Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Di, 15.09.2015


Justiz und Kriminalität

Profiler beleuchtet alten Mordfall im Bezirk Reutte

Der deutsche Kriminalist Axel Petermann hat sich des Falls Angelika Föger angenommen. Er will noch im Herbst ein Ergebnis präsentieren – auch eines, das Angehörigen vielleicht nicht gefallen könnte.

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© Mittermayr Helmut



Von Helmut Mittermayr

Höfen, Reutte – Eine Gefälligkeitsexpertise ist nicht zu erwarten. Aber das will Walter Föger auch nicht. Der Reuttener, dessen Frau im Jahr 1990 ermordet wurde, konnte sich nie mit der offiziellen Gerichtswahrheit abfinden. Er glaubt an andere oder weitere Täter als jenen, der verurteilt worden war. Aber vor allem will er die Wahrheit erfahren, um endlich selbst auch einmal mit der Tragik seines Lebens ab- und mit sich selbst Frieden schließen zu können. Seit mehr als zwei Jahrzehnten kämpft er um eine Neuuntersuchung der Vorgänge. Nun hat sich Axel Petermann – der derzeit bekannteste Profiler Deutschlands – bereiterklärt, den Fall zu analysieren.

Der Kriminologe verbringt fünf Tage im Außerfern, genauer gesagt in der Firma Artpress in Höfen. Sie hat Räumlichkeiten zur Verfügung gestellt, in der der ehemalige Gräner Tatort exakt nachgebaut wurde. Das Büro, in dem das Verbrechen in Grän den Ausgang nahm; Blutlachen; der Raum, in dem die Sterbende abgelegt worden war – alles ist bis ins Detail rekonstruiert. An einer lebensgroßen Puppe werden die Einstiche markiert, jeder Blutspritzer an Wänden samt Austrittswinkel ist festgehalten. Gestern wurde den ganzen Tag die Kleidung des Opfers untersucht.

Petermann vertritt den interdisziplinären kriminalistischen Ansatz des Profilings, wonach der Schlüssel zur Klärung eines Tötungsdeliktes durch die Interpretation der Spuren am Tatort und die Analyse der Opferpersönlichkeit zu finden ist. Da die Auswahl des Opfers und die Tatortspuren auf Entscheidungen des Täters basieren, ließen sie Rückschlüsse auf das Profil des Täters zu und könne dadurch das Motiv der Tat deutlich werden.

Der Fachbuchautor aus Bremen will auch im Mordfall Föger nichts „von außen“ hören. Schon gar nicht, was alles zum Thema gesagt oder veröffentlicht wurde. „Ich will nicht das übernehmen, was andere für wahr halten, und mir eine eigene Meinung bilden, was der Tatort hergibt.“ Der Kriminalist arbeitet mit der These, dass jeder Täter Bedürfnisse hat, die sich als Spuren am Tatort und Verletzungen am Opfer widerspiegeln. Die behördlichen Ermittlungsakten liegen dem Deutschen natürlich detailliert vor. Keine leichte Zeit für Walter Föger, sind doch unzählige schreckliche Bilder der Bluttat, deren Anblick er sich in dieser Form selbst noch nie ausgesetzt hatte, an den Wänden fixiert. Axel Petermann schickt auch Föger, wann immer es geht, weg. Er will alleine bleiben mit seiner akribischen Arbeit und keinen Einflüsterungen ausgesetzt sein.

Der Dozent für Kriminalistik an der Hochschule für Öffentliche Verwaltung arbeitet bei seiner Analyse mit einer Dreisäulentheorie. Neben dem Tatort sind für ihn die rechtsmedizinischen Aspekte äußerst wichtig. Etwa, in welcher Reihenfolge die Verletzungen erfolgten. „Die dritte Säule ist das Opfer selbst. Warum ist Angelika Föger ermordet worden? Wurde sie gezielt ausgesucht oder war es eine tragische Verkettung von Umständen? Hätte auch eine andere Person das Opfer werden können?“, plaudert Petermann gegenüber der Tiroler Tageszeitung aus der Schule.

„Ein Problem sind die vielen vermeintlichen Fachleute, die von außen begründet und unbegründet Kommentare dazu abgegeben haben“, sagt Petermann. Mit Hinzufügungen und Weglassungen würden Bilder entstehen, die zu unangebrachten Tatannahmen verleiten könnten. Auch die Verteidigungsstrategie eines Angeklagten müsse nichts mit dem tatsächlich Vorgefallenen zu tun haben. Er warnt davor, dass sich wegen der oftmals widersprüchlichen Informationen auch die Opferfamilie nach einem Urteil verrennen könne. So misst der Profiler etwa einem blutverschmierten Leintuch, das erst Stunden nach dem Mord am Tatort gesehen wurde, keine Bedeutung bei, weil es nie dokumentiert wurde. Für Föger hingegen ist das Leintuch geradezu das Paradebeispiel behördlichen Unvermögens.

„Familie Föger setzt sich sicherlich dem Risiko aus, dass ich zu einer ganz anderen Analyse kommen werde, als sie sich die Tat seit Jahren zusammenreimen“, sagt Profiler Petermann. Dem Angesprochenen ist das bewusst: „Aber ich will die ganze Wahrheit erfahren, damit ich endlich abschließen kann. Selbstverständlich kommt es darauf an, wie glaubhaft man mir Ungereimtes erklären kann.“ Einen Grund für die Validität seiner Aussagen liefert Petermann abseits seines fachlichen Rufes: „Ich bin nicht aus Tirol und vertrete niemandes Interessen.“ Frühestens im Oktober, spätestens im November kann er Klartext reden.