Letztes Update am Sa, 20.04.2019 10:07

TT / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


Lawinenunglück in Kanada

Lawinendrama um Auer und Lama: Wetter lässt keine Bergung zu

Das Wetter behindert die Suchkräfte bei der Bergung der vermissten Bergsteiger. Vor einem Monat kündigte Hansjörg Auer die Route als „ganz harte Nuss“ an.

Die Berge waren seine Leidenschaft: David Lama auf der Slackline.

© Red Bull Content Pool/FerrigatoDie Berge waren seine Leidenschaft: David Lama auf der Slackline.



Banff — Der Freitag war ein Tag des Wartens, Warten auf eine traurige, offizielle Bestätigung. Der letzte Funken an Hoffnung, dass David Lam­a (28), Hansjörg Auer (35) und ihr US-Bergkamerad Jess Roskelley (36) doch noch lebend gefunden werden, verflog jedoch spätestens um 16 Uhr, als Lamas Eltern auf der Homepage ihres Sohnes einen kurzen Nachruf veröffentlichten.

Zuvor hatten weder das österreichische Außenministerium noch die kanadischen Behörden die Namen und den Tod der drei Ausnahme-Bergsteiger offiziell bestätigt. An ein Wunder glaubte da kaum noch jemand. „Angesichts der Erkundungen vor Ort muss man davon ausgehen, dass alle drei Mitglieder der Gruppe tot sind", erklärte die Nationalparkverwaltung, ohne Namen zu nennen.

Bergung wegen des Wetters derzeit nicht möglich

Die Bergung der Verunglückten nach dem Lawinenunglück am 3295 Meter hohen Howse Peak in den kanadischen Rocky Mountains war am Freitag erneut nicht möglich. Zwar hatten die Rettungskräfte bei einem Hubschrauberflug bereits am Donnerstag Anzeichen für mehrere Lawinen und Ausrüstungsgegenstände entdecken können. Die Suchmannschaften hätten aus der Luft außerdem einen teilweise von Schnee bedeckten Körper gesehen, hieß es von der Parkverwaltung.

Wind, Niederschlag und Temperaturen um die 7 Grad Celsius sorgten am Freitag für eine erhöhte Lawinengefahr in der Gegend, 60 Kilometer nördlich des Skiweltcuports Lake Louise. An eine Bergung war nicht zu denken.

Angesichts der Erkundungen vor Ort muss man davon ausgehen, dass alle drei Mitglieder der Gruppe tot sind
Nationalparkverwaltung Parks Canada

Schon jetzt fragen sich viele, nicht nur in der Kletterszene, auf welches Abenteuer sich die Ausnahmeathleten eingelassen haben und ob das Risiko kalkulierbar war. Wie hoch die Lawinengefahr zum Zeitpunkt des Unglücks war, können die offiziellen Stellen nicht nachvollziehen. Ein Mitarbeiter der Nationalparkverwaltung Parks Canada, Stephen Holeczi, sagte laut New York Times auf einer Pressekonferenz, dass der Gipfel außerhalb der regulären Lawinenüberwachungszone liegen würde.

Einige Tiroler kennen das betreffende Gebiet rund um den Banff-Nationalpark aus eigener Erfahrung. Deutschsprachige Anbieter von Heli-Skiing-Reisen bieten mehrtägige Pakete an, bei denen man zwischen den Orten Banff, Lake Louise und Revelstoke zu verschneiten Pulverhängen geflogen wird.

Wetter auf Kletterroute am Howse Park unbekannt

Unterhalb der zahlreichen Gipfel der kanadischen Rocky Mountains tun sich weite, völlig unberührte Landschaften auf. Die Lawinenlage wird von den Guides vor Ort gezielt und auf lokale Abschnitte begrenzt eingeschätzt. Die Kletterroute am Howse Peak sei aber so abgelegen, erklärte Park-Mitarbeiter Holeczi, dass man nicht einmal die Wetterbedingungen der letzten Tage genau kenne.

Der Howse Peak erhebt sich mit 3295 Metern direkt vor einem See. Vom Ufer aus sieht man die beeindruckende Ostwand des Berges. Dort wollten die drei Bergsteiger über einen schwierigen, zuvor erst einmal gemeisterten Aufstieg den Gipfel erreichen.

