wird gerade eine Sozialarbeiterin gesucht. „Die Bedingungen für die Frauen sind sehr schwierig“, heißt es von AEP-Seite. Es brauche dringend Angebote dieser Art. Für Christine Nagl seien jedoch viel mehr Mitarbeiterinnen nötig, darunter auch Frauen, welche die Muttersprache der Prostituierten beherrschen. Laut Elmar Rizzoli, Leiter des Amtes für allgemeine Sicherheit der Stadt Innsbruck, seien am Straßenstrich kaum einheimische Frauen anzutreffen, sondern fast ausschließlich Ungarinnen, Bulgarinnen und Rumäninnen.

Durch rigorose Kontrollen habe sich die zuvor stark angewachsene Szene zuletzt aber „massiv“ zurückentwickelt. Es wurden hohe Geldstrafen verhängt, einige Frauen verbüßten auch Gefängnisstrafen. Dabei hätten die Behörden vor allem die Hintermänner im Visier, so Rizzoli. Auch Rudolf Köll von der Landespolizeidirektion spricht davon, dass es darum gehe, die Zuhälter und Menschenhändler im Hintergrund zu verfolgen. Ein schwieriges Unterfangen. Die Frauen betrachte man dagegen als Opfer.

Christine Nagl kritisiert, dass es aber doch immer gerade diese treffe, während Menschenhändler meist ungestraft davonkommen. Das müsse sich ändern. „Prostituierte brauchen mehr Rechte!“ In Österreich werde ihrer Meinung nach gegen Menschenrechte verstoßen. Die Politik müsse sich des Problems annehmen. „Stellt sich der Staat vor die Frauen, brauchen diese keine so genannten Beschützer mehr.“

Für Marcela Duftner, Frauen- und Sicherheitssprecherin der Innsbrucker Grünen, müsse es dabei unbedingt um eine Entkriminalisierung der Betroffenen gehen, um mehr Menschenwürde und Rechte. Außerdem sollten die Freier zur Verantwortung gezogen werden, etwa wenn es darum geht, Verdacht auf Zwangsprostitution zu melden. Sexarbeit sollte deshalb durch eigene, noch zu erarbeitende Gesetze geregelt werden. Eine Novelle des Landespolizeigesetzes, wie derzeit im Gespräch, hält sie nicht für ausreichend. Dagegen sei es notwendig, auch Beratungsstellen wie iBUS und ExpertInnen für Menschenrechte und Gleichstellung einzubinden.

Nachdem die Innsbrucker FP im Stadtsenat einen Antrag auf einen Sperrbezirk gestellt hatte, sind von den einzelnen Fraktionen derzeit Vorschläge und Stellungnahmen zur Verbesserung der Situation in Ausarbeitung.




Kommentieren