Letztes Update am Mo, 22.10.2018 13:22

TT / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


Oberösterreich

„Schorschi“ (17) verschwand 1943: Österreich löst ältesten Vermisstenfall

Am zweiten Weihnachtsfeiertag 1943 will Georg Koppelstätter in einer abgeschiedenen Hütte in den Bergen mit Freunden seinen 17. Geburtstag feiern. Doch der Jugendliche verschwindet spurlos. Es braucht ganze 75 Jahre, bis sich sein Schicksal aufklärt.

"Schorschi" wurde zuletzt lebend bei der Rieder Hütte im Höllengebirge in Oberösterreich gesehen.

© imago"Schorschi" wurde zuletzt lebend bei der Rieder Hütte im Höllengebirge in Oberösterreich gesehen.



St. Martin im Innkreis – 75 Jahre lang rätselte Österreich über das Schicksal des vermissten 17-jährigen Georg Koppelstätter, genannt „Schorschi“ aus dem oberösterreichischen St. Martin. Jetzt haben Höhlenforscher in den Bergen Österreichs eine Leiche geborgen und sind sicher: Es handelt sich um den 1943 verschwundenen Teenager. Damit ist der älteste Vermisstenfall Österreich aufgeklärt. Zunächst hatten die „OÖ Nachrichten“ darüber berichtet.

Rückblick: Am frühen Morgen des 26. Dezember 1943 machen sich „Schorschi“ und seine Freunde in der klirrenden Kälte auf den Weg zur Rieder Hütte auf dem Feuerkogel im Höllengebirge. An dem abgeschiedenen Ort auf 1800 Metern Höhe wollen die Jugendlichen den 17. Geburtstag Koppelstätters feiern – eine Jause, Kuchen und einige Flaschen Most im Gepäck dürfen deshalb nicht fehlen.

Viele Mutmaßungen und ein Betrüger

Das Holzhäuschen war von seinen Eltern, Bäckerei-Besitzern, angemietet worden. Doch bei der Ankunft auf der Hütte bemerkt das Geburtstagskind, dass es seine Ziehharmonika in der Bergstation der Seilbahn vergessen hat. Weil das Wetter gut ist und der Tag noch lang, beschließt „Schorschi“, mit seinen Skiern zurückzufahren und das Instrument zu holen. Doch zu der geplanten Party am Abend kommt es nicht mehr – denn der Jugendliche kehrt nie zurück.

Über sein Schicksal gibt es viele Mutmaßungen. „Wahrscheinlich geriet er in einen Schneesturm oder in eine Lawine“, heißt es etwa Tage später in der „Oberdonauzeitung“. Hinter vorgehaltener Hand ist aber auch gemunkelt worden, dass der 17-Jährige womöglich untergetaucht sei, aus Angst, als Soldat im Krieg dienen zu müssen. Kurz vor seinem Verschwinden hatte er einen Einberufungsbefehl erhalten.

Seine Eltern sitzen auch einem Betrüger auf, der sich als ihr Sohn ausgibt. Der Unbekannte schreibt dem Paar Briefe auf Frankreich, sie schicken ihm hohe Geldsummen. Danach hören sie nie wieder etwas.

Vater starb an „gebrochenem Herzen“

Koppelstätters Familie, die das Verschwinden ihres Sohnes „psychisch zerstört“, wie Nachbarn der „Kronen-Zeitung“ berichten, glaubt bis zuletzt, dass ihr Sohn noch lebt und schaltet Zeitungsannoncen in der ganzen Welt. Vor allem der Vater des Jugendlichen, der die Tour ungeachtet des Widerstands seiner Frau erlaubt hatte, macht sich Vorwürfe und stirbt einige Jahre später. An „gebrochenem Herzen“, so heißt es. Die Mutter folgte ihm 1984.

2016 findet ein Höhlenforscher in einer Felsspalte in der Nähe dann ein menschliches Skelett, Holzskier und Reste von Kleidungsstücken. Doch weil kurz darauf heftiger Schneefall einsetzt, können die Gebeine erst am 13. September 2018 geborgen und untersucht werden. Mittlerweile steht fest: Es ist die Leiche von „Schorschi“. Anfang Oktober hat er im Grab seiner Eltern die letzte Ruhe gefunden. (TT.com)