Letztes Update am Do, 19.01.2017 16:12

TT / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


Italien

Tod im Schnee: Lawine verschüttete Hotel in Mittelitalien

Tragödie in Italien: Eine durch die Erdbebenserie ausgelöste Lawine verschüttete ein Hotel in den Abruzzen. Mehrere Tote werden befürchtet. Bisher wurden vier Leichen geborgen. Die Suche wird in der Nacht fortgesetzt.

Schneemassen drückten in das Hotel.

© AFP/Guardia di FinanzaSchneemassen drückten in das Hotel.



Rom – Tod unter Schnee und Trümmern: Durch eine riesige Lawine ist am Mittwochnachmittag in Farindola an einem Hang des Gran-Sasso-Massivs in der mittelitalienischen Bergregion Abruzzen ein ganzes Hotel verschüttet worden. 27 Menschen hatten sich zum Zeitpunkt des Lawinenabgangs in dem Gebäude befunden. Vier Leichen wurden bisher geborgen. Mehrere Tote werden befürchtet.

Die Retter stießen im Hotel auf eine Spur der Verwüstung.
Die Retter stießen im Hotel auf eine Spur der Verwüstung.
- AFP/Guardia di Finanza

Italienische Rettungsteams kämpften gegen die Zeit, um die verschütteten Menschen zu bergen. Die Lawine war nach einer Serie von Erdbeben mit einer Stärke von über 5 in der Gegend ausgelöst worden. Zum Zeitpunkt des Lawinenabgangs befanden sich im eleganten Berghotel 22 Gäste, darunter mindestens zwei kleine Kinder, sowie fünf Mitglieder des Personals. Eigentlich wollten die Gäste bereits abreisen, aber aufgrund des starken Schneefalls war dies nicht mehr möglich.

„Wir rufen, doch wir bekommen keine Antwort“

„Das Hotel existiert nicht mehr. Die Lage ist dramatisch. Wir rufen, doch wir bekommen keine Antwort. Auch die Hunde haben keine Signale gegeben, dass jemand noch am Leben sein könnte“, berichtete ein Mitglied eines der Rettungsteams, die in der Nacht auf Donnerstag nach einem stundenlangen Weg auf Skiern das Hotel erreicht hatten. Ihre Arbeit wurde durch einen Schneesturm erschwert. Die Gegend wird schon seit Tagen von heftigen Schneefällen, die schlimmsten seit Jahrzehnten, heimgesucht.

Die Lawinenkegel ist riesig. Nur ein Bruchteil des Vier-Sterne-Hotels auf einer Höhe von 1.200 Metern steht noch. „Das Hotel ist von Tonnen von Schnee, Bäumen und Geröll weggerissen worden. Matratzen aus dem Hotel wurden hunderte Meter vom Gebäude entfernt gefunden“, sagte der Sprecher der Feuerwehrleute Luca Cari. Das in den 1970er-Jahren erbaute Hotel mit Ausblick auf die Adria war kürzlich renoviert worden. Es wurde sehr oft für Kongresse und Seminare genutzt.

TT-ePaper gratis testen

Jetzt kostenlos TT-ePaper lesen, das Test-Abo endet nach 4 Wochen automatisch

Schritt 1 / 3

In nur 30 Sekunden gelangen Sie zum kostenlosen Test-Abo.

SMS von Überlebenden: „Hilfe, wir erfrieren!“

Zwei Menschen, die sich während des Unglücks im Freien aufgehalten haben sollen, wurden laut Medien gerettet. Sie hatten am Mittwochnachmittag per SMS um Hilfe gebeten. „Hilfe, wir erfrieren!“, hatte ein Überlebender geschrieben. Einer der beiden ist ein 38-jähriger Mann, der zum Unglückszeitpunkt zu seinem Auto gegangen war. Das rettete ihm das Leben. Seine Frau und seine beiden Kinder waren jedoch in dem Hotel. Der 38-Jährige wurde per Hubschrauber ins Krankenhaus der Adria-Stadt Pescara gebracht. Er war zwar schwer mitgenommen, jedoch nicht in Lebensgefahr, berichteten italienische Medien.