Von einer oder mehreren Lawinen mitgerissen

Vor etwa zwei Wochen sollen Auer, Lama und Roskelley in der Region eingetroffen sein. Laut derzeitigem Wissensstand dürften sie am Dienstag eine oder mehrere Lawinen mitgerissen haben. Wie der Ausrüster und gemeinsame Sponsor der drei, „North Face", mitteilte, wurde seit Mittwoch (Ortszeit) ein Unglück vermutet.

Hansjörg Auer nach der Solo-Erstbegehung eines Siebentausenders in Pakistan.
Hansjörg Auer nach der Solo-Erstbegehung eines Siebentausenders in Pakistan.
- Hansjörg Auer

Wie tragisch das Abenteuer enden sollte, war Lama und Auer sicher nicht bewusst. Wie gefährlich es werden kann, schon. Als Auer vor genau einem Monat mit der Tiroler Tageszeitung über einen Kletterfilm sprach, kündigte er am Rande des Gesprächs seine nächsten Unternehmungen an. Im Sommer habe er einiges vor. „Davor aber bin ich im April für zwei Wochen in Kanada. Ich will eine Route wiederholen", sagte er, ohne auf Details und seine Begleiter einzugehen. Nur eines wusste Hansjörg Auer schon damals: „Das wird ganz eine harte Nuss."

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David Lama, der geborene Kletterer

„Das Wellenreiten faszinierte mich schon länger, also habe ich mir vor fünf Jahren ein Brett geschnappt und bin raus aufs Meer. Selbstredend habe ich dabei einiges auf die Schnauze bekommen. Aber spannend wird's nur, wenn man die Komfortzone verlässt", sagte David Lama im vergangenen Herbst. Da war er gerade von einem Surftrip aus den Äußeren Hebriden (Schottland) zurückgekehrt. Wassertemperatur: 12 Grad Celsius. So war er, der David. Stets auf der Suche nach neuen Herausforderungen.

Papa Rinzi ein nepalesischer Bergführer, Mama Christine Innsbruckerin — die Natur war von Kindesbeinen an seine Welt. Und das Klettern. Nach zwei Jugend-WM-Titeln gewann er 2006 mit 16 Jahren als Erster einen Weltcupbewerb im Vorstieg und Bouldern in einer Saison. 2010 der Wechsel in die Berge, auf denen er ebenfalls lichte Höhen erklomm. Wie letztmals am 25. Oktober 2018, als er mit der Erstbesteigung des Lunag Ri (6985 m) in Nepal erneut Alpingeschichte schrieb. Lama hatte noch so viele Projekte im Kopf — es wollte nicht mehr sein. (m.?i.)

Hansjörg Auer, der leise Typ

2007 steigt ein junger Ötztaler durch die Route „Weg durch den Fisch" in der Marmolata-Südwand: 37 Seillängen, 1200 Klettermeter, Schwierigkeitsgrad bis 9-. Hansjörg Auer durchsteigt die Route free solo — nur mit Helm und Magnesiumbeutel ausgerüstet. Und hätten nicht Bergsteiger ein Foto gemacht, hätte wohl kaum jemand von dieser Tour erfahren.

Jahre später erzählt Auer im TT-Gespräch, dass ihn vor allem sein „frecher Zugang" zu der weltweit für Aufsehen sorgenden Aktion fasziniert hätte. Auer berichtet aber auch, dass ihn die öffentliche Aufmerksamkeit danach unter Druck gesetzt hätte. Er glitt in die Magersucht, hatte depressive Verstimmungen. Beides überwand er und unternahm zahlreiche Expeditionen, darunter auch Erstbegehungen.

Bei einer davon, 2015 in Nepal, verunglückte sein Freund Gerhard Fiegl aus Umhausen. Gemeinsam mit Alexander Blümel aus Mötz musste Auer alleine absteigen. „So etwas ist schwer zu akzeptieren. Denn man macht alles und hofft, dass so etwas nicht passiert. Aber es kann eben doch passieren", sagte Auer danach. (i.r.)