Letztes Update am Sa, 17.09.2016 10:44

TT / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


Hintergrund

Gefahr im Nacken: Die riskante Arbeit in Bangladesch

Nachdem erneut dutzende Menschen in einer Fabrik in Bangladesch starben, wächst die Kritik an den Arbeitsbedingungen in dem asiatischen Land.

Ein Mann wird nach dem Unglück zum Krankenhaus gebracht.

© AFPEin Mann wird nach dem Unglück zum Krankenhaus gebracht.



Von Stefan Mauer/dpa

Dhaka – Schon wieder sind in einer Fabrik in Bangladesch Dutzende Menschen gestorben. Es hat sich in dem Land viel für den Arbeiterschutz getan. Aber hinter den Kulissen lauern immer noch zahlreiche Gefahren.

Nach mehr als 30 Stunden Kampf gegen die Flammen war von der vierstöckigen Fabrik nur noch ein Skelett und ein riesiger Trümmerhaufen übrig. Ein Aufbau mit dem Aufdruck „Tampaco“ thronte noch über den ausgebrannten Stockwerken, wie Filmaufnahmen zeigten. Bis vor kurzem produzierte das bangladeschische Unternehmen Tampaco Foils hier, rund 20 Kilometer nördlich der Hauptstadt Dhaka, Verpackungen für Konzerne wie Nestle und British American Tobacco. Dann gab es am vergangenen Samstag eine Explosion, die einen Großbrand auslöste.

Die Bilanz eine Woche später: Mindestens 34 Menschen sind tot, weitere 34 werden noch im Krankenhaus behandelt. Der Fabrikbesitzer ist untergetaucht, nachdem ein Angehöriger ihn und sieben weitere Personen wegen fahrlässiger Tötung angezeigt hat.

Mehr als 1000 Tote bei Fabrikseinsturz 2013

Die Bilanz lautet auch: Schon wieder hat es in Bangladesch einen spektakulären Arbeitsunfall gegeben. Der bisher größte Fabrikunfall in der Geschichte des Landes passierte im April 2013. Damals brach das Rana-Plaza-Gebäude zusammen, in dem mehrere Textilfabriken untergebracht waren. Mehr als 1.100 Menschen starben, rund 2.500 wurden verletzt.

Eigentlich sollte danach alles besser werden. Der Aktionsplan für Feuer- und Gebäudesicherheit wurde eingeführt. Das ist eine Initiative, zu der sich mehr als 200 internationale Auftraggeber zusammengeschlossen haben. Sie wollen nur noch in Fabriken produzieren lassen, die sie mit eigenen Inspektoren an Ort und Stelle überprüft haben. Mehr als 1.800 von Bangladeschs Textilfabriken wurden bisher so unter die Lupe genommen. Das hat unbestritten Erfolge gebracht. Doch aus der Welt sind die Probleme damit nicht.

Zum einen ist der Aktionsplan nur auf den Bereich Textilien beschränkt. „In der Textilindustrie gibt es inzwischen Initiativen, durch die die Sicherheit verbessert werden konnte“, sagt Franziska Korn, Leiterin der deutschen Friedrich-Ebert-Stiftung in Bangladesch. „Vorfälle wie der aktuelle zeigen aber, dass das Gelernte erst noch auf andere Industrien übertragen werden muss.“

Viele Fabriken arbeiten offiziell nicht für den Export

Und auch in der Textilindustrie ist längst nicht alles im Reinen. Eine Studie der New York University, für die im Juni 2015 fast 500 Fabriken untersucht wurden, zeigt vor allem in der zweiten Reihe noch große Defizite. Denn der Aktionsplan erstreckt sich nur auf Fabriken, die offiziell für den Export arbeiten. Insgesamt gibt es in Bangladesch laut der Studie 7.000 Fabriken, von denen ein Großteil offiziell nur für den Heimatmarkt arbeiten. Inoffiziell arbeiten jedoch auch die kleinen Fabriken aus der zweiten und dritten Reihe in Stoßzeiten als Zulieferer für den Auslandsmarkt – ohne den entsprechenden Kontrollen unterworfen zu sein.

Menschenrechtler kritisieren, dass die einkaufenden Unternehmen aus dem Ausland trotz der neuen Initiativen nicht immer genug tun. „Die Realität zeigt, dass der hohe Preisdruck und die Einhaltung der Menschenrechte nicht immer zusammengehen“, sagt Carolijn Terwindt vom European Center for Constitutional and Human Rights (ECCHR). Deshalb kämpft das ECCHR zum Beispiel für eine stärkere Haftung der Käufer, wenn in einer der Fabriken etwas schief geht. „Eine rechtliche Haftung macht Unfälle auch zu einem finanziellen Risiko für die Käufer und gehört deshalb dazu, wenn wir diese in Zukunft vermeiden wollen.“

Der Industrieminister von Bangladesch, Amir Hossain Amu, besuchte noch am Sonntag die jüngste Unglücksstelle. „Wir werden strikt gegen die Verantwortlichen vorgehen“, versprach er. Noch immer ist nicht klar, was genau den Brand eigentlich ausgelöst hat, oder wer verantwortlich ist. Laut dem örtlichen Verwaltungschef S. M. Alam habe der Fabrikbesitzer jedoch nur zwei Tage vor dem Unfall rund 20 Tonnen hochentflammbare Chemikalien in die Fabrik gebracht. Ob sie dort entsprechend der Sicherheitsvorschriften gelagert wurden, wisse man noch nicht.