Letztes Update am Di, 23.04.2019 17:02

TT / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


Trauer um Weltklasse-Kletterer

Lama, Auer und Roskelley: Tod bei Abstieg, Überstellung unklar

Am Sonntag wurden die Leichen der zwei Tiroler Alpinisten David Lama (28) und Hansjörg Auer (35) sowie des US-Amerikaners Jess Roskelley (36) am Fuße des Howse Peak (3295 Meter) im Nationalpark Banff gefunden. Sie dürften nach dem Gipfelsieg beim Abstieg von einer Lawine erfasst worden sein.

Das letzte Foto von Jess Roskelley, Hansjörg Auer und David Lama.

© The Spokesman-ReviewDas letzte Foto von Jess Roskelley, Hansjörg Auer und David Lama.



Canmore, Alberta — Die näheren Umstände des Lawinentodes der Tiroler Bergsteiger und Kletterer David Lama (28) und Hansjörg Auer (35) sowie ihres US-Kollegen Jess Roskelley in den kanadischen Rocky Mountains sind geklärt: Die drei starben während des Abstiegs vom Berg Howse Peak im Banff-Nationalpark. Indes bleibt der Zeitpunkt der Überstellung der Leichen der beiden Tiroler vorerst weiter unklar.

Man habe bis dato noch keine Informationen seitens der Familien der Verunglückten, wie die weitere Vorgangsweise von statten gehen soll, sagte Außenministeriumssprecher Peter Guschelbauer. Das Management von David Lama erklärte, dass es sich bei der Überstellung um "nicht öffentlich relevante Details" handle. Die Familie werde sich zu einem spätere Zeitpunkt noch einmal äußern - was die Trauerfeierlichkeiten anbelangt.

Leichen am Sonntag gefunden

Das Trio galt seit vergangenem Dienstag als vermisst. Die drei anerkannten Ausnahme-Alpinisten wollten den 3.295 Meter hohen Howse Peak über eine sehr schwierige Route an der Ostseite des Berges besteigen. Eine Lawine begrub die drei Männer unter sich. Am Sonntag wurden ihre Leichen schließlich mit Hilfe von Lawinenhunden gefunden.

Wie der The Spokesman Review berichtet, wurde dabei auch ein Handy von Roskelley gefunden. Darauf war ein Foto der drei Bergsteiger gespeichert, das die drei lachend zeigt. Das Foto dürfte einen Hinweis darauf geben, dass die Kletterer den Gipfel erreichten, bevor sie von der Lawine erwischt wurden. Am Montag wurde auf dem Instagram-Profil von Roskelley dieses Foto veröffentlicht:

Betroffenheit und Trauer

Die Parkverwaltung sprach den Angehörigen und Freunden der Bergsteiger am Ostersonntag (Ortszeit) bei Twitter ihre Anteilnahme aus und dankte der örtlichen Polizei, Feuerwehr und den Piloten der Bergrettung.

Der Tod der Bergsteiger hatte in der Alpinistenszene und weltweit Bestürzung ausgelöst. Die Bergsteigerlegenden Peter Habeler und Reinhold Messner zeigten sich tief betroffen und würdigten die Leistungen von Lama und Auer. "Schlimm, schlimm, schlimm. Das waren die Besten der Besten. Überflieger im positiven Sinn", sagte etwa Habeler.

Auch die Politik trauerte um die beiden Tiroler Alpinisten. Bundespräsident Alexander Van der Bellen und Bundeskanzler Sebastian Kurz (ÖVP) hatten den Familien bereits vergangene Woche ihr Beileid ausgesprochen. Am Dienstag kondolierte auch Vizekanzler und Sportminister Heinz-Christian Strache (FPÖ). "Mit David Lama und Hansjörg Auer verlieren Tirol und Österreich zwei ihrer bedeutendsten und bekanntesten Extrembergsteiger, die die internationale Kletterszene wesentlich geprägt haben", so Strache in einer Aussendung.

Lama und Auer hätten die "lange Tradition des österreichischen Alpinismus bewahrt und weiterentwickelt und dabei zahlreichen jungen Bergsteigern als Inspiration und Ansporn gedient". "Ihr Tod macht nicht nur die Kletterszene betroffen, sondern auch zahlreiche Österreicherinnen und Österreicher - darunter auch mich, als Bewunderer ihrer großartigen Leistungen", erklärte der Vizekanzler.

Die Familien selbst äußerten sich schon am vergangenen Freitag online zum Unglück. "David lebte für die Berge und seine Leidenschaft für das Klettern und Bergsteigen hat uns als Familie geprägt und begleitet. Er folgte stets seinem Weg und lebte seinen Traum. Das nun Geschehene werden wir als Teil davon akzeptieren", schrieben etwa Lamas Eltern.

David Lama, der geborene Kletterer

„Das Wellenreiten faszinierte mich schon länger, also habe ich mir vor fünf Jahren ein Brett geschnappt und bin raus aufs Meer. Selbstredend habe ich dabei einiges auf die Schnauze bekommen. Aber spannend wird's nur, wenn man die Komfortzone verlässt", sagte David Lama im vergangenen Herbst. Da war er gerade von einem Surftrip aus den Äußeren Hebriden (Schottland) zurückgekehrt. Wassertemperatur: 12 Grad Celsius. So war er, der David. Stets auf der Suche nach neuen Herausforderungen.

