Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Mi, 14.06.2017


Bezirk Reutte

Ex-Geliebter von vermisster Lettin: „Ich suche weiter nach Tabita“

Der frühere Geliebte der seit September vermissten Lettin schildert, wie er die 49-Jährige in Deutschland kennen lernte und wie er ihr Verschwinden erlebte.

null

© Mittermayr Helmut



Reutte – Wo ist Tabita C. (49)? Eine Frage, die den pensionierten Architekten Thomas S. aus Münster seit knapp neun Monaten fast rund um die Uhr beschäftigt. Mittlerweile hat er nahezu alles versucht, um das rätselhafte Verschwinden der zuletzt in Reutte wohnhaften Lettin zu klären. Weil „sie in meiner liebenden Seele ist“, schreibt er im sozialen Netzwerk Facebook. Er sprach mit den Verwandten seiner Geliebten, erstattete als Erster die Vermisstenanzeige, steht regelmäßig mit Kriminalisten und Staatsanwälten in Verbindung, hat sogar Kontakt zu einem „Seher“. Jetzt will er den mysteriösen Fall in die Sendung Aktenzeichen xy bringen. Fast schon seine letzte Hoffnung – alle bisherigen Bemühungen blieben ohne Erfolg, von Tabita C. fehlt weiterhin jede Spur. Im TT-Gespräch erzählt S. von der Lettin, wie er sie kennen lernte und wie sie verschwand.

„Tabita ist bereits als junge Frau vor etwa 30 Jahren nach Münster gekommen. Sie arbeitete hier als Schneiderin“, sagt S. Die heute 49-Jährige lebte nicht allein im Norden Deutschlands, „auch ihre Schwester und ihr dementer Vater sind hier, in Lettland hat Tabita weitere sechs oder sieben Geschwister.“ Vor etwa fünf Jahren lernte die Lettin während eines Kuraufenthaltes einen deutlich älteren Deutschen kennen. „Die beiden heirateten bereits kurze Zeit später“, weiß S. aus den Erzählungen seiner Geliebten. Der Ehemann war offenbar vermögend, das Paar zog Richtung Süden, „um das Leben und die Sonne zu genießen“, erfuhr der frühere Architekt. In Reutte blieben C. und ihr Mann schließlich hängen, sie kauften ein Haus, zu Außerfernern wurden sie allerdings nicht. „Sie lebten zurückgezogen, hatten weder Freunde noch Verwandte in Reutte“, schildert S. Glücklich war Tabita C. nach Ansicht des Architekten nicht: „Sie lebte im goldenen Käfig.“

null
- Polizei

Im vergangenen Sommer kehrte die Lettin mit ihrem Ehemann für mehrere Wochen in ihre frühere Wahlheimat Münster zurück. Die 49-Jährige wollte sich um ihren dementen Vater kümmern, der sich in einem Krankenhaus befand. „Dort habe ich Tabita dann auch kennen gelernt“, erzählt S. Schon bald entwickelte sich ein vertrauensvolles Verhältnis: „Tabita erzählte mir viel, ich merkte, dass sie nicht glücklich ist.“ Was als Bekanntschaft begann, wurde schnell zur heimlichen Liebe. Eine Liebe, die keineswegs einseitig war, wie eine SMS von Tabita C. an Thomas S. zeigt: „Liebe ist schön. Sie gibt Kraft, Unmögliches zu überstehen. Was für ein Reichtum, wer es hat. Wir haben es. Ich liebe dich.“

Als die Lettin im September 2016 nach Reutte zurückkehrte, blieb der Kontakt aufrecht: „Wir haben täglich telefoniert oder E-Mails bzw. SMS ausgetauscht.“ Laut Thomas S. war seine Geliebte entschlossen, sich von ihrem Mann zu trennen und Reutte zu verlassen. Am 17. September wurde der Münsteraner am Handy Ohrenzeuge, wie sich Tabita C. in Reutte im Keller einsperrte und von ihrem Mann bedrängt wurde. „Ich alarmierte die Tiroler Polizei, die auch eine Streife hinschickte. Aber offenbar war alles in Ordnung.“ Dennoch schrieb S. per SMS: „Schau, dass du rauskommst.“

Am 23. September gegen 23 Uhr schien noch immer alles nach Plan zu laufen: „Alles okay“, erklärte Tabita C. am Telefon. Drei Stunden später erhielt Thomas S. ein Liebes-SMS aus Reutte, Tabita wollte sich dann auf den Weg nach Münster machen. Das war das letzte Lebenszeichen – seither fehlt von der Lettin jede Spur.

Vier Tage später erstattete der frühere Architekt die Vermisstenanzeige in Deutschland. Der Ehemann ließ sich rund zehn Tage Zeit, bis er die Tiroler Polizei informierte. Thomas S. ist mittlerweile überzeugt, dass Tabita C. einem Verbrechen zum Opfer gefallen ist. Aber er will die Suche nicht aufgeben. (tom)