null
- APA

Der italienische Premier Paolo Gentiloni erreichte indes den Zivilschutz der Stadt Rieti unweit von Amatrice, um die Hilfsaktion in der am Mittwoch von einer neuen Erdbebenserie getroffenen Region zu koordinieren. Unterstützungsangebote trafen aus ganz Europa ein. EU-Kommissionspräsident Jean-Claude Juncker drückte Italien seine Solidarität aus. Er lobte den Einsatz der Rettungskräfte und beteuerte die Bereitschaft der EU, die betroffene Region finanziell zu unterstützen. Staatschef Sergio Mattarella sprach der vom Erdbeben betroffenen Bevölkerung Mut zu. Der Papst sei über die Tragödie in Mittelitalien benachrichtigt worden und informiere sich bei den lokalen Bischöfen über die Lage der Bevölkerung.

Ein Toter und ein Vermisster nach Erdbeben

Die Apennin-Bergortschaft Amatrice, in der bei einem schweren Erdbeben am 24. August 200 Menschen ums Leben gekommen waren, kämpft nun auch gegen Schnee und Hoffnungslosigkeit. „Nach dem Erdbeben und dem stärksten Schneefall der vergangenen 60 Jahre erwarten wir eine Heuschreckenplage. Doch wir werden weiterhin standhalten. Wir müssen in diesem Moment zusammenhalten“, kommentierte der Bürgermeister von Amatrice, Sergio Pirozzi.

Erdbeben und heftige Schneefälle haben Mittelitalien am Mittwoch ins Chaos gestürzt. Vier Erdstöße mit Magnituden zwischen 5,3 und 5,7 in kurzer Folge in Tiefen von sieben bis 40 Kilometern haben am Vormittag die Region erschüttertet. In dem Gebiet hatten sich bereits im August und im Oktober schwere Beben ereignet, bei denen rund 300 Menschen starben. Wegen der neuen Erdstöße kam ein Mann ums Leben. Ein weiterer Mann wurde wegen einer Lawine in Campotosto vermisst, die ebenfalls von der Erdbebenserie ausgelöst wurde. (APA)

Eine Luftaufnahme des Hotels nach der Katastrophe. Durch die Lawine wurde das Hotel um zehn Meter verschoben.
Eine Luftaufnahme des Hotels nach der Katastrophe. Durch die Lawine wurde das Hotel um zehn Meter verschoben.
- Reuters
Vier heftige Erdstöße zerstörten weitere Gebäude in Amatrice.
Vier heftige Erdstöße zerstörten weitere Gebäude in Amatrice.
- AFP/Andreas Solaro

Erinnerungen an Unglück im Paznauntal

Der Lawinenabgang in den Abruzzen erinnert an das schreckliche Unglück im Tiroler Paznauntal, bei dem durch zwei Lawinenabgängen insgesamt 38 Menschen getötet wurden. Zahlreiche Gebäude wurden verschüttet. Die Opfer, unter ihnen auch Kinder, stammten neben Galtür und Valzur aus Deutschland, den Niederlanden und Dänemark.

Die Katastrophe hatte am 23. Februar 1999 am späten Nachmittag ihren Anfang genommen. Nach lange anhaltenden Schneefällen und seit Tagen gesperrten Zufahrtsstraßen löste sich gegen 16.00 Uhr vom Grieskogel aus über 2.700 Metern Höhe eine Lawine und donnerte mit etwa 30 km/h auf einer Breite von 400 Metern ins Tal. Die gigantischen Schneemassen rissen elf Häuser zum Teil mit sich und kamen erst mitten in Galtür zum Stillstand.

Die Lawine hinterließ eine Spur der Verwüstung. Einwohner und Urlauber waren stundenlang auf sich selbst angewiesen. Wegen Schlechtwetters war der Ort erst am darauffolgenden Morgen - 14 Stunden nach dem Unglück - aus der Luft erreichbar.

Am Nachmittag des 24. Februar wurde dann der zu Ischgl gehörende Weiler Valzur von einer Lawine getroffen. Im Rahmen der größten Luftbrücke in der Geschichte Österreichs wurden unter ausländischer Mithilfe mehrere tausend Personen aus dem Tal evakuiert. Viele Tote konnten erst Tage nach dem Unglück aus den Schneemassen geborgen werden.