Papa Rinzi ein nepalesischer Bergführer, Mama Claudia Innsbruckerin — die Natur war von Kindesbeinen an seine Welt. Und das Klettern. Nach zwei Jugend-WM-Titeln gewann er 2006 mit 16 Jahren als Erster einen Weltcupbewerb im Vorstieg und Bouldern in einer Saison. 2010 der Wechsel in die Berge, auf denen er ebenfalls lichte Höhen erklomm. Wie letztmals am 25. Oktober 2018, als er mit der Erstbesteigung des Lunag Ri (6985 m) in Nepal erneut Alpingeschichte schrieb. Lama hatte noch so viele Projekte im Kopf — es wollte nicht mehr sein. (m.i.)

„Kein Spiel ohne Risiko"

David Lama galt als Ausnahmetalent der Alpinisten- und Klettererszene. Einer seiner größten Erfolge war die erste Begehung der Kompressor-Route am Cerro Torre mit Peter Ortner im freien Kletterstil im Jahr 2012. Im vergangenen Herbst gelang ihm die Erstbesteigung des 6.895 Meter hohen Lunag Ri in Nepal über den Westpfeiler im Alleingang.

Die Route über den Howse-Pass gilt als extrem schwierig.
Die Route über den Howse-Pass gilt als extrem schwierig.
- imago

Freunde Lamas hatten am Freitag eine Abschiedsbotschaft auf seine Webseite gestellt. „David lebte seine Passion für den Alpinismus mit vollster Überzeugung. (...) Er war ein Freigeist durch und durch. Viel zu früh ist diese Reise nun zu Ende gegangen", hieß es da. Seine Eltern schrieben dort: „Er folgte stets seinem Weg und lebte seinen Traum. Das nun Geschehene werden wir als Teil davon akzeptieren." Seit Freitag gab es auf der Seite zahlreiche Beileidsbekundungen.

Der Ötztaler Hansjörg Auer wurde vor allem durch seine Free Solo-Klettertouren bekannt — das heißt die Begehung einer Kletterroute im Alleingang unter Verzicht auf technische Hilfs- und Sicherungsmittel. Im April 2017 kletterte Auer etwa die 37 Seillängen und 1.220 Meter lange Route „Weg durch den Fisch" (Schwierigkeitsgrad 7b+) in den Dolomiten auf diese Weise.

Auf Auers Webseite posteten Familie und Freunde Gedanken des Bergsteigers aus dem Jahr 2015. „Klettern und Bergsteigen im Grenzbereich ist kein Spiel ohne Risiko — aber eines ohne das ich nicht leben kann", hieß es da.

Der 36-jährige Jess Roskelley war der Sohn des bekannten US-Bergsteigers John Roskelley. Beide hatten 2003 gemeinsam den Mount Everest bestiegen. Zu diesem Zeitpunkt war Jess Roskelley 20 Jahre alt und damit der jüngste Bergsteiger, der den höchsten Berg der Welt bezwang.

Die Familie Roskelleys veröffentlichte in der Nacht zum Montag auf dessen Instagram-Konto ein Zitat des Bergsteigers. Zudem dankte sie der Kletter-Gemeinde, sowie Freunden, Bekannten und dem Team jener Outdoor-Bekleidungsmarke, die die Extremsportler gesponsort hatte.

Hansjörg Auer, der Stille

2007 steigt ein junger Ötztaler durch die Route „Weg durch den Fisch" in der Marmolata-Südwand: 37 Seillängen, 1200 Klettermeter, Schwierigkeitsgrad bis 9-. Hansjörg Auer durchsteigt die Route free solo — nur mit Helm und Magnesiumbeutel ausgerüstet. Und hätten nicht Bergsteiger ein Foto gemacht, hätte wohl kaum jemand von dieser Tour erfahren.

Jahre später erzählt Auer im TT-Gespräch, dass ihn vor allem sein „frecher Zugang" zu der weltweit für Aufsehen sorgenden Aktion fasziniert hätte. Auer berichtet aber auch, dass ihn die öffentliche Aufmerksamkeit danach unter Druck gesetzt hätte. Er glitt in die Magersucht, hatte depressive Verstimmungen. Beides überwand er und unternahm zahlreiche Expeditionen, darunter auch Erstbegehungen.

Bei einer davon, 2015 in Nepal, verunglückte sein Freund Gerhard Fiegl aus Umhausen. Gemeinsam mit Alexander Blümel aus Mötz musste Auer alleine absteigen. „So etwas ist schwer zu akzeptieren. Denn man macht alles und hofft, dass so etwas nicht passiert. Aber es kann eben doch passieren", sagte Auer danach. (i.r.)

Hansjörg Auer und David Lama waren auf ihrer zweiten gemeinsamen Expedition unterwegs.
Hansjörg Auer und David Lama waren auf ihrer zweiten gemeinsamen Expedition unterwegs.
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