Letztes Update am Fr, 19.04.2019 13:15

TT / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


Lawinenunglück in Kanada

Lawinendrama um Auer und Lama: „Das waren die Besten der Besten“

Die Tiroler Bergsteiger und Kletterer David Lama und Hansjörg Auer sowie ihr US-Kollege Jess Roskelley sind bei einem Lawinenabgang in Kanada verunglückt. Die Betroffenheit ist groß.

Die kanadischen Behörden gehen vom Tod von David Lama (l.) und Hansjörg Auer (r.) aus.

© RB ContentDie kanadischen Behörden gehen vom Tod von David Lama (l.) und Hansjörg Auer (r.) aus.



Innsbruck, Alberta - Nicht heute. Vielleicht morgen. Wenn überhaupt. Peter Ortner stand stellvertretend für viele, die sich auf TT-Nachfrage nicht zur Lawinentragödie von David Lama (28), Hansjörg Auer (35) und dem US-Amerikaner Jess Roskelley (36) äußern wollten - oder konnten. Das Trio wurde am Mittwoch auf dem Weg zum „Howse Peak" in Alberta, nahe der Provinz British Columbia, von einer Lawine verschüttet. Die Chancen, dass jemand überlebt haben könnte, sind gleich null.

Der Osttiroler Extrem-Bergsteiger Ortner, der sich mit seinen beiden Freunden Lama und Auer 2014 vergebens der Masherbrum-Nordwand in Pakistan gestellt hatte, war am Donnerstagnachmittag gleichermaßen sprach- wie fassungslos. Es war einfach (noch) nicht die Zeit für Worte, nicht die Zeit, das Unbegreifliche greifbar zu bekommen.

„Es ist noch so vieles ungeklärt", bat auch die Tiroler Trainerlegende Reini Scherer um Verständnis. So wie Heiko Wilhelm, Geschäftsführer des Österreichischen Kletterverbandes, der mit seinem Ötztaler Talkollegen Hansjörg Auer wohl einen seiner besten Freunde verlor.

Was alle verbindet, ist das Wissen, auf welch schmalem Grat sich Extrem-Bergsteiger im Allgemeinen und Ausnahmekönner wie Lama und Auer im Besonderen bewegen. Noch dazu, wenn sie sich für Pioniertaten oder Extremgeschichten solo bzw. free solo (ohne jede Sicherung) entscheiden.

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Habeler: „David war eine Ikone"

Erschüttert zeigte sich auch die Tiroler Bergsteigerlegende Peter Habeler. „Schlimm, schlimm, schlimm. Das waren die Besten der Besten. Überflieger im positiven Sinn", so Habeler. Vor allem Lama stand Habeler sehr nahe: „David war eine Ikone."

Die Zillertaler Alpinistenlegende erinnerte sich an den fünfjährigen David Lama, der damals einen Kletterkurs bei ihm besucht hatte. „Mit einem Schmunzeln hab ich gesagt: 'David, du kletterst ja schon wie ein Weltmeister. Du wirst einmal Weltmeister'", so Habeler. Er habe sofort gesehen, dass da ein außergewöhnlicher Könner heranreift. Später habe Lama dann den Übergang von den Kletterhallen in die freie Wildnis, zum traditionellen Bergsteigen, geschafft: „Er hat die Natur mögen. Die mögen ja auch nicht alle. Er wurde ein Vorbild für viele. David war ein humorvoller, ruhiger Mensch. Ich habe ihn über alle Maßen geschätzt".

Ewig im Gedächtnis werde ihm auch die gemeinsame Tour mit Lama über die berühmte Heckmair-Route durch die Eiger-Nordwand im Jahr 2017 bleiben - 43 Jahre nach Habelers und Reinhold Messners Rekorddurchsteigung. Mit fast 75 Jahren schaffte Habeler, mit Lamas Hilfe, noch einmal die Eiger-Bezwingung. Kurz nach der Tour sei er dann wegen einer Verletzung im Krankenhaus gelegen. „Und wer hat mich als erster besucht? David", so der Zillertaler.

Beeindruckend an Lama sei zudem gewesen, dass dieser auch die „Kunst des Umdrehens" bei widrigen (Wetter)-Verhältnissen beherrscht habe. Deshalb könne er sich auch vorstellen, dass der Lawinenabgang in Kanada bereits beim Zustieg passiert ist, und nicht erst in der Eiswand. Man brauche Glück, um in diesem Dimensionen zu überleben. Es sei keine Frage des Könnens. „Denn gekonnt haben diese Burschen ohnehin alles", sagte der 76-Jährige.

Messner: „Schlimmes Unglück"

Tief betroffen zeigte sich auch Extrembergsteigerlegende Reinhold Messner. „Es ist ein sehr schlimmes Unglück, schrecklich", sagte Messner. Alle drei hätten zu den besten Bergsteigern der Welt gehört, erklärte der Südtiroler.

Sowohl Lama als auch Auer habe er persönlich gut gekannt, so Messner, der den Angehörigen sein tiefes Mitgefühl aussprach. Lama habe seine „Kletterkunst in große Dimensionen getragen" und zudem über eine „starke Ausstrahlung" verfügt. Auer wiederum, mit dem er in noch engerem Kontakt stand, sei „in jeder Disziplin absolute Weltspitze" gewesen. Er vermute, dass bei dem Unglück in den Rocky Mountains ein Stück der Eiswand heruntergebrochen ist und letztlich zu dem tödlichen Unfall geführt hat.

Der Unfall zeige einmal mehr, dass das traditionelle Bergsteigen, bei dem man sich in die „absolute Wildnis" begebe und dabei alles selber mache, „wahnsinnig gefährlich" sei. „Es handelt sich dann nicht mehr um eine Frage des Könnens, sondern von Glück und Unglück", meinte Messner.

Von den Weltbesten, die sich in diesem Bereich bewegen, komme die Hälfte ums Leben - dies sei schon immer so gewesen. „Bergsteigen in dieser Dimension ist faszinierend. Aber es ist auch schwer zu vertreten", zeigte sich Messner nachdenklich.

Van der Bellen, Kurz und Platter tief betroffen

Bundespräsident Alexander Van der Bellen äußerte sich via Twitter: „Nach einem tragischen Lawinenunglück sind zwei unserer bekanntesten Alpinisten und Kletterer, David Lama und Hansjörg Auer, noch immer vermisst. Meine Gedanken sind in dieser schweren Zeit bei der Familie und den Freunden der beiden jungen Tiroler."

Auch Bundeskanzler Sebastian Kurz (ÖVP) meldete sich auf Twitter zu Wort:

Auch Landeshauptmann Günther Platter zeigte sich tief betroffren. „Es sind schreckliche Nachrichten, die uns aus Kanada erreichen. Die beiden Tiroler Extrembergsteiger David Lama und Hansjörg Auer werden nach einem Lawinenabgang vermisst. Auch wenn wir die Hoffnung nicht aufgeben wollen, müssen wir vom Schlimmsten ausgehen. Meine Gedanken sind bei ihren Familien und Freunden, denen ich viel Kraft in diesen schweren Stunden der Ungewissheit wünsche", schrieb Platter auf seiner Facebook-Seite.

Auch der Ausrüster der drei Alpinisten geht von einem Unglück aus. „Wir haben erfahren, dass drei Mitglieder unseres Global Athletes Teams, David Lama, Jess Roskelley und Hansjörg Auer, am 16. April in der kanadischen Provinz Alberta vermutlich von einer Lawine verschüttet worden sind", so The North Face in einem Statement. Man warte auf weitere Informationen.