Letztes Update am Fr, 11.12.2015 15:24

TT / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


Tirol

Mord in Mühlbachl: Angeklagter bekennt sich nicht schuldig

Mehr als 150 Mal wurde auf einen 39-Jährigen in Mühlbachl brutal eingestochen. Der 25-jährige Angeklagte bestreitet die Tat.

Der 25-jährige Angeklagte wurde im Dezember nicht rechtskräftig zu 20 Jahren Haft verurteilt.

© TT/Thomas BöhmDer 25-jährige Angeklagte wurde im Dezember nicht rechtskräftig zu 20 Jahren Haft verurteilt.



Innsbruck, Mühlbachl – Eine besonders heftig durchgeführte Bluttat, die eine Menge an Indizien hinterlassen hat, führt am Landesgericht ab heute zu einem Mordprozess über drei Tage. Erst kommenden Donnerstag soll ein Urteil fallen.

Am 15. Dezember letzten Jahres war in Mühlbachl ein 39-Jähriger ermordet in seinem Haus aufgefunden worden. Schon Tage später forschte das Landeskriminalamt aufgrund von Handyauswertungen einen 25-jährigen Slowaken aus, der sich am Tattag im Haus des Opfers aufgehalten hatte. Das gab er auch zu. Er hatte den in einer Lebenspartnerschaft befindlichen 39-Jährigen über das Internet kennengelernt und soll den Mühlbachler schon zuvor auf einem Parkplatz und in dessen Wohnung getroffen haben. Der 25-Jährige bestreitet jedoch die Tat vehement – es gilt die Unschuldsvermutung. Auch am Freitag vor Richterin Verena Offer bekannte er sich nicht schuldig. Er habe das Opfer zwar an jenem Abend zu Hause besucht, sei nach einer halben Stunde jedoch wieder gegangen, sagte er.

Opfer regelrecht hingerichtet

„Mein Mandant will den 39-Jährigen ganz normal verlassen haben. Beim Abschied soll dieser noch eine Zigarette geraucht haben“, erklärte Verteidiger Hermann Rieder vor Prozessbeginn. Auch glaubt Rieder nicht, dass sein Mandant aufgrund seiner Statur zu dieser Tat überhaupt fähig war.

Schließlich stellt sich die Bluttat als ungewöhnlich brutal dar. Der 39-Jährige wurde nämlich nicht, wie bei einem Raubmord, mit wenigen gezielten Messerstichen getötet, sondern mit mehr als 150 Stichen regelrecht hingerichtet. Das Opfer wurde erst mit einem sehr dünnen Metallstab, ähnlich einer Ahle oder einem Pfriem, etliche Male an beiden Körperseiten gestochen. Erst anschließend verwendete der Täter höchstwahrscheinlich zwei verschiedene Messer und stach erneut mehrere Male zu. Erst durch den Blutverlust und eine Gaslunge war das Opfer leblos zusammengebrochen.

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Auch kam Gerichtspsychiaterin Adelheid Kastner beim Angeklagten zum Schluss, dass sich der Faktor spontane Aggression im Selbstbeurteilungsverfahren erniedrigt zeige.

Staatsanwältin sieht im Angeklagten den Mörder

„Im Faktor Erregbarkeit ergibt das Testverfahren einen Durchschnitt“, ergänzt Verteidiger Rieder, für den auch die Spuren nicht auf einen speziellen Täter schließen lassen. Ganz anders für Staatsanwältin Birgit Unterguggenberger und das Oberlandesgericht. Nach den gesammelten Indizien sieht sie im Angeklagten den Mörder. „Die Anklage stützt sich auf mehrere, insbesondere spurenkundliche Sachverständigengutachten und auf die Telefon- und Navigationsdaten des Angeklagten, aus denen sich die zeitliche und örtliche Nähe des Beschuldigten zum Tatgeschehen ergibt. In einem sehr aufwendigen Ermittlungsverfahren wurden von zehn Sachverständigen Gutachten erstattet, wie zum Beispiel eine Blutspurenmusteranalyse oder ein heizungstechnisches Gutachten zur Eingrenzung des Todeszeitpunktes“, hieß es seitens der Staatsanwaltschaft.

Staatsanwältin Unterguggenberger betonte beim Prozessauftakt am Freitag in ihrem Eingangsplädoyer gegenüber den Geschworenen nochmals, dass zum Mordfall über zehn Monate eingehend ermittelt worden war und sich alle Hinweise auf den Angeklagten konzentrieren würden. Anhand der vorliegenden Spuren wollte die Anklägerin ohnehin eher von Beweisen als von Indizien gegen den 25-Jährigen sprechen. So sei eine blutige Fußspur mit größter Sicherheit dem Angeklagten zuzuordnen, seien Mischspuren im Badezimmer des Opfers festgestellt worden und wären auch Fingerabdrücke des Angeklagten im Blut des Opfers sichergestellt worden.

Zuseher wurde ohnmächtig

Dass sich derlei Ausführungen offenbar nicht für jedermann eignen, zeigte ein Zuseher im Schwurgerichtssaal: Der Mann wurde währenddessen kurz ohnmächtig. Gerichtspsychiaterin und Ärztin Adelheid Kastner und ein Kriminalbeamter entschärften die Situation durch Hochlage der Beine. Nach fünf Minuten konnte das Plädoyer der Staatsanwältin fortgesetzt werden.

In diesem wies Unterguggenberger auch auf zeitliche Divergenzen zur Aussage des Angeklagten hin. So hätte der Mann nach seinen Schilderungen vom Verlassen des Tatortes bis zu seinem Wohnort im Unterland zweidreiviertel Stunden brauchen müssen, was mit der Realität nicht zusammenpasst. Auch hatte der Angeklagte vehement geleugnet, dass er schon zehn Tage zuvor beim Opfer übernachtet hatte.

Verteidiger Rieder stellte das Plädoyer der Anklage daraufhin völlig infrage. So sei das Opfer mit insgesamt 140 Stichen durch einen ahlenartigen Gegenstand und zwölf Messerstichen nicht wie unterstellt in der Art eines Raubmordes, sondern vielmehr ritualartig und in der Form eines Massakers hingerichtet worden. Eine derartige Tatausführung hätte bei seinem Mandanten wesentlich mehr Spuren und Blutanhaftungen zur Folge haben müssen.

Rieder sah bezüglich eines eventuellen Racheaktes den Kreis einer möglichen Täterschaft weit über seinen Mandanten hinaus ausgeweitet. Auch dass die Fuß- und Fingerspruren von seinem Mandanten stammen würden, war für Rieder in seinem Plädoyer keinesfalls erwiesen. Mit Hinweis auf die vorliegenden Beweise, Indizien und Widersprüche bei den Aussagen des Angeklagten forderte Anklägerin Unterguggenberger die Geschworenen auf, sich letztlich auf ihren Hausverstand zu verlassen. Verteidiger Rieder legte den Geschworenen nahe, während des dreitätigen Verfahrens genau zu prüfen und zu entscheiden, ob sein Mandant nicht als Täter ausscheiden müsse.

Psychiaterin Adelheid Kastner erklärte in ihrem Gutachten, dass der Beschuldigte ein psychisch gesunder Mensch sei. „Er ist im Besitz aller psychischen Fähigkeiten. Er kann sein Verhalten steuern und auch zwischen richtig und falsch unterscheiden“, meinte die Gutachterin. Außerdem sei er zum Tatzeitpunkt weder alkoholisiert noch berauscht gewesen. Der 25-Jährige war laut Kastner „bei Sinnen“. (fell, tt.com)


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