Letztes Update am Mi, 07.11.2018 09:40

TT / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


Frankreich

Häuser in Marseille eingestürzt: Fünftes Todesopfer geborgen

Wo eben noch Häuser standen, klaffte plötzlich eine riesige Lücke: Aus den Trümmern der eingestürzten Häuser in der Hafenstadt Marseille wurde am frühen Mittwochmorgen eine weitere Leiche geborgen. Am Dienstag waren bereits die Leichen von zwei Männern und zwei Frauen gefunden worden.

© AFPDie Rettungsmannschaften suchten auch in der Nacht unter den Trümmern weiter.



Marseille – In Marseille ist die Zahl der Toten nach dem Einsturz mehrerer Häuser auf fünf gestiegen. Die Rettungskräfte bargen am frühen Mittwochmorgen eine weitere Leiche aus den Trümmern, wie Staatsanwalt Xavier Tarabeux der Nachrichtenagentur AFP sagte. Am Dienstag waren bereits die Leichen von zwei Männern und zwei Frauen gefunden worden.

Dutzende Anwohner anliegender Wohnungen wurden in Sicherheit gebracht.
- AFP

Die Häuser in der Nähe des Alten Hafens von Marseille waren am Montag nacheinander eingestürzt. Die Behörden gingen davon aus, dass fünf bis acht Menschen unter den Trümmern verschüttet wurden. Es gab kaum noch Hoffnung, Überlebende zu finden. Wegen des schlechten Zustands vieler Gebäude im südfranzösischen Marseille wurde Empörung über die Behörden laut. Anrainer berichteten von massiven Problemen mit der Bausubstanz. Die Stadtverwaltung sah das Unglück dagegen in einem möglichen Zusammenhang mit heftigem Regen der vergangenen Tage.

Viele Gebäude in Marseille in schlechtem Zustand

An der Unglücksstelle in der Nähe des Alten Hafens von Marseille waren am Dienstag 80 Feuerwehrleute und 120 Polizisten mit Suchhunden im Einsatz. Innenminister Castaner sagte bei einem Besuch im Marseille, er sei „wenig optimistisch“, dass noch Überlebende gefunden würden, da es kaum Chancen auf Hohlräume in den Trümmern gebe.

Dies liegt auch am unglücklichen Verlauf der Bergungsarbeiten: Zunächst waren am Montag zwei Gebäude wie Kartenhäuser eingestürzt, die als marode galten – darunter ein bewohntes Haus. Als die Feuerwehr dann einen Bagger einsetzte, stürzte ein drittes Gebäude teilweise ein, das seit Jahren leer stand. Die Trümmer dieses Hauses drückten nach Castaners Worten die Überreste der ersten beiden eingestürzten Häuser zusammen.

Staatschef Emmanuel Macron sicherte den Betroffenen die „Solidarität der gesamten Nation“ zu. Zugleich wurde scharfe Kritik an den Behörden laut, da viele Gebäude in Marseille bekanntermaßen in schlechtem Zustand sind. Der prominente Linkspolitiker und frühere Präsidentschaftskandidat Jean-Luc Melenchon rügte, es stürzten „die Häuser der Armen“ ein – „und das ist kein Zufall“.

Anrainer verließen Haus schon vor Tagen

Anrainer berichten von massiven Problemen mit der Bausubstanz. Eine 25-jährige Philosophiestudentin sagte, in einem der Gebäude seien immer wieder Risse aufgetreten, 2017 sei die Eingangshalle eingestürzt. Nach Reparaturen habe die Hausverwaltung verkündet, das Problem sei behoben.

Seit einigen Tagen seien die Türen mehrerer Wohnungen aber extrem schwergängig gewesen. „Ich hatte Angst, Gefangene in meiner eigenen Wohnung zu werden“, sagte die junge Frau. Sie habe das Haus deshalb bereits am Sonntag verlassen.

Die Stadtverwaltung sieht das Unglück dagegen im Zusammenhang mit Unwettern: „Dieser dramatische Unfall könnte durch die schweren Regenfälle verursacht sein, die sich in den vergangenen Tagen über Marseille ergossen haben“, ließ der 79-jährige Bürgermeister Jean-Claude Gaudin erklären.

Die Verwaltung ließ rund hundert Menschen aus Nachbarhäusern in Sicherheit bringen. Seit 2011 gibt es im Zentrum von Marseille umfangreiche Sanierungsarbeiten, die aber immer wieder ins Stocken geraten sind. Nach einem Bericht an die Regierung von 2015 hausen in der Hafenstadt rund 100.000 Einwohner in Gebäuden, die ihre Gesundheit oder Sicherheit gefährden. (APA/AFP)

Zunächst war vermutet worden, dass auch zwei Passanten von den Häusern erschlagen worden sein könnten. Hier konnten die Behörden jedoch Entwarnung geben.
- AFP/BMPM