Letztes Update am Mi, 09.12.2015 12:52

TT / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


Deutschland

NSU-Prozess: Zschäpe will nichts von Morden mitbekommen haben

Erstmals hat Beate Zschäpe – verlesen durch ihren Anwalt – im deutschen Neonazi-Terrorprozess ausgesagt. Von den Morden will sie jeweils erst im Nachhinein erfahren haben. Nur moralisch fühle sie sich verantwortlich.

Anders als bisher betrat Beate Zschäpe demonstrativ lächelnd den Gerichtssaal. Rechts ihr Anwalt Mathias Grasel.

© REUTERSAnders als bisher betrat Beate Zschäpe demonstrativ lächelnd den Gerichtssaal. Rechts ihr Anwalt Mathias Grasel.



München – Die mutmaßliche Rechtsterroristin Beate Zschäpe bestreitet eine Beteiligung an den Morden und Sprengstoffanschlägen des „Nationalsozialistischen Untergrunds“ (NSU). Sie will nicht mal Mitglied des NSU gewesen sein. Die Hauptangeklagte im deutschen Neonazi-Terrorprozess will jeweils erst im Nachhinein von den Taten ihrer Freunde Uwe Böhnhardt und Uwe Mundlos erfahren haben. Die 40-Jährige muss sich in dem Prozess als Mittäterin an allen Verbrechen verantworten, die dem NSU angelastet werden. Sie ist die einzige Überlebende des Trios.

Ich fühle mich moralisch schuldig, dass ich zehn Morde und zwei Bombenanschläge nicht verhindern konnte
Beate Zschäpe

Schuld räumte die mutmaßliche Rechtsterroristin nur moralisch ein. Wörtlich verlas ihr Anwalt: „Ich fühle mich moralisch schuldig, dass ich zehn Morde und zwei Bombenanschläge nicht verhindern konnte.“

Wiederholt schrieb Zschäpe in ihrer Aussage: „Ich war weder an den Vorbereitungshandlungen noch an der Tatausführung beteiligt.“ Auch bestritt Zschäpe, Mitglied in der Terrorgruppe „Nationalsozialistischer Untergrund“ gewesen zu sein. Abschließend richtete sie ein Wort an die Angehörigen der Opfer: „Ich entschuldige mich aufrichtig bei allen Opfern und allen Angehörigen der Opfer der von Mundlos und Böhnhardt begangenen Straftaten.“

Zschäpe will „sprach- und fassungslos“ gewesen sein

Die Aussage von Zschäpe wurde vollständig von ihrem Anwalt Mathias Grasel am Mittwoch im NSU-Prozess in München verlesen. An ihrem 19. Geburtstag habe sie Uwe Böhnhardt kennengelernt. Sie habe sich in ihn verliebt, sei aber noch mit Mundlos zusammen gewesen. Kurz nach Mundlos‘ Wehrdienst hätten sie sich getrennt. Anschließend sei sie eine Beziehung mit Böhnhardt eingegangen. So sei sie stärker in Kontakt zu Böhnhardts Freunden gekommen, die nationalistischer eingestellt gewesen seien als die von Mundlos.

Beate Zschäpes neue Verteidiger Hermann Borchert (l.) und Mathias Grasel (r.).
Beate Zschäpes neue Verteidiger Hermann Borchert (l.) und Mathias Grasel (r.).
- DPA POOL

Kernpunkt der Aussage war, Zschäpe habe von den Morden nichts gewusst. Vorher hätten sie Böhnhardt und Mundlos nicht informiert. Als sie davon erfahren habe, sei sie sprachlos und fassungslos gewesen.

Als sie von dem zweiten und dritten Mord – im Juni 2001 in Nürnberg und Hamburg – erfahren habe, sei ihr klar geworden, „dass ich resigniert hatte“. Zschäpe erklärte: „Mir wurde bewusst, dass ich mit zwei Menschen zusammenlebte, denen ein Menschenleben nichts wert war.“ Sie sei von den Taten abgestoßen gewesen, habe sich aber nach wie vor zu Böhnhardt hinzogen gefühlt. Sie habe sich dem Schicksal hingegeben, weiter mit den beiden Männern zu leben. „Nicht sie brauchten mich, ich brauchte sie.“

Zschäpe äußerte sich auch zu dem letzten NSU-Mord an der Polizistin Michèle Kiesewetter im April 2007 in Heilbronn, der bis heute viele Fragen aufwirft. Böhnhardt und Mundlos hätten erklärt, es sei ihnen dabei nur um die Pistolen der beiden Polizisten gegangen, auf die sie geschossen hatten. Ein Polizist hatte den Angriff überlebt.

Stundenlange Überzeugungsarbeit vergeblich

Sie habe versucht, Mundlos und Böhnhardt vom Morden abzuhalten, erklärte Zschäpe. „Ich erinnere mich, dass ich stundenlang auf sie einredete, mit dem Töten aufzuhören.“ Sie habe immer wieder mit dem Gedanken gespielt, zur Polizei zu gehen und das Leben im Untergrund zu beenden. Doch wegen der Selbstmorddrohung ihrer Freunde sei die Lage für sie unlösbar gewesen.

Polizei und Geheimdienste waren den drei mutmaßlichen NSU-Terroristen jahrelang nicht auf die Spur gekommen – auch wegen gravierender Ermittlungsfehler. Erst im November 2011 flog das Trio nach einem Banküberfall in Eisenach auf. Zschäpes mutmaßliche Komplizen Mundlos und Böhnhardt töteten sich nach bisherigen Erkenntnissen damals selbst, um einer Festnahme zu entgehen.

Zschäpe gestand, an diesem Tag die letzte Fluchtwohnung der Gruppe in Zwickau in Brand gesetzt zu haben. Vor der Brandstiftung sei sie durchs Haus gegangen, um sicherzustellen, dass sich niemand mehr darin befinde. Anschließend sei sie planlos vier Tage quer durch Deutschland gefahren, bevor sie sich der Polizei gestellt habe.

Zschäpe will Fragen nur schriftlich beantworten

Grasel hatte im Vorfeld eine umfassende Erklärung angekündigt: Zschäpes Aussage soll Angaben zu allen Anklagepunkten enthalten, die die Bundesanwaltschaft dem „Nationalsozialistischen Untergrund“ vorwirft, darunter zehn vorwiegend rassistisch motivierte Morde.

Die mutmaßliche Rechtsterroristin ließ sich zu Beginn der Verhandlung in München erstmals bereitwillig fotografieren. Kurz vor ihrer mit Spannung erwarteten Aussage wandte sie sich am Mittwochmorgen nicht – wie sonst – von den Kameras weg; sie lächelte.

Die Angeklagte will auch Fragen beantworten – aber nur des Gerichts und nur schriftlich und erst später. Grasel hat den Vorsitzenden Richter Manfred Götzl um einen schriftlichen Fragenkatalog gebeten. (tt.com/APA/dpa)