Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Di, 04.07.2017


Unfall

Tote bei Felssturz im Ötztal: „Der Schock im Ort sitzt tief“

Zwei Einheimische starben am Sonntag in Längenfeld bei einem Felssturz. Für die Opfer sei die Situation vor Ort wohl „nicht vorhersehbar gewesen“, sagt Landesgeologe Heißel.

Das Bild zeigt  jene Stelle, an der die Felsen wohl abgebrochen sind.

© ZOOM.TIROLDas Bild zeigt jene Stelle, an der die Felsen wohl abgebrochen sind.



Von Marco Witting

Längenfeld – Längenfelds Bürgermeister Richard Grüner suchte gestern wie viele seiner Mitbürger nach Worten, rang um Fassung. „Das ist ein so tragisches Unglück“, sagte er schließlich. „Der Schock im ganzen Ort sitzt tief.“ Am Sonntagnachmittag war es auf einem Steig oberhalb von Längenfeld zu einer Tragödie gekommen, als ein einheimisches Ehepaar in einen Felssturz geriet und getötet wurde. Für den 57-jährigen Mann und seine 55-jährige Gattin kam, wie bereits berichtet, jede Hilfe zu spät.

Die beiden Opfer sollen etwas oberhalb der Rinne gefunden worden sein.
Die beiden Opfer sollen etwas oberhalb der Rinne gefunden worden sein.
- Zeitungsfoto.at

Das Ehepaar hinterlässt zwei Söhne und Enkelkinder. Grüner beschreibt die beiden Ötztaler als „sehr naturverbunden“ und als Menschen, die gerne in den Bergen waren. „Ich wohne gegenüber und habe den Felssturz sogar gehört. Da war kein Gedanke daran, dass sich jemand in diesem Bereich befunden hat. Dass die beiden ausgerechnet zu dem Zeitpunkt dort waren, wo der Felssturz passiert ist, das ist absolut tragisch.“ Nachdem das Ehepaar am Abend nicht mehr aufgetaucht war und ein anderer Wanderer die beiden beim Aufstieg in diesem Bereich gesehen hatte, begann eine Suchaktion. „Etwas später gab es dann die traurige Gewissheit“, erklärte der Längenfelder Ortschef. Dabei war das Ehepaar wohl nicht direkt in der Rinne unterhalb des Nittel, sondern „oberhalb seitlich“, wie Grüner erklärte. Es habe hier in der Vergangenheit immer wieder kleinere Steinschläge gegeben. Aber nie in so einem Ausmaß. Die Felsmassen hatten sich gegen 16.30 Uhr gelöst. Erst drei Stunden später wurde das Ehepaar gefunden.

Die genauen Hintergründe des Unglücks sind noch unklar. Peter Gasteiger, Leiter der alpinen Ermittlungsgruppe im Bezirkspolizeikommando Imst, erklärt, dass man nicht genau wisse, ob das Ehepaar bergwärts oder talwärts unterwegs war. Und auch das Ausmaß des Felssturzes lasse sich vorerst „schwer abschätzen“. Es sei jedenfalls ein großes Ereignis gewesen. Gasteiger weiter: „Wir wissen, dass das Ehepaar mit seinem Hund unterwegs war. Auch das tote Tier konnten wir mittlerweile bergen. Die beiden Opfer wurden aber nicht verschüttet.“ Bei dem Steig habe es sich um einen wenig bekannten Weg gehandelt, der „in keiner Karte eingezeichnet ist“, sagte Gasteiger. Bürgermeister Grüner fügte an: „Die Frau ist in der Nähe aufgewachsen und kannte diese Wege natürlich. Es ist ein Weg, wo sicher immer wieder ein paar Einheimische unterwegs sind.“

Auch für die Einsatzkräfte selbst war die Bergung extrem belastend. Am späten Abend wurden die beiden Toten mit dem Hubschrauber ins Tal geflogen. Gasteiger meinte abschließend: „Die Berge können viel geben, aber halt auch viel nehmen.“

Landesgeologe Gunther Heißel erfuhr Montagfrüh aus der TT von der Tragödie. Ein Erkundungsflug wird aber erst heute möglich sein. Doch für den Experten ist nach Ansicht der ersten Fotos klar, dass „so weit ich sagen kann, in den Rinnen schon früher Material heruntergekommen ist“. Klar sei aber auch, dass hier nicht viele Menschen unterwegs waren und das Unglück ein „tragischer Zufall“ war.

Ein Blick auf das Wetter lässt für Heißel zwei Vermutungen anstellen. „Solche Regenfälle gibt es immer wieder. Aber die Bilder zeigen schon, dass hier in die Klüfte des Gesteins Wasser eingetreten ist und dort vielleicht auch Druck entstanden ist.“ Zumindest würden die vorhandenen Bilder zeigen, dass es auch danach noch Wasseraustritte gab. Derartige Felsstürze gebe es sicher „unzählige“ im Jahr. Für die beiden Opfer sei die Situation vor Ort wohl „nicht vorhersehbar gewesen“, sagte Heißel. „So ein Ereignis geht oft mit einem Grollen einher, wo man nicht weiß, woher das kommt. Da kann man dann nichts mehr machen.“




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