Letztes Update am Mi, 02.11.2016 17:48

TT / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


Unglück mit vier Toten

Heli-Absturz in den Achensee: Bericht seit Jahren bekannt

Aus einem nun aufgetauchten, vermeintlich „geheimen“, Dokument hatte die TT bereits im Jahr 2012 zitiert.

© TT/Thomas BöhmSymbolfoto.



Innsbruck - Mehr als fünfeinhalb Jahre nach dem Absturz eines Polizeihubschraubers in den Achensee mit vier Toten sorgen vermeintlich neue Details für Aufsehen. Der „Kurier“ berichtet in seiner Mittwochausgabe von einem angeblich „geheimen Dokument“ des Verkehrsministeriums, in dem Vogelschlag bzw. Blendung als Ursache ausgeschlossen werde. Das Innenministerium hatte diese aber als mögliche Absturz-Gründe angeführt.

Geheim ist aber nichts, der im „Kurier“-Artikel zitierte Rohbericht ist bereits seit vier Jahren bekannt. Bereits im April 2012 berichtete die Tiroler Tageszeitung von dessen Inhalt (siehe Kasten unten). Es wurde darin erstmals angenommen, dass bei dem Unglücksflug über den Achensee am 30. März 2011 die Flughöhe falsch abgeschätzt wurde.

Bei dem Absturz kurz nach 10.00 Uhr kamen alle vier Menschen an Bord des Eurocopters - drei Tiroler und ein Schweizer - ums Leben. Der Leichnam eines 38 Jahre alten Flugbegleiters wurde unmittelbar nach dem Unglück geborgen. Im Hubschrauber befanden sich darüber hinaus der 41-jährige Pilot aus Tirol, ein 53-jähriger einheimischer Grenzpolizist und ein 43 Jahre alter Polizist aus der Schweiz. Die Opfer wurden zwei Tage nach dem Absturz geborgen, die Bergung des Wracks wurde nach elf Tagen unter schwierigsten Bedingungen abgeschlossen. (TT.com/APA)

TT-Berichte von 2012

Crash nach Achensee-Tragödie

Von Peter Nindler, erschienen am 25. April 2012

Innsbruck, Wien - Ein Jahr nach dem Absturz eines Polizeihubschraubers am Achensee, bei dem vier Menschen ums Leben kamen, hat der vorliegende Untersuchungsbericht zu einem veritablen Eklat geführt. Zwischen der Flugpolizei im Innenministerium und der dem Verkehrsministerium unterstehenden Bundesanstalt für Verkehr, bei der die Flugunfallkommission angesiedelt ist, herrscht Eiszeit. Der Leiter der Flugpolizei, der Tiroler Werner Senn, gibt offen zu, „dass ich das vorliegende Gutachten nicht nachvollziehen kann. Dabei geht es nicht darum, dass wir etwas vertuschen oder unsere Piloten schützen möchten. Sondern der Bericht wurde unprofessionell verfasst, unsere eigenen Untersuchungsergebnisse sind nicht einmal berücksichtigt worden.“

Vor einem Monat wurde der von Senn als Entwurf bezeichnete Bericht zur Stellungnahme übermittelt. Laut Senn weigerte sich selbst der Leiter der Flugunfallkommission, die Expertise zu unterschreiben, „weil einige Passagen offensichtlich nicht von ihm stammten“. Der oberste Flugpolizist vermisst vor allem die notwendige Objektivität in der Expertise.

Sie sollte bereits im Herbst fertig sein, doch sie verzögerte sich immer wieder. Zuletzt soll das Innenministerium häufig urgiert haben. Seit vier Wochen sorgt das Gutachten für Unruhe, weil es so gar nicht mit den Ergebnissen der bisherigen polizeilichen Erhebungen übereinstimmt. „Eigentlich wären wir gar nicht dazu verpflichtet gewesen, ein externes Gutachten anzufordern, aber wir wollten über jeden Zweifel erhaben sein“, betont Senn. Gegenüber der TT hadert er mit dem Bericht des Verkehrsministeriums. „Ich weiß nicht, welche Kräfte da am Werk waren.“

Denn für Senn ist es nach unzähligen Computersimulationen weiterhin ein Rätsel, warum der Helikopter plötzlich dramatisch an Höhe verloren hat und dann in geringer Höhe zuerst über die Häuser sowie über den See geflogen ist. Im Gegensatz dazu werde in dem Gutachten der Flugunfallkommission davon gesprochen, dass die Flughöhe über dem See nicht richtig abgeschätzt wurde und die Maschine zu tief geflogen ist. Überdies soll sich der Bericht insgesamt kritisch mit Hubschrauberflügen des Innenministeriums in Bezug auf Mindestflughöhen beschäftigen. Beides weist Senn energisch zurück: „Wir haben sogar einen Innsbrucker Neurologen zu Rate gezogen. Möglicherweise gab es eine Beeinträchtigung des Piloten - Stroboskopeffekt -, die das plötzliche Absacken der Maschine ausgelöst hat.“ Auch einen so genannten „bird strike“, einen Vogelschlag, schließt Senn nicht aus.

