Letztes Update am Mi, 17.04.2019 16:12

TT / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


Notre-Dame in Flammen

Fast eine Milliarde für Notre-Dame: “Die Welt ist an unserer Seite“

Die erste Sitzung der französischen Regierung nach dem Brand war ausschließlich Notre-Dame gewidmet. Für den Wiederaufbau ist schon fast eine Milliarde Euro an Spenden zusammengekommen.

Das Innere der Kathedrale Notre-Dame nach dem Großbrand.

© AFPDas Innere der Kathedrale Notre-Dame nach dem Großbrand.



Paris — Nach dem verheerenden Brand soll Notre-Dame innerhalb von fünf Jahren wiederaufgebaut werden. Über dieses Versprechen von Frankreichs Präsident Emmanuel Macron beriet am Mittwoch das Kabinett. Für die Instandsetzung gingen bereits Spendenzusagen von mehr als 800 Millionen Euro ein. "Ich denke, wir werden heute noch die Milliardengrenze überschreiten", sagte der Fernsehmoderator Stephane Bern, der im Auftrag von Staatschef Emmanuel Macron für die Renovierung historischer Baudenkmäler in Frankreich zuständig ist, am Mittwoch dem Sender RMC. In ganz Frankreich sollten um 18.50 Uhr die Glocken der Kathedralen läuten - 48 Stunden nach Ausbruch des Feuers.

Die erste Sitzung der französischen Regierung nach dem Brand war ausschließlich Notre-Dame gewidmet. Dabei ging es auch um eine nationale Spendenaktion, wie der Elysee-Palast mitteilte. Im Anschluss wollte sich Premierminister Edouard Philippe äußern.

Macron rechnet mit fünf, Experten mit zehn bis 20 Jahren Bauzeit

Macron hatte am Dienstagabend bei einem Fernsehauftritt versprochen: „Wir werden die Kathedrale noch schöner als zuvor wieder aufbauen, und ich will, dass das in fünf Jahren geschafft ist." Experten halten diesen Zeitplan für sehr ehrgeizig. Der Regierungsbeauftragte Bern geht von „zehn bis 20 Jahren" für den Wiederaufbau aus. Der Handwerksverband Compagnons du Devoir erklärte, es fehle an Fachkräften, vor allem an Steinmetzen, Zimmerleuten und Dachdeckern, um das gotische Gotteshaus aus dem 12. Jahrhundert vollständig zu restaurieren.

Schnell kam die Frage nach den Kosten für dieses gewaltige Projekt auf - und wer diese trägt. Die Kathedrale sei im staatlichen Besitz und somit nicht im klassischen Sinne versichert, berichtete die Zeitung Le Monde unter Berufung auf den französischen Versicherungsverband. Der Staat sei in diesem Falle sein eigener Versicherer. Zwar, so die Zeitung weiter unter Berufung auf einen Experten, seien viele Gebäude wie etwa der Eiffelturm auf Teilschäden versichert. Die Schadensdeckung liege aber deutlich unter den maximalen Kosten, die ein Schaden verursachen könne. Außerdem wären die zu zahlenden Versicherungsprämien für derartige Kulturdenkmäler exorbitant hoch.

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Bei dem Brand stürzten Teile der Dachkonstruktion in das Mittelschiff der Kathedrale.
Bei dem Brand stürzten Teile der Dachkonstruktion in das Mittelschiff der Kathedrale.
- AFP

Für den Wiederaufbau der stark beschädigten Kirche gingen Spendenzusagen von mehr als 800 Millionen Euro ein, der Großteil von französischen Luxuskonzernen. Die Milliardärsfamilie Pinault kündigte an, auf eine Steuerreduzierung für ihre Spende von 100 Millionen Euro zu verzichten. In Frankreich war Kritik laut geworden, die Reichen nutzten die Gaben für eigennützige Zwecke. Familienerbe François-Henri Pinault erklärte dagegen, die Last solle nicht „den französischen Steuerzahlern aufgebürdet werden".

