Letztes Update am Mo, 07.12.2015 13:52

TT / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


Deutschland

Ex-Auschwitz-Wachmann wegen Mordes in 170.000 Fällen vor Gericht

Er soll beim Massenmord in Auschwitz geholfen haben. Mehr als 70 Jahre später soll nun ein früherer SS-Wachmann vor Gericht. Eine späte Genugtuung für die einen - zu spät, werden andere sagen.

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© TT / Thomas Böhm(Symbolfoto)



Detmold – Wegen Beihilfe zum Mord in mindestens 170.000 Fällen im Vernichtungslager Auschwitz muss sich ein ehemaliger SS-Mann aus Lippe im kommenden Jahr vor Gericht verantworten. Das Landgericht Detmold hat die Anklage gegen den heute 93-Jährigen zugelassen.

Die Hauptverhandlung werde voraussichtlich Mitte Februar 2016 beginnen, teilte das Landgericht am Montag mit. Die nordrhein-westfälische Zentralstelle für NS-Verbrechen bei der Staatsanwaltschaft Dortmund wirft dem Rentner vor, zwischen 1943 und 1944 am Massenmord in Auschwitz beteiligt gewesen zu sein.

Nach Erkenntnissen der Dortmunder Ermittler war der Angeklagte 1942 in das Nazi-Konzentrationslager Auschwitz versetzt worden. Dort soll er unter anderem als Angehöriger des SS-Totenkopfsturmbanns Auschwitz für die Bewachung des Stammlagers zuständig gewesen sein, auch ankommende Transporte soll er bewacht haben.

Der Angeklagte habe mit seiner Arbeit als Wachmann die vieltausendfachen Tötungen der Lagerinsassen fördern oder zumindest erleichtern wollen, warf ihm die Staatsanwaltschaft vor. Ihm sei bewusst gewesen, das dieses System mit so vielen Toten nur funktionieren konnte, wenn die Opfer durch Gehilfen wie ihn bewacht wurden.

Zwischen Mai und Juni 1944 seien etwa 92 Transporte mit jüdischen Deportationsopfern aus Ungarn eingetroffen. Nicht arbeitsfähig eingestufte Menschen seien in die Gaskammer getrieben worden. Solche Selektionen habe es auch unter Gefangenen gegeben. Fast an jedem Wochenende habe es Massenerschießungen gegeben. Der Angeklagte habe eingeräumt, in Auschwitz eingesetzt worden zu sein. Allerdings bestritt er bislang seine Beteiligung an den Tötungen.

Ursprünglich sollte eine Entscheidung über die Verfahrenseröffnung bereits im Juni fallen. Die Verteidigung hatte allerdings die Verhandlungsfähigkeit ihres Mandanten in Zweifel gezogen. Das Gutachten eines Facharztes für Psychiatrie und Geriatrie bescheinigte dem 93-Jährigen schließlich, für zwei Stunden pro Prozesstag verhandlungsfähig zu sein.

Die Eröffnung des Hauptverfahrens gegen den Mann sei für die Überlebenden von Auschwitz ein weiterer Akt später Gerechtigkeit, sagte Christoph Heubner, der Exekutiv-Vizepräsident des Internationalen Auschwitz Komitees. „Darüber hinaus ist dieser Prozess angesichts der Zukunfts- und Gewaltfantasien, die Rechtsextreme und Neonazis heute nicht nur in Deutschland mit dem Wort Auschwitz in Verbindung bringen, von beklemmender Aktualität.“ Im Internationalen Auschwitz Komitee haben sich Überlebende und ihre Organisationen zusammengeschlossen.

In Deutschland wurden zuletzt mehrfach SS-Leute, die in Auschwitz Dienst taten, noch in hohem Alter angeklagt. Das Landgericht Lüneburg hatte im Juli den 94-jährigen Ex-SS-Mann Oskar Gröning wegen Beihilfe zum Mord in 300.000 Fällen zu vier Jahren Haft verurteilt. (dpa)


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