Dass es die 40 Hubschrauberpiloten des Innenministeriums mit der Mindestflughöhe nicht so genau nehmen, darüber kann Senn nur den Kopf schütteln. „Zum einen war der bei dem Absturz getötete Kollege alles andere als ein ,wilder Hund‘, sondern ein erfahrener und besonnener. Andererseits sind wir von der Mindestflughöhe ausgenommen, weil wir ja bei Einsätzen ständig unter besonderen Rahmenbedingungen fliegen müssen.“

Die Vorgangsweise der Flugunfallkommission will Senn nicht auf sich sitzen lassen. Er kündigt ein Krisengespräch an. Letztlich baut er aber auf seine 20 Seiten umfassende Stellungnahme. „Da können wir alles klarstellen. Das sind wir unseren verstorbenen Kollegen und ihren Angehörigen schuldig.“ Die Qualität des Gutachtens sei einfach nicht in Ordnung, fügt Senn abschließend hinzu.

Es war kein Einsatzflug: „Flughöhe falsch abgeschätzt“

Von Peter Nindler, erschienen am 27. April 2012

Innsbruck - Ein Jahr nach dem Absturz eines Polizeihubschraubers am Achensee mit vier Toten sorgt ein Rohbericht der Bundesanstalt für Verkehr im Verkehrsministerium für helle Aufregung. Im Gegensatz zur Flugpolizei im Innenministerium gehen die Experten des Verkehrsministeriums nämlich davon aus, dass bei dem Unglücksflug über den Achensee am 30. März 2011 die Flughöhe falsch abgeschätzt wurde. Die Aussagen des Leiters der Flugpolizei, Werner Senn, der von einem unprofessionellen Bericht spricht, werden verwundert zur Kenntnis genommen. Senn macht schließlich ein unvorhergesehenes Ereignis für das plötzliche Absacken der Maschine verantwortlich, auch einen Vogelschlag schließt er nicht aus. Umso mehr dürfte der Endbericht, der im Mai vorliegen wird, Licht ins Dunkel bringen. Denn der exakt ein Jahr nach dem Flugunfall am 30. März 2012 zur Stellungnahme übermittelte Rohbericht widerlegt alle bisherigen Darstellungen der Flugpolizei.

Laut den der Tiroler Tageszeitung vorliegenden Informationen werden Parallelen zu dem Unfall mit einem Polizeihubschrauber im März 2009 im steirischen Deutschlandsberg gezogen. Damals kamen zwei Personen ums Leben. Wie aus dem Bericht der Unfallkommission des Verkehrsministeriums hervorgeht, hatte der Pilot des Hubschraubers, der am Achensee abgestürzt ist, seinen Helikopter bis zwei Sekunden vor dem tödlichen Crash voll unter Kontrolle. Die Analyse des Flugs, die beim Start beginnt, lässt insgesamt keine Rückschlüsse darauf zu, dass es vor dem Absturz ein Schockereignis gegeben habe. Ein Vogelschlag, die Blendung durch Sonnenlicht oder eine gesundheitliche Beeinträchtigung schließt die Unfallkommission schlichtweg aus.

Der Pilot des Unglückshubschraubers flog laut Kommission innerhalb der Geschwindigkeitsgrenzen - doch unterhalb der Mindesthöhe. Es ging alles gut, bis eben zwei Sekunden vor dem Unfall. Als mögliche Ursache wird die Spiegelung im Achensee ins Treffen geführt. Zum Zeitpunkt des Unfalls herrschte schönes Wetter, der See war ruhig. Dadurch, so die Experten, dürfte die Fehleinschätzung mit der Flughöhe passiert sein.

Kein Verständnis hat man im Verkehrsministerium mit der Definition Einsatzflüge. Diese gebe es gar nicht. Der Flug mit dem Schweizer Polizisten war weder ein Einsatzflug noch ein von der Bezirkshauptmannschaft Schwaz genehmigter Flug nach den Schengen-Kriterien. Die Bundesanstalt für Verkehr stufte ihn als Passagierflug ein. Sie untersuchte außerdem 70 Flüge, die vorher mit der Unglücksmaschine durchgeführt wurden.

Eines fiel den Mitgliedern der Unfallkommission ebenfalls auf: Die Hubschrauber des Innenministeriums verfügen über keine Flugdatenschreiber. Detail am Rande: Der Unfallbericht sei laut Bundesanstalt nicht zusätzlich vom Innenministerium angefordert worden, sondern die Unfallkommission wurde damit offiziell beauftragt.