Letztes Update am Di, 13.10.2015 07:05

TT / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


Tirol

Polizeischutz nach Überfällen am Rand der Innsbrucker Innenstadt

Nach dem ungewöhnlich brutalen Überfall am Wochenende will die Polizei den Bereich Friedensbrücke am Rand der Innsbrucker Innenstadt stärker überwachen.

Nächtliche Überfälle wie zuletzt in Innsbruck sind für die Opfer besonders dramatisch.

© iStockNächtliche Überfälle wie zuletzt in Innsbruck sind für die Opfer besonders dramatisch.



Von Thomas Hörmann und Marco Witting

Innsbruck – Der Überfall in der Nacht zum Samstag auf einem Firmenparkplatz in der Nähe des Innsbrucker Frachtenbahnhofs war ungewöhnlich brutal. Nicht nur, dass die vier Räuber teilweise mit Pistolen bewaffnet waren. Sie zielten auch auf die Kufsteiner Opfer und luden die Waffen durch. Mit der Geldtasche eines Unterländers flüchteten die Täter.

Der Raub war bereits der dritte Vorfall innerhalb weniger Wochen im Nahbereich der Friedensbrücke. Für Innsbrucks Polizeichef Martin Kirchler Grund genug, künftig mit Streifen „in diesem Bereich nachts verstärkt präsent zu sein.“ Insbesondere auch wegen der brutalen Vorgangsweise beim Raub am Wochenende.

Die beiden „Raubdelikte“ am 2. und am 4. Oktober ebenfalls im Bereich der Friedensbrücke relativiert Kirchler: Das seien Körperverletzungen, unter anderem mit entsprechender Vorgeschichte, gewesen. Tatsächlich war’s juristisch betrachtet ein Diebstahl, als drei Männer einem 16-Jährigen beim Geldwechseln einen zweistelligen Eurobetrag abnahmen. Die Prügel bezog der Jugendliche erst, als er sein Geld zurückforderte. Der dritte Vorfall im Bereich der Friedensbrücke betraf einen Außerferner (16), der nach einer verbalen Auseinandersetzung niedergeschlagen und dabei schwer verletzt, aber nicht bestohlen wurde.

Kirchler sieht die Häufung der Gewalttaten in diesem Bereich in Zusammenhang mit der Nähe mehrerer Nachtlokale (Rhombergpassage, Bogenmeile). Und dem Alkoholkonsum der Beteiligten. Nichtsdestotrotz „setzen wir alles daran, die Täter auszuforschen und derartigen Zwischenfällen dort möglichst vorzubeugen“, verspricht der Innsbrucker Polizeikommandant.

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Die „Beute aushändigen und nicht den Helden spielen“, rät der bekannte Gerichtspsychiater Reinhard Haller für den Fall eines Überfalls. Denn Täter, die einen derartigen Überfall begehen, hätten eine besonders niedrige Hemmschwelle oder verspürten einen besonders hohen Druck. „Das sind keine lange geplanten Taten, sondern das ergibt sich spontan aus der Situation heraus. Es sind oft Menschen, die Drogenprobleme haben oder aus unmittelbarer Not heraus handeln. Diese Täter haben in ihren Augen nichts zu verlieren“, sagt Haller. Und das sei nicht ungefährlich, erklärt der Psychiater. Denn die Gewaltbereitschaft sei vorhanden und so könnten die Überfälle „ganz schnell aus dem Ruder laufen“.

Wie man solche Taten vermeiden kann? Haller sieht das nüchtern. „Im besten Fall die Straße wechseln. Aber auf jeden Fall nicht auf einen Kampf einlassen. Erhöhte Polizeipräsenz kann hier sicher allgemein helfen.“ Die Folgen eines solchen Überfalls für die Opfer könnten, egal ob mit Gewaltanwendung oder nicht, jedenfalls „dramatisch“ sein.

Das kennt naturgemäß auch Lucas Lorenz, Landesleiter der Opferschutzorganisation Weißer Ring. Allzuoft, auch in der medialen Berichterstattung, würde bei brutalen Raubüberfällen auf offener Straße der Fokus auf die Täter gerichtet. Der Opferschutz komme zu kurz. Dabei sei es enorm wichtig, dass Menschen, die gerade eine traumatische Erfahrung hinter sich gebracht hätten, rasch mit der Aufarbeitung beginnen. Bei Überfällen gebe es natürlich rechtliche Hilfe, wichtiger sei aber, die Psyche wieder in den Griff zu bekommen. Lorenz: „Je früher man das Trauma bearbeitet, desto früher kann man es verarbeiten. Wir haben schon Situationen gehabt, da haben sich Menschen nach einem Überfall komplett zurückgezogen.“

Menschen, die nachts in der Stadt überfallen werden, sollen nicht Angst vor abendlichen Ausflügen haben. „Das kann zur sozialen Isolation führen.“

Wie jemand mit einem derartigen Trauma umgehe, hänge oft von seinem Charakter und dem Umfeld ab. „Das kann man pauschal nie so genau sagen, aber beim Gros der Fälle ist es so, dass Menschen, die ohnehin schon Probleme hatten, nach derartigen Überfällen oder Straftaten größere Probleme haben“, sagt man beim Weißen Ring. Psychologische Hilfe sei jedenfalls bei Jüngeren kein Problem mehr. Menschen über siebzig hätten hier noch immer eine gewisse Scheu, sagt Lorenz.

Die Friedensbrücke in Innsbruck.
Die Friedensbrücke in Innsbruck.
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