Letztes Update am Mi, 25.09.2019 06:59

TT / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


Explosion in St. Jodok

Rätseln nach Explosion in St. Jodok: Helfer verhinderten noch Ärgeres

Nach der fatalen Gasexplosion am Montagvormittag in St. Jodok mit elf Verletzten wurde gestern die Leiche der 91-jährigen vermissten Frau geborgen. Das Land hat Opfern und der Gemeinde Hilfe zugesagt.

Einsatzkräfte am Unglücksort in St. Jodok.

© APAEinsatzkräfte am Unglücksort in St. Jodok.



Von Nikolaus Paumgartten

Vals, St. Jodok — Am Vormittag nach der gewaltigen Explosion im Ortszentrum von St. Jodok stehen die Suche nach der 91-jährigen Vermissten und die Ermittlungen zur Unglücksursache an erster Stelle. Während Polizeibeamte die Brandruine, den Schuttkegel und die freigelegte Gasleitung begutachten und fotografieren, haben andere damit begonnen, das Areal mit einem Spurhund abzusuchen.

Augenzeuge Patrick Zwölfer: "Ich wollte sie da rausholen. Aber ich habe es nicht mehr geschafft. Ich hab’ sie dann noch schreien gehört."
Augenzeuge Patrick Zwölfer: "Ich wollte sie da rausholen. Aber ich habe es nicht mehr geschafft. Ich hab’ sie dann noch schreien gehört."
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Patrick Zwölfer, Pächter des benachbarten Hotel Lamm, steht der Schock rund 24 Stunden nach dem Ereignis noch deutlich ins Gesicht geschrieben. Zum Zeitpunkt der Explosion war er mit seiner Frau und der vier Monate alten Tochter in der Wohnung im Hotel. „Wir haben dann den Riesenknall gehört und die Splitter der Fensterscheiben sind in das Zimmer geflogen", berichtet er. Nachdem er seine Familie in Sicherheit gebracht hatte, rannte er zum Haus und traf dort auf die 91-jährige Frau. Weil diese jedoch eingeklemmt war, habe er ihr nicht mehr helfen können.

„Ich habe alles versucht. Ich wollte sie da rausholen. Aber ich habe es nicht mehr geschafft. Ich hab' sie dann noch schreien gehört", lässt Patrick Zwölfer den Rettungsversuch noch einmal Revue passieren, ehe ihm die Stimme versagt. Er sei dann wegen des eingeatmeten Rauchs in der Klinik behandelt worden. Auch seine Tochter sei sicherheitshalber untersucht worden, weil sie nach der Explosion nur noch geweint hatte.

In der Zwischenzeit hat Georg Tollinger, technischer Geschäftsführer der Tigas, den Ort des Unglücks erreicht. Denn wie mittlerweile feststeht, hat eine angebohrte Gasleitung letztlich zur Explosion geführt. „Wir arbeiten mit der ausführenden Firma bereits lange zusammen und haben schon Hunderte Aufträge von ihnen durchführen lassen. Das ist der erste derartige Vorfall", sagt Tollinger, der sich den genauen Unfallhergang noch nicht erklären kann.

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Fest steht jedenfalls, dass durch die rasche Evakuierung des Gebäudes das Ausmaß der Katastrophe den Umständen entsprechend reduziert werden konnte. Auch der Einsatz der Feuerwehren hat den Ort vor einem noch größeren Unglück bewahrt.

Ein Bohrkopf riss ein großes Loch in die Leitung, Gas strömte aus und gelangte über das Erdreich in das Gebäude.
Ein Bohrkopf riss ein großes Loch in die Leitung, Gas strömte aus und gelangte über das Erdreich in das Gebäude.
- zeitungsfoto.at

„Direkt neben dem Haus ist das Hotel und die Bank", erklärt der Valser Bürgermeister Klaus Ungerank Landeshauptmann Günther Platter, als dieser sich selbst am späten Vormittag ein Bild von der Katastrophe macht. „Wenn da der falsche Wind geht, dann brennt uns der halbe Ort ab", sagt Ungerank.

Auf dem Schuttkegel beginnen Feuerwehrleute Sichtschutzplanen aufzuspannen, während zwei Männer mit einer Bergetrage anrücken. Schnell macht die Nachricht die Runde, dass Suchhund „Remus" fündig geworden ist. 24 Stunden nach der Explosion ist es schließlich traurige Gewissheit: Die Leiche der 91-jährigen Frau wird aus den Trümmern geborgen.

Bezirkshauptmann Michael Kirchmair und Landeshauptmann Günther Platter ließen sich von Bürgermeister Klaus Ungerank und Steinachs Postenkommandanten Burkhard Kreutz (v. l.) über den aktuellen Stand der Dinge unterrichten.
Bezirkshauptmann Michael Kirchmair und Landeshauptmann Günther Platter ließen sich von Bürgermeister Klaus Ungerank und Steinachs Postenkommandanten Burkhard Kreutz (v. l.) über den aktuellen Stand der Dinge unterrichten.
- zeitungsfoto.at

„Das Mitgefühl gilt den Angehörigen der toten Frau und den elf Verletzten", drückt Landeshauptmann Platter sein Beileid aus. Gleichzeitig bedankt er sich für rasche und professionelle Hilfe bei den Einsatzkräften. Er stehe in engem Kontakt mit der Gemeinde und der Tigas und werde gemeinsam über Unterstützungen für die Familien und den Ort sprechen. Zunächst müssten aber auch noch die Versicherungsfragen geklärt werden.

Abgesehen von dem tragischen menschlichen Verlust, so der Landeshauptmann, sei mit der Explosion und der Zerstörung des Nahversorgers auch ein wichtiger Teil der Infrastruktur von St. Jodok verloren gegangen.

Nicht nur das Geschäft wurde bei der Explosion völlig zerstört, das ganze Gebäude muss wohl abgerissen werden.
Nicht nur das Geschäft wurde bei der Explosion völlig zerstört, das ganze Gebäude muss wohl abgerissen werden.
- zeitungsfoto.at

Explosion gibt weiter Rätsel auf

Von Benedikt Mair

Innsbruck – Anfängliche Vermutungen haben sich bestätigt: Eine angebohrte Gasleitung ist, wie gestern Vormittag bekannt wurde, Ursache für die verheerende Explosion eines Gebäudes in St. Jodok am Montagvormittag, bei der eine 91-Jährige in den Trümmern starb. Eine „Verkettung unglücklicher Umstände“ sei dem Unglück vorausgegangen, sagt Christoph Hundertpfund, Chefermittler des Landeskriminalamtes. Restlos geklärt ist der Hergang aber noch nicht.

Ein Spezialbauunternehmen hat im Auftrag der Tigas, wie berichtet, unweit des Hauses Bohrarbeiten durchgeführt. Dabei wurde eine Gasleitung getroffen. Derzeit sei davon auszugehen, „dass die elektronisch überwachte Tiefenbohrung vom vorgesehenen Trassenverlauf abgewichen ist“, heißt es in einer Stellungnahme der Tigas.

Das bestätigt auch LKA-Ermittler Hundertpfund. Zum Grund der fehlgeleiteten Bohrung – ob es technisches oder menschliches Versagen war – lasse sich noch nichts sagen. „Das Gas konnte wegen der Asphaltdecke (die Leitung verläuft unter einer Straße, Anm.) nicht direkt verflüchtigen und bahnte sich durch den Untergrund seinen Weg in das Haus.“ Laut Hundertpfund konnte es dort nur eindringen, weil das Gebäude mehrere hundert Jahre alt ist und keinen betonierten Boden hat.

Aus wissenschaftlicher Sicht scheint das schlüssig, führt Bernhard Klötzer, Professor für physikalische Chemie an der Uni Innsbruck, aus: „Gas sucht sich immer den Weg des geringsten Widerstandes, um zu entweichen.“ Asphalt sei sehr komprimiert, das Erdreich für gewöhnlich nicht.

Ungeklärt ist immer noch, warum es schlussendlich zur Explosion kam. „Ob sich die Ursache überhaupt finden lassen wird, müssen wir schauen“, meint Christoph Hundertpfund. Derzeit fänden Einvernahmen dazu statt.

Sei eine kritische Menge an Gas – Erdgas, wie im Fall St. Jodok, besteht meist aus Methan – vorhanden, brauche es aber nur einen kleinen Funken, um die Explosion auszulösen, sagt Professor Klötzer. „Methangas ist besonders tückisch, weil es sich leicht verbreitet. Sind in der Luft zehn Prozent davon enthalten, wird es besonders explosiv. Das Betätigen eines Lichtschalters reicht, um die Reaktion auszulösen.“ Deren Wucht könne kein Dach, keine Wand standhalten.

Inzwischen hat die Innsbrucker Staatsanwaltschaft gegen vorerst Unbekannt ein Verfahren wegen fahrlässiger Gemeingefährdung eingeleitet.