Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Mi, 22.03.2017


Unfälle mit Tieren

Täglicher Tod unter den Rädern

Zehntausende Tiere sterben jedes Jahr in Österreich bei Verkehrsunfällen. Wo es besonders oft zwischen Mensch und Vierbeiner kracht, wird nun erhoben. Jeder kann dafür Daten liefern.

© iStockphotoTodeskandidat Fuchs. 3172 Tiere dieser Art werden in einem Jahr überfahren. Rehe und Hasen erwischt es noch viel öfter.Foto: iStock



Von Markus Schramek

Wien, Innsbruck – Straßen sind lebensgefährliche Schauplätze, nicht nur für Menschen, sondern auch für die Tierwelt. Verkehrsadern durchschneiden Lebensräume und fordern einen hohen Blutzoll. Mehr als 70.000 Tiere hauchten 2015/16 ihr Leben auf Österreichs Straßen aus, hat Statistik Austria erhoben. An der Spitze stehen Rehe (37.881 tote Tiere), Hasen (23.241), Fasane (7248) und Füchse (3172). Weitere Todeskandidaten wie Frösche, Igel, Katzen oder Hunde sind statistisch erst gar nicht erfasst.

Wo es besonders häufig zu fatalen Begegnungen zwischen motorisierten Menschen und Vierbeinern kommt, wird im Rahmen des Projektes „Roadkill“ nun genauer untersucht. Entstanden ist dieses vor drei Jahren an der Universität für Bodenkultur (Boku) in Wien.

Das Projekt versteht sich als eines zum Mitmachen. „Citizen Science“ lautet das Schlagwort dafür. Bürger (Englisch „citizens“) liefern die Daten. Denn wer würde besser über tierisches Sterben auf den Straßen Bescheid wissen als jene Motoristen, die tagtäglich unterwegs sind?

Per Smartphone-App (für Android und iOS) oder Online-Formular geben Teilnehmer Ortsangaben und Details ihrer mitunter grausigen Funde von getöteten Tieren durch. Das ergibt eine Landkarte von „Hotspots“: Straßenabschnitte, an denen Mensch und Tier einander besonders oft in die Quere kommen, kristallisieren sich auch grafisch heraus.

In Tirol ist das Inntal mit der A12-Inntalautobahn und der Tiroler Straße (B 171) eine Problemzone. Fuchs, Falke, Hermelin, Iltis, Dachs, Igel: Exemplaren all dieser Tierarten wurden die Verkehrswege dort schon zum Verhängnis.

Die Datenlage von „Roadkill“ ist in Tirol mit bisher weniger als 50 Meldungen allerdings noch dünn, räumt Projektleiter Florian Heigl ein. Mitmachen ist weiter möglich. Projektende wurde noch keines fixiert. „Es macht nur auf lange Sicht Sinn“, betont Heigl. Österreichweit wurden bisher 5000 Tierfunde von 450 Teilnehmern gemeldet.

Diese Datenerhebung der makaberen Art erfüllt keinen wissenschaftlichen Selbstzweck. „Unser Ziel ist es, ermittelte Gefahrenstellen zu entschärfen“, erklärt Heigl. Spezielle bauliche Maßnahmen könnten dabei helfen, Kollisionen zu vermeiden.

Profitieren sollen Tier und Mensch. Denn nicht immer ist es kleines Getier, das unter die Räder kommt. Ein Crash mit einem Hirsch oder einem Wildschwein kann auch für Autofahrer tödlich enden.

Natürlich sind aber auch Aufklärung und Bewusstseinsbildung Ziele des Projekts. Für Tiere ist das Überqueren von Straßen nämlich unvermeidlich. „Auf der Suche nach Nahrung, einem Paarungspartner oder beim Wechseln des Sommer- und Winterquartiers“, führt Zoologe Heigl als Gründe an.

Weitere Infos

Bei den Straßenbetreibern ist man sich des Problems Tierunfälle durchaus bewusst. Im Bereich der heimischen Autobahnen werden bundesweit 20 Wildquerungen bis ins Jahr 2027 errichtet. Reh und Co. sollen die stark frequentierten Straßen auf eigenen Grünbrücken überqueren können.

In Tirol sind laut Asfinag-Sprecher Alexander Holzedl drei solche Übergänge vorgesehen. Für kleinere Tiere wie Dachs, Igel oder Iltis würden schon jetzt eigene Durchlässe, etwa im Bereich von Bächen, errichtet, um gefahrlos über die Straßen zu kommen.

Der mobile Mensch gefährdet die Tierwelt und umgekehrt. An manchen Stellen des Inntals sorgen nämlich Biber immer wieder dafür, dass sich angenagte Bäume bedrohlich Richtung Fahrbahn neigen. Diese Bäume müssen gefällt werden, bevor sie von alleine fallen.

Kartenausschnitt der etwas anderen Art. Kreise bezeichnen jene Stellen, an denen tote Tiere auf der Straße gemeldet wurden. Zahlen geben Auskunft über die Häufigkeit lokaler Funde.
- roadkill.at/Screenshot



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