Letztes Update am Do, 08.06.2017 06:33

TT / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


Tirol

Tödliche Kuhattacke in Erl lässt Debatte neu aufkochen

Eine Wanderin wurde am Mittwochnachmittag auf der Kranzhornalm in Erl von mehreren Kühen angegriffen. Sie erlag noch an Ort und Stelle den schweren Verletzungen. Die Landwirtschaftskammer will “den Fall zum Anlass nehmen, um noch einmal ganz deutlich auf grundsätzliche Dinge hinzuweisen“.

© Zoom.Tirol Auf dieser Weide ereignete sich am Mittwochnachmittag das schwere Unglück.



Von Marco Witting und Nikolaus Paumgartten

Erl, Innsbruck — Anfang Mai stand heuer ein fassungsloser Landwirt vor dem Richter: „Ich kann doch nicht alles einzäunen. Das wären ja 18 Kilometer. Der Boden ist hart und vor dem Winter muss das alles wieder raus. Wer sollte das alles je bezahlen?" Geklagt hatten die Hinterbliebenen jener deutschen Urlauberin, die im Sommer 2014 im Pinnistal bei Neustift im Stubaital bei einer Kuhattacke zu Tode kam. Die Angehörigen fordern vom Bauern rund 360.000 Euro Schadenersatz für Begräbniskosten, Schmerzensgeld aus Trauer- sowie Schockschaden und Unterhaltsentgang. Der Prozess wurde auf Anfang Oktober vertagt, ein Urteil wird nicht nur von den Beteiligten mit Spannung erwartet. Denn die Diskussion um den Umgang mit Weidevieh auf uneingezäunten Flächen ist seit jenem verhängnisvollen Vorfall 2014 (siehe Box unten) nicht abgerissen.

Das tragische Unglück gestern oberhalb der Kranzhornalm in Erl, bei dem eine 70-jährige Einheimische bei Attacken einer Kuhherde tödlich verletzt wurde, lässt daher einen brodelnden Konflikt neu aufkochen. Nämlich jenen zwischen den Interessen von Landwirten und denen von Wanderern und Erholungssuchenden. Dabei hatte die Landwirtschaftskammer Tirol nach der tödlichen Kuhattacke vor drei Jahren prompt reagiert und gemeinsam mit dem Alpenverein und der Seilbahnwirtschaft, unterstützt durch die Tirol Werbung, eine Informationsoffensive gestartet. Unter dem Motto „Eine Alm ist kein Streichelzoo" wurden eine Informationsbroschüre aufgelegt und Warnschilder für Almweiden produziert. Außerdem wurde eine Möglichkeit geschaffen, dass sich Bauern gegen Angriffe ihrer Kühe versichern können.

Bestürzt über den tragischen Zwischenfall auf der Kranzhornalm zeigte sich gestern in einer ersten Stellungnahme der Präsident der Tiroler Landwirtschaftskammer, Josef Hechenberger: „Mein aufrichtiges Mitgefühl gilt der Familie der tödlich verunglückten Frau." Angesichts der Tragik und der Tatsache, dass er die genauen Umstände bisher auch nur aus den Medien erfahren habe und die Situation vor Ort nicht kenne, möchte er zum konkreten Fall zunächst keine weiteren Aussagen tätigen.

Hunde als Auslöser?

Der Vorfall ereignete sich am Nachmittag gegen 14 Uhr. Zwei Freundinnen aus Kirchdorf, Bezirk Kitzbühel, wollten von der Kranzhornalm in Erl in Richtung Bubenau wandern. Beide führten Hunde mit sich. Wenige Meter von der Almhütte entfernt mussten die beiden 70-jährigen Frauen ein eingezäuntes Weidestück queren, in dem sich zehn Mutterkühe und acht Kälber befanden. Die Kühe stürmten plötzlich auf die Frauen los und stießen beide nieder. Während eine der beiden unverletzt blieb, wurde ihre Freundin von den Tieren überrannt und erlitt dabei schwerste Verletzungen.

Hannes Hornbacher, Sanitäter im Team des Notarzthubschraubers Heli 3, wurde kurz nach 14 Uhr alarmiert. Wenige Minuten später traf die Crew am Unglücksort ein: „Zu diesem Zeitpunkt waren bereits zwei Ersthelfer, darunter die Hüttenwirtin und ein Gast, vor Ort." Laut Polizei wurde die 70-Jährige reanimiert, erlag aber noch an der Unfallstelle ihren schweren Verletzungen. Auch einer der Hunde wurde bei dem Angriff getötet.

Infokampagne soll intensiviert werden

Hechenberger erklärte nach dem Vorfall, dass auch heuer wieder die Informationsfolder aufgelegt und die Weiden Tirols bestmöglich mit Warntafeln versehen werden. Dass nach einem ruhigen Sommer 2015 und einer Almsaison 2016 mit lediglich kleineren Vorfällen die Wanderer nun nachlässiger werden könnten, glaubt Hechenberger nicht. „Wir werden den Fall aber sicher wieder zum Anlass nehmen, noch einmal deutlich auf ganz grundsätzliche Dinge hinzuweisen. Etwa, dass beim Mitführen eines Hundes besondere Vorsicht in der Nähe von Weidevieh geboten ist", kündigt Josef Hechenberger an.

Weil weder die näheren Umstände des tragischen Unfalls in Erl noch die Identität der Ersthelfer bekannt sind, ersucht die Polizei in Niederndorf um Hinweise unter 059 133 72 16-100.

Chronologie: Angriffe von Kühen

Der tödliche Unfall im Sommer 2014, bei dem eine damals 45-jährige Wanderin aus Deutschland im Pinnistal bei Neustift starb, löste eine große Debatte über Angriffe von Weidevieh aus. Die Frau war am 28. Juli 2014 mit ihrem Hund im Gebiet unterwegs und hatte die Leine des Hundes mit einem Karabiner um den Bauch befestigt. Die Tiere reagierten auf den Hund, letztendlich erlitt die Frau tödliche Verletzungen.

Zwei Tage später gab es in der Landwirtschaftskammer einen runden Tisch, bei dem eine breite Aufklärungskampagne mit Foldern beschlossen wurde.

Nur wenige Tage darauf kam es in Seefeld zur nächsten Attacke. Eine 46-jährige Frau aus dem Bezirk Innsbruck-Land wurde verletzt, ehe das Tier nach den Schreien der Frau flüchtete.

18.8.2014: Ein Wanderer wurde am Nößlachjoch schwer verletzt, als mehrere Tiere auf den 78-Jährigen zugerannt waren. Erst als der Notarzthubschrauber heranflog, wichen die Tiere zurück.

Im Oktober 2014 erklärte die Staatsanwaltschaft, dass es keine Anklage zur tödlichen Kuhattacke im Pinnistal geben wird.

2015 blieb der Almsommer ruhig. Zwischenfälle in Kitzbühel und Kirchdorf mit Landwirten zeigten aber, dass es — wie schon zuvor und danach — auch immer wieder zu Unfällen mit Bauern kommt, die sich um die Tiere kümmern.

In Osttirol wurde dann im Juli 2016 ein achtjähriges Mädchen verletzt, als ein Tier in der Nähe eines Wanderwegs das Mädchen niederstieß. Kurz darauf wurde in Gries ein 60-jähriger Tiroler von einer Kuh attackiert und verletzt.

Der Fall aus 2014 machte dann heuer noch einmal Schlagzeilen. Die Familie des Opfers hatte Klage eingereicht. Am 9. Mai kam es zur ersten Verhandlung um 359.000 Euro Schadenersatz. Der Prozess wurde auf 2. Oktober vertagt.