Neben Geldspenden gab es auch die Aussicht auf Sachspenden für den Wiederaufbau der Kathedrale. Die Versicherungsgesellschaft Groupama kündigte etwa an, 1.300 hundertjährige Eichen zu spenden. Sie sollen aus Wäldern in der Normandie kommen, die der Gesellschaft gehören. Der bei dem Brand zerstörte Dachstuhl war eine riesige Holzkonstruktion. Die Holzindustrie schlug vor, dass jeder private Waldbesitzer eine Eiche spenden soll.

Wiederaufbau-Pläne mit Skepsis betrachtet

Der Kunsthistoriker Stephan Albrecht von der Otto-Friedrich-Universität Bamberg sieht diese Wiederaufbau-Pläne mit Skepsis. Der Dachstuhl gehe auf eine Holzkonstruktion aus dem 13. Jahrhundert zurück, deren Baupläne nicht mehr verfügbar seien. "Es gibt nur vage Zeichnungen, wie das ausgesehen hat", sagte Albrecht der Neuen Osnabrücker Zeitung. Er könne sich daher nicht vorstellen, dass der Dachstuhl wieder aus Holz aufgebaut wird.

Der Pariser Erzbischof Michel Aupetit rief dazu auf, nicht nur die Kathedrale wiederaufzubauen, sondern auch "unsere Kirche", deren Gesicht verwundet sei. Er spielte damit auf Skandale der jüngsten Zeit an - so war der Erzbischof von Lyon, Philippe Barbarin, von einem Gericht wegen Vertuschung von Missbrauch verurteilt worden. Aupetit lud Gläubige zu einer vorösterlichen Messe in der Pariser Kirche Saint-Sulpice am Abend ein. In Saint-Sulpice sollen laut Medien während der Osterfeiertage Gottesdienste stattfinden, die eigentlich für Notre-Dame vorgesehen waren.

15 bis 30 Minuten: Rettung noch knapper als angenommen

Die Rettung der Kathedrale vor dem Einsturz war nach Angaben der Regierung noch knapper als angenommen: Innenstaatssekretär Laurent Nunez sagte, es habe sich „um 15 bis 30 Minuten" gehandelt. Die Feuerwehr habe den Brand gerade noch rechtzeitig löschen können. Die Grundfesten der Kathedrale und die beiden Glockentürme halten nach seinen Worten stand, Sorgen bereiten aber weiter das Gewölbe und ein Giebel im nördlichen Querschiff.

Papst Franziskus würdigte den Mut der gut 400 Feuerwehrleute, die 15 Stunden lang den Brand bekämpft hatten. Sie hätten „ihr Leben riskiert", sagte er in seiner wöchentlichen Generalaudienz auf dem Petersplatz in Rom. Macron hatte die Einsatzkräfte als „Helden" bezeichnet.

Der Brand war am Montagabend im Dachstuhl der Kathedrale ausgebrochen und hatte sich rasend schnell über das gesamte Dach und ein Baugerüst ausgebreitet. Erst am Dienstagmorgen waren die Flammen vollständig gelöscht. Die Staatsanwaltschaft ermittelt wegen fahrlässiger Brandstiftung.

Zwei Drittel des Dachs sowie ein Spitzturm zerstört

Experten und Behörden kämpfen nun um die Sicherung des gut 850 Jahre alten Gebäudes. Zwei Drittel des Dachs und ein Spitzturm wurden bei dem Brand zerstört. Zahlreiche Kunstschätze fielen den Flammen zum Opfer, auch die Hauptorgel wurde beschädigt. Kostbare Reliquien, darunter die Dornenkrone Jesu, und das Hauptkreuz der Kirche konnten jedoch gerettet werden. Am Mittwoch wurde ein verloren geblaubter Bronze-Hahn gefunden, der bei dem Brand von der Turmspitze in die Tiefe gestürzt war. Die Skulptur ist wertvoll, da sie mehrere Heiligtümer beherbergt. (APA/AFP, TT.com)

Die Rettung der Kathedrale vor dem Einsturz war nach Angaben der Regierung noch knapper als angenommen.
Die Rettung der Kathedrale vor dem Einsturz war nach Angaben der Regierung noch knapper als angenommen.
- AFP

Herausforderungen beim Wiederaufbau

KOSTEN: Die Zahlen variieren je nachdem, ob traditionelle oder moderne Techniken zur Anwendung kommen. In jedem Fall werden die Sanierungsarbeiten nach Einschätzung von Experten mehrere hundert Millionen Euro kosten. Die Solidarität und Spendenbereitschaft der Menschen dürfte es aber erlauben, dass diese Kosten gedeckt werden. „Dieses Mal ist es nicht das Geld, das fehlen wird“, sagt der Berater der französischen Regierung für Kulturgüter, Stephane Bern.

ZEITRAUM:

Auch die Prognosen über die benötigte Zeit für den Wiederaufbau der Pariser Kathedrale variieren stark. Präsident Emmanuel Macron sagte nach der Katastrophe einen Wiederaufbau innerhalb von fünf Jahren zu. Bern dagegen geht von „mindestens zehn bis 20 Jahren“ aus.

Zunächst müssen die Schäden bewertet werden, danach muss entschieden werden, wie sie behoben werden sollen. Erst dann können die Ausschreibungen folgen. Zeit in Anspruch nehmen werden auch die Vorbereitungsarbeiten, etwa die Beseitigung der Wasserschäden durch die Löscharbeiten. Die Restaurierungsarbeiten selbst lassen sich nach Experteneinschätzung relativ schnell erledigen.

AUSSCHREIBUNGEN:

Im Gegensatz zu Kathedralen in anderen Ländern, die nicht dem Staat gehören, unterliegen die Ausschreibungen für den Wiederaufbau von Notre-Dame komplexen Regeln. Die bei den Ausschreibungen berücksichtigten Unternehmen können auf Subunternehmer zurückgreifen, die wiederum selbst auf Subunternehmer zurückgreifen können.

VERSICHERUNG:

Es droht eine langwierige Diskussion über die Versicherungsfrage: Wer ist für was verantwortlich? Allein herauszufinden, was genau die Brandursache war, dürfte schwierig werden.

WIEDERERÖFFNUNG FÜR BESUCHER:

Das Innere der Kathedrale soll wieder für die Öffentlichkeit zugänglich gemacht werden, und das so schnell wie möglich. Zunächst muss aber die Stabilität der Gewölbe gesichert sein. Die Behörden und das Bistum wollen eine Wiedereröffnung für Gläubige und Touristen innerhalb eines vernünftigen Zeitraums.

GEWÖLBE UND DACHSTUHL:

Die Gewölbe könnten durch zwei unmittelbar aufeinanderfolgende Temperaturschocks - durch das Feuer und anschließend das Löschwasser - in Mitleidenschaft gezogen worden sein. Eine Einsturzgefahr besteht Experten zufolge nicht, weil der Dachstuhl bei dem Bau keine stabilisierende Rolle gespielt habe. Es ist nicht das erste Mal, das eine Kathedrale über kein Dach mehr verfügt.

Der historische Holz-Dachstuhl, dessen Ausarbeitung bis ins 12. Jahrhundert oder noch weiter zurückreicht, ist für immer verloren. Die Konstruktion war eine der schönsten Frankreichs, für Architekturhistoriker handelt es sich um einen enormen Verlust. Viele Architekten fordern einen originalgetreuen Wiederaufbau, andere dagegen plädieren für eine schnellere Neukonstruktion aus Stahl oder Beton.

Der Dachstuhl war aus Eichenholz gefertigt, das zum Bauzeitpunkt bereits zwischen 100 und 150 Jahre alt war. Für eine Nutzung beim Wiederaufbau hätten solche Eichen bereits spätestens im 19. Jahrhundert angepflanzt werden müssen.

SPITZTURM:

Die Rekonstruktion des 93 Meter hohen und bei dem Feuer eingestürzten Spitzturms dürfte problemloser sein. Der Turm war bereits im 19. Jahrhundert rekonstruiert worden.

BAUGERÜSTE:

Nötig werden riesige und komplexe Baugerüste sein. Allein die Gewölbe sind 33 Meter hoch, zur Stützung könnten komplexe Gerüste notwendig sein. Auch eine gigantische Plane über der Kathedrale während der Trocknungsphase wahrscheinlich.