Letztes Update am So, 13.10.2019 13:48

TT / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


TT-Magazin

Wildunfälle vermeiden:

Wild retten, nicht wild fahren

Alle viereinhalb Stunden kommt es in Tirol zu einem Wildunfall. Dem kann man jedoch vorbeugen – durch Geschick am Steuer und moderne Assistenzsysteme.

Ein Elch auf der Straße? Im Waldviertel kollidierte ein Auto Anfang des Jahres mit einem 160-Kilo-Elch. Moderne Assistenzsysteme beugen dem vor.

© Volvo Car GroupEin Elch auf der Straße? Im Waldviertel kollidierte ein Auto Anfang des Jahres mit einem 160-Kilo-Elch. Moderne Assistenzsysteme beugen dem vor.



Von Judith Sam

Ob verliebtes Reh, unkonzentriert dahintrippelnde Wildschweinrotte oder liebestoller Fuchs – die Vorstellung, diese Tiere zu beobachten, klingt interessant. Im Zoo. Aber bitte nicht im Straßenverkehr! Meldet das Kuratorium für Verkehrssicherheit doch, dass es in Tirol alle 4,5 Stunden zu einem Wildunfall kommt.

Diese hohe Zahl überrascht Hubert Sima, Leiter des ÖAMTC Fahrtechnik Zentrums in Innsbruck, nicht: „Zu uns kommen auffallend viele Kunden, die bereits verunfallt sind und jetzt eines unserer Trainings buchen, um künftige Wildunfälle zu vermeiden.“ Dabei ließen sich diese Kollisionen relativ gut vermeiden: „Durch richtiges Lenken, Bremsen, Blicken.“

Überforderte Routiniers

Simas Regeln sind simpel. In der Theorie. In der Praxis scheitern selbst routinierte Fahrer daran: „Viele beherrschen die Notbremsung mangels Übung nicht.“ Statt entschlossen und kräftig mit dem linken Fuß auf die Kupplung und mit dem rechten auf die Bremse zu treten, agieren sie zu sanft oder lassen die Pedale zu früh los: „Bleiben Sie im Notfall so lange darauf, bis das Auto steht.“

Ein weiteres gängiges Problem ist die falsche Blicktechnik: „Der Mensch lenkt intuitiv in die Richtung, in die er schaut. Als Kind sind Sie mit dem Rad auf den Randstein zugefahren, den Sie meiden wollten. Heute visiert der Lenker das Reh an und steuert unbewusst darauf zu.“ Richtig wäre hingegen, am Tier vorbei auf die Lücke zu sehen, durch die man gefahrlos vorbeifahren kann.

Zu guter Letzt betont Sima das richtige Lenken: „Gefühlvoll bitte. Nicht verreißen. Zerrt man in Panik wild nach links und rechts, kann der Wagen im schlimmsten Fall ausbrechen.“

Die Kurse, in denen diese Tipps trainiert werden, kosten zwischen 174 und 325 Euro: „Je nachdem, ob der Coach nur eine Person oder eine Gruppe betreut. Bei beiden Varianten lernt man zusätzlich sein eigenes Auto besser kennen – etwa, welche Sicherheitssysteme darin verbaut sind, die dem Fahrer im Notfall assistieren.“

Innovative Gehilfen

Diesbezüglich ist Micha-Emanuel Hauser, Gesamtverkaufsleiter des Innsbrucker Autoparks, Experte: „Mit modernen Autos überfährt man im Grunde kein Wild mehr – was der eigenen Gesundheit dient, Versicherungskos­ten reduziert und nicht zuletzt das Leben des Tieres rettet.“

Das Spektrum der Assistenzsys­teme ist breit: „Es beginnt beim Thema Licht, was anfangs eher banal klingt.“ Doch moderne, kamerabasierte Lichtsysteme leuchten bis zu 600 Meter in die Ferne, ohne Gegenverkehr oder den Vordermann zu blenden. „Laser tasten die Umgebung ab, erkennen, wo sich Hindernisse befinden, woraufhin das System den Lichtstrahl dementsprechend reguliert. Die umliegenden Wiesen werden bis zu einem Winkel von 45 Grad taghell erleuchtet“, erklärt Hauser.

Dasselbe System informiert den Kollisionsassistenten: „Bei Gefahr initiiert der eine Vollbremsung – ohne Zutun des Fahrers, wohlgemerkt.“ Einen Schritt weiter denkt der Ausweichassistent, der das Hindernis umfährt. Die Kamera im Auto erkennt etwa, dass links neben dem Reh genug Platz für ein Ausweichmanöver ist und kein Gegenverkehr kommt.

In Schweden testet Volvo derzeit die so genannte Auto-zu-Auto-Kommunikation, die im kommenden Jahr auch in Österreich eingesetzt wird. „Über WLAN und eine Cloud sind Autos miteinander vernetzt. Erkennt ein Assistenzsystem ein Hindernis, schickt es diese Warnung an die hinter ihm Fahrenden. Dort erscheint ein Warndreieck am Display“, weiß der Autopark-Experte. Ähnlich arbeiten Echtzeitverkehrsmelder, die Informationen auf das Navi spielen.

Bitte hupen

Doch so effizient die modernen Helferlein sind – die Verantwortung trägt doch noch der Fahrer. Auch wenn autonom fahrende Wägen am Vormarsch sind. Bis es so weit ist und man sich auf der Heimfahrt bequem in ein Buch vertiefen kann, statt auf die Straße zu starren, hat Sima noch einige Ratschläge parat, die selbst Fahrer ohne Routine und moderne Assistenzsysteme beherzigen können: „Beim Anblick eines Tieres gilt es zu hupen, das Tempo anzupassen und das Fernlicht abzuschalten. Geblendete Tiere wissen nämlich nicht, wohin sie in der Panik sausen.“

Auch wenn das Tier die Fahrbahn bereits überquert hat oder davoneilt, sollte man weiter vorsichtig sein, da Wildtiere oft in Gruppen unterwegs sind: „Halten Sie großen Abstand zum Vorderfahrzeug und fahren Sie bremsbereit. Sie würden sich wundern, in wie vielen Fällen so triviale Tipps Leben retten.“