Letztes Update am Do, 16.03.2017 09:31

TT / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


Innsbruck-Land

Gigantische Lawine riss in Schmirn vier Menschen in den Tod

Eine gigantische Lawine erfasste am Mittwoch eine Gruppe von Skitourengehern aus der Schweiz. Die Opfer waren bis zu zwölf Meter tief verschüttet. Über 100 Retter standen am Lawinenkegel im Großeinsatz.

© TT/Thomas BöhmSymbolfoto.



Von Marco Witting

Schmirn — Die große Lawinengefahr der vergangenen Woche war vorbei. Doch damit ging wohl auch das große Glück, das ein gutes Dutzend Wintersportler in den Tagen zuvor hatte. Denn nachdem es zuletzt Hunderte Lawinen und etliche Verschüttete gab, die gerettet werden konnten, kam es gestern am Jochgrubenkopf im Gemeindegebiet von Schmirn zur schlimmsten Tragödie des Winters. Ein gigantisches Schneebrett hatte eine geführte achtköpfige Gruppe aus der Schweiz erfasst. Vier Menschen starben in den Schneemassen.

Länge von rund 700 Metern

Einen derartigen Lawinenkegel hatten auch die erfahrensten Bergretter wohl noch nicht gesehen. Auf einer Länge von rund 700 Metern raste die Lawine in die Tiefe. Der Anriss des Schneebretts war rund zwei Meter hoch. Rudi Mair, Chef des Lawinenwarndienstes Tirol, sagte: „Das ist eine Lawine von gigantischem Ausmaß in einem sehr steilen Hang, bei dem im Kessel unten dann eine enorme Schneemenge zusammenkommt." Wo genau das Schneebrett abgegangen ist, das werde man bei der vorliegenden Situation wohl nie ganz genau sagen können. Mair sagt aber weiter: „Die Wahrscheinlichkeit, dass die Gruppe die Lawine ausgelöst hat, ist sehr hoch."

Vorerst war zum Hergang der Tragödie noch einiges unklar. Fest steht, das Unglück passierte kurz nach Mittag am Jochgrubenkopf, auf rund 2450 Metern Seehöhe, im Schmirntal. Die von einem Bergführer geführte achtköpfige Tourengruppe war mit LVS-Geräten ausgerüsten und zum Zeitpunkt des Lawinenabganges auf der Abfahrt. In ersten Meldungen hatte es geheißen, dass alle Tourengeher verschüttet wurden und sich vier selber befreien konnten. „Wir wissen das aber noch nicht genau. Die Einvernahmen waren natürlich nach dem Unglück sehr schwierig", erklärte Thomas Zingerle von der Alpinpolizei. Vier Personen wurden durch das enorme Schneebrett zur Gänze verschüttet. Die restlichen Mitglieder der Gruppe lösten daraufhin Alarm aus. Insgesamt standen über 100 Bergretter im Einsatz, auch Einsatzkräfte aus dem Zillertal wurden nachalarmiert. Zudem standen auch gleich vier Hubschrauber am Lawinenkegel im Einsatz.

Für die Retter begann ein Wettlauf mit der Zeit. Drei der vermissten Tourengeher konnten nach einiger Zeit geortet werden. Doch sie waren so tief verschüttet, dass es einige Zeit dauerte, bis die Menschen geborgen werden konnten. Für die drei Schweizer kam jede Hilfe zu spät. Die Suche nach dem vierten Verschütteten dauerte noch länger. „Es musste dann eine Schneefräse angefordert werden, um diese Person zu bergen", sagte Zingerle.

Erst nach 17 Uhr konnten die Retter in rund zwölf Metern Tiefe die vermisste Person finden. Auch hier konnte der Notarzt nur noch den Tod feststellen. Die vier übrigen Mitglieder der Gruppe mussten vom Kriseninterventionsteam des Roten Kreuzes behandelt werden. Der Schock saß bei allen Beteiligten, auch bei den Rettern, tief. Über die genaue Herkunft und weitere Einzelheiten zu den Opfern konnte die Polizei gestern noch keine näheren Auskünfte geben. Die vier Opfer, alles Männer, waren zwischen 52 und 75 Jahre alt.

Das gestrige Drama war nicht der erste schwere Lawinenabgang in jüngerer Vergangenheit am Jochgrubenkopf. Am 13. Februar 2016 löste eine französische Tourengehergruppe ein Schneebrett fast an derselben Stelle aus. Durch die Lawine wurde eine zweite ausgelöst. Vier Mitglieder der Gruppe wurden erfasst — konnten sich aber selbst befreien.

Tourenwahl „denkbar schlecht"

Für Rudi Mair war die Tourenwahl der Gruppe „denkbar schlecht", denn auch wenn die allgemeine Lawinensituation in Tirol sich zuletzt doch stark entspannt hat (es herrschte gestern Stufe 2), so gerieten die Schweizer im 40 Grad steilen Hang in eine tödliche Falle. Nord- und somit schattseitig gelegen hätte es in diesem Bereich jenes Altschneeproblem gegeben, das Mair schon den ganzen Winter hindurch Kopfzerbrechen machte. Diese langlebigen Schwachschichten können schon bei geringen Zusatzbelastungen ausgelöst werden.

„Wenn man hört, wie lange die Suchmannschaften trotz so vieler Helfer gebraucht haben, hinunterzugraben, dann kann man sich vorstellen, welche Schneemassen das sind", erklärte Mair. Patrick Nairz vom Lawinenwarndienst sah sich die Abbruchstelle der „gigantischen Lawine" gestern vor Ort an. Sein Eindruck war klar: „Es war ein bisher wenig befahrener Hang. Und es ist genau das eingetroffen, wovor wir im Lagebericht am Dienstag gewarnt haben."




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