Letztes Update am Mi, 09.10.2019 07:23

TT / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


Sommer 2019

61 Tote auf Tirols Bergen: „Wie die Nadel im Heuhaufen“

In Tirols Bergen starben heuer im Sommer 61 Menschen — zwölf mehr als noch im Vorjahr. Immer öfter müssen Verunfallte bei langen und kräftezehrenden Einsätzen gesucht werden.

Die Besatzungen von Rettungs- und Polizeihubschrauber im Bergeeinsatz.

© ZOOM.TIROLDie Besatzungen von Rettungs- und Polizeihubschrauber im Bergeeinsatz.



Von Benedikt Mair

Innsbruck — Der Anstieg ist drastisch. Ein Grund dafür sei der weiter anhaltende Trend hin zum Wander- und Bergsport, sagt Karl Gabl, Präsident des Österreichischen Kuratoriums für Alpine Sicherheit. „Er ist modern und salonfähig." 61 Menschen starben in diesem Sommer, zwischen 1. Mai und 29. September, in den Tiroler Bergen. Vergangenes Jahr waren es 49, im Zehnjahres­schnitt sind es 54. Bundesweit passierten in der zurückliegenden Sommersaison 162 tödliche Bergunglücke.

Karl Gabl, der gestern gemeinsam mit Tiroler Alpinpolizei und Bergrettung die Unfallstatistik für die Sommermonate präsentiert, ist noch etwas aufgefallen: „Die Leute sind wieder bei jedem Wetter unterwegs, nehmen die Prognosen wenig ernst." Häufigste Ursachen für Bergunglücke seien Stürzen, Stolpern, Ausrutschen, was der Präsident des Kuratoriums für Alpine Sicherheit auf „mangelnde Vorsicht und Trittsicherheit" zurückführt.

In Tirol wuchs die Zahl der Verunfallten von 994 im Jahr 2018 auf heuer 1013 an — ein trauriger Rekord. Es sind so viele Verletzte und Tote wie noch nie in den vergangenen zehn Jahren, der Schnitt liegt bei 789. Die mit Abstand meisten Unfälle in Tirol passierten beim Bergwandern (544, davon 35 tödlich), gefolgt vom Mountainbiken (129, davon zwei tödlich). Beim Klettern verunglückten 60 Menschen, acht starben dabei.

„Je mehr Menschen in den Bergen unterwegs sind, desto größer ist die Chance, dass etwas passiert", meint Viktor Horvath, Leiter der Tiroler Alpinpolizei, und schließt von den stetig wachsenden Touristen- auf den Anstieg der Unfallzahlen. Der starke Schneefall im Jänner ist für Horvarth eine der Hauptursachen dafür, dass es heuer so viele Tote gab. „Noch lang in den Sommer hinein sind Schneefelder liegen geblieben, viele Wanderer sind darauf ausgerutscht."

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Zahlen und Fakten

Trauriger Rekord: 162 Menschen verunglückten im vergangenen Sommer in Österreichs Bergen tödlich — so viele wie nie seit dem Jahr 2010. Der Durchschnitt der vergangenen zehn Jahre lag bei 143 Alpintoten.

Männerdomäne: Im alpinen Raum verunfallten zwischen Mai und Ende September dieses Jahres bundesweit 2230 Menschen (2018: 2226). Der überwiegende Teil davon (61 Prozent) waren Männer. Die meisten Unfallopfer kamen aus Österreich (46 Prozent), gefolgt von Deutschland (38 Prozent).

Wandern, Radeln, Klettern: Am häufigsten verunfallten Menschen beim Bergwandern (1113), gefolgt vom Mountainbiken (576) und dem Klettern (142).

Nicht die Frage nach dem Warum oder Wieviele, sondern jene nach dem Wo beschäftigt den Landesleiter der Tiroler Bergrettung: „Wir haben einige Unfall-Hot-Spots, die uns Kopfzerbrechen bereiten." Hermann Spiegl nennt die Ortsstellen von Innsbruck, Mayrhofen oder Lienz, welche die Flut an Einsätzen kaum noch zu bewältigen wissen. „In Sölden gibt es Tage, an denen die Retter viermal ausrücken müssen." Spiegl prangert die mangelnde Einbindung der Bergrettungen in die lokalen Sicherheitskonzepte an.

Erschreckend, darin sind sich Spiegl, Horvarth und Gabl einig, ist besonders der Zuwachs bei den Suchaktionen. „Zwischen 1. November 2018 und 29. September 2019 wurden im alpinen Gelände in Tirol 124 Suchaktionen verzeichnet", zitiert Alpinpolizist Horvarth die Jahresstatistik. Im selben Zeitraum ein Jahr zuvor seien es lediglich 97 gewesen. Allein das telefonische Durchsagen der Position reiche oft nicht aus, um Verirrte oder Verletzte zu finden. Gelöst werden könne dieses Problem durch digitale Hilfsmittel. Horvath: „Die Möglichkeiten der technischen Ortung sind vielfältig. Dabei ist die klassische Handy-Ortung oft nicht ausreichend, sie ist um ein paar hundert Meter ungenau, was in den Bergen sehr viel ist." Die Suche sei dann so „wie jene nach der Nadel im Heuhaufen".

Von der Experten werden eigens für punktgenaue Lokalisierung programmierte Handy-Apps empfohlen. „Etwa die Notfall-App EU-SOS-Alp, die seit September zur Verfügung steht", rät Karl Gabl. „Ein Knopfdruck und die Leitstelle, die den Einsatz koordiniert, weiß genau, wo der zu Rettende sich befindet."